Den Koffer voller Lieder

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Foto: Carmelo Naranjo

Die argentinische Botschaft in Berlin widmet dem Schauspieler und Sänger Miguel Levin zu seinem 30. Bühnenjubiläum eine Ausstellung in ihren Räumen

Wer in der kommenden Woche zufällig während des Tages am Wittenbergplatz vorbeikommt – sei es auf der Jagd nach dem perfekten Winterschlussverkaufs-
schnäppchen im KaDeWe oder nach der perfekten Currywurst mit Pommes am Büdchen von Fritz & Co. (heißen die eigentlich noch so?) -, sollte unbedingt einen Abstecher in die unmittelbar an der Kleiststraße gelegene Argentinische Botschaft machen. Nur noch bis zum 4. Februar sind dort Fotos und Artefakte aus dem wilden Bühnenleben von Miguel Levin zu bewundern. Mit einem leisen Lächeln bezeichnet er sich selbst als „Mantelfeti-schisten“ und wer ihn schon einige Male auf der Bühne gesehen hat, weiß, dass er sich ohne schon beinahe nackt fühlt. Und vielleicht ist es der Mantel, in dem sich seine Art Chansons und Tangos zu interpretieren wie in einem theatralem Destillat ausdrückt: schlichte Eleganz ist darin zu finden, aber auch genau die richtige Prise Extravaganz, die er zu seinem Markenzeichen gemacht hat.

Miguel Levin ist einer, der sich in Berlin behauptet hat. „Ich hatte Glück“, sagt er rückblickend, „ich habe dafür aber auch hart gearbeitet.“ Er ist 1961 in Argentinien als Sohn eines während der Nazizeit emigrierten jüdischen Deutschen geboren, 1983 kehrte er mit seiner Familie nach Deutschland zurück. Damals war er 22 Jahre alt und sprach kein einziges Wort Deutsch. In seinem Geburtsland hatte er zuvor eine Schauspielaus-bildung abgeschlossen, in Berlin musste er sich nun einen neuen Freundes- und Wirkungskreis erschließen. „Ich kannte niemanden und ich war neu hier in Berlin“, erzählt er. Sein Vater wohnte damals an der Kurfürstenstraße, „im alten Westen“. Seine erste Begegnung mit der Berliner Schwulenszene ließ daher auch nicht lange auf sich warten. Nach und nach erweiterte sich sein Bekanntenkreis, 1984 traf er seinen ersten Freund.

Es gab viele erste Male in dieser Zeit für Miguel: Seinen ersten Auftritt hatte er 1983 bei Kostas, wie er sich gerne erinnert, im legendären Terzo Mondo. Es folgten weitere spanischsprachige Theaterabende, kleine Theaterrollen in renom- mierten Häusern, Soloprogramme. Er hatte Erfolg – nicht den großen, glamourösen Erfolg des bekannten Film- und Fernsehstars. Aber er setzte sich durch, noch dazu in einer Fremdsprache. „Ich war hartnäckig“, sagt er heute. „Ich habe alles selbst gemacht: mich um Gastspiele gekümmert, Fotos und Demobänder organisiert, Verträge geschlossen.“

Das Jahr 1989 dann war auch für Miguel Levin eine Art Wendejahr: neben einer Hommage an den schwulen spanischen Dichter Federico García Lorca begann er zu singen und sich auf das musikalische Erbe Argentiniens zu besinnen, das ihn bis heute nicht loslässt: den Tango. Die beiden Genres Gesang und Schauspiel hat er seitdem zu einer ganz eigenen Form verschmolzen, zu einer Art theatralem Chanson. Im selben Jahr spielte er seine erste Frauenrolle: die Titelrolle in einer biografischen Annäherung an die Bühnenlegende Sarah Bernhardt. Es sollte nicht seine letzte bleiben. 2001 etwa entwickelte er ein Theaterstück über Marlene Dietrich, zu deren 100. Geburtstag, das auch zahlreiche Chansons enthielt. „Auf der Suche nach einer verlorenen Seele“ wurde für ihn zu einem seiner meistgespielten Stücke, nicht nur in Berlin, sondern auch in den neuen Bundesländern, wo er häufig gastiert.

Foto: Jonathan Diaz

Foto: Jonathan Diaz

Gerade die alternden Filmdiven haben es ihm angetan. „Deren Widersprüchlichkeit fasziniert mich. Die Durchgeknalltheit und Launenhaftigkeit auf der einen Seite und ihre Reife und Lebenserfahrung auf der anderen Seite. Die haben einfach etwas erlebt“, sagt er. Anders als in der klassischen Travestie nähert er sich den Rollen psychologisch, von innen nach außen. „Ich versuche ihre Persönlichkeit zu erfassen, danach gestalte ich die Figur.“ Privat habe er wenig Divenhaftes an sich, im Gegenteil, sagt er. „Ich bin ein sehr bescheidener Mensch“, fügt er hinzu. Wenn er jedoch auf der Bühne die glänzenden schwarzen Federn an seinem Anzug zur Seite streicht und erbebend die letzten Noten von „Nur nicht aus Liebe weinen“ preisgibt, dann ist er mindestens so sehr Diva wie Zarah Leander.

In der aktuellen Ausstellung sind zahlreiche Fotografien aus unterschiedlichen Phasen seines Bühnenschaffens zu sehen nebst Bühnenkostümen und Plakaten. Die argentinische Botschaft würdigt mit der Retrospektive anlässlich seines Bühnenjubiläums, dass er sich nicht nur konsequent und in seiner Heimatsprache mit seinem Herkunftsland beschäftigte, sondern im Laufe der Jahre zahlreiche Verbindungsstellen zur deutschen Kultur fand, mit der er sich immer wieder auch auf der Bühne auseinandersetzte.

Die Ausstellung ist leider schon vorüber, aber Miguel hat mir neue Auftrittstermine für 2014 geschickt, diesmal tritt er im Wilde Oscar auf. Das ist klasse, weil man da auch gut essen kann. Einfach ein schönes Ambiente für einen gelungenen Abend. Premiere ist am 30. Januar, weitere Vorstellungen: 31.01., 06.03., 10./11.04., 03./04.07., 09./10.10. und 04./05.12.2014, jeweils 20.00 Uhr. Einlass ab 18.00 Uhr. Tickets: 10/13 EUR unter 030/479 974 47 oder bei Eventim.

Im Jahr 2005 hatte ich erstmals das Vergnügen, auf Miguel zu treffen, ein längerer Artikel auf tangokultur.info war das Ergebnis.

Erstveröffentlichung: Siegessäule Nr. 1-2013, S. 13 „Mit Vollgas unterwegs“

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Argentina Over The Rainbow

Broschüre

Argentinische Botschaft stellte Reisebroschüre für Lesben und Schwule vor

Es ist eine noch junge Entwicklung, doch das argentinische Tourismusministerium hat vor rund zwei Jahren die schwullesbische Zielgruppe für sich entdeckt. Das kommt nicht von ungefähr, gilt Argentinien doch derzeit als das Land mit einer der fortschrittlichsten Homo- und Transgender-/Transsexuellen-Gesetzgebungen weltweit. Seit 2010 werden dort gleichgeschlechtliche Ehen nicht nur geschlossen, sondern der Heteroehe in allen rechtlichen Belangen gleichgestellt, im vergangenen Jahr trat ein vieldiskutiertes Genderidentitätsgesetz in Kraft, das die Änderung des Geschlechts auf der Geburtsurkunde erlaubt – ein riesiger Schritt für Trans*-Menschen und Intersexuelle. Die Offenheit gegenüber LGBTI-Lebensweisen ist derzeit also Regierungsprogramm.

Aber selbst vor diesem offenen Hintergrund erscheint eine aktuelle Initiative der Argentinischen Botschaft in Berlin ungewöhnlich progressiv: noch vor Weihnachten wurde eine von dort aus in Auftrag gegebene Broschüre vorgestellt, die deutschsprachigen schwulen und lesbischen Reisenden einen ersten Vorgeschmack auf die touristischen Highlights des Landes geben soll. Die zwanzigseitige pdf „Argentina over the Rainbow“ steht auf der Botschaftsseite kostenlos zum Download bereit. Sie informiert neben klassischen Reisethemen wie Kultur, Geschichte sowie Sport- und Outdoor-Möglichkeiten über die Bandbreite an Naturerlebnissen, die das Land bietet, landesweite schwullesbische Events und Ausgehmöglichkeiten in der Hauptstadt Buenos Aires. Angenehm fällt daran auf, dass ein großes Bemühen um Ausgewogenheit zwischen lesbischen und schwulen Themen zu erkennen ist, die Zielgruppe reisefreudiger Schwuler also nicht – wie gemeinhin üblich – bevorzugt ihren Niederschlag in Wort und Bild findet.

Bei der Zusammenstellung hat sich die Botschaft auf Berliner Szene-Expertise verlassen: Jürgen Bieniek, erfahrener Journalist und Reiseveranstalter von gaysontour, zeichnete für die Zusammenstellung von Text und Bild verantwortlich.

Dass die argentinische Regierung sich nicht nur um Homosexuelle bemüht, sondern tatsächlich seit einigen Jahren ein beliebtes Reiseland auch bei Schwulen und Lesben ist, soll eine Studie der Tourismusbehörde von Buenos Aires belegen: Rund ein Fünftel aller Reisenden, die im Jahr 2008 Argentinien besucht haben, sollen schwul, lesbisch, bi- oder trans* gewesen sein. Umgerechnet wären das etwa 900.000 Menschen. Wie diese Zahl erhoben wurde, ist allerdings unklar, insofern ist sie aus meiner Sicht erst einmal mit Vorsicht zu genießen.

Wer eine Reise nach Argentinien plant und sich noch weitere Tips für Schwule und Lesben holen möchte, findet diese nebst Vor-Ort-Berichterstattung meiner Wenigkeit in Ausgabe Nr. 2/12 des Magazins Queer Travel, dessen Redakteurin ich bis Ende 2012 war. Die pdf steht hier zum kostenlosen Download bereit.

Anlässlich der ITB 2013, die am 6.3. mit den Händlertagen startet, moderiere ich am Samstag, dem 9.3. ab 16.00 Uhr eine Veranstaltung der Argentinischen Botschaft, in deren Rahmen die Broschüre noch einmal vorgestellt wird. Es gibt Queer Tango zu sehen von Astrid Weiske und Donata Gerdes sowie Rainer Köck und Mathias Ewert. Darüber hinaus gibt es eine Verlosung und zum krönenden Abschluss auch noch eine kleine Verkostung argentinischer Wein- und Empanada-Spezialitäten. Die ITB 2013 ist am 9./10.3. für alle Reiseinteressierten geöffnet. Wo: Messe Berlin, Pink Corner, Halle 2.1., Stand 105 (Argentinien), Samstag, 9.3.2013, 16-17 Uhr.

Eine erste Veranstaltung zum LGBTI-Tourismus in/nach Argentinien habe ich im September 2011 im Berliner Axel-Hotel moderiert. Hier gibt es ein paar Eindrücke dazu…

Erstveröffentlichung: www.queer-travel.net, Januar 2013

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Wenn Tangoschuhe laufen lernen

Unterwegs in den Schuhwerkstätten von Buenos Aires

Fotos: Torsten Moebis

Manchmal beschleicht einen das Gefühl, eine Milonga sei ein geheimer Treff von Fußfetischisten. Alle Blicke der Umsitzenden richten sich auf die Füße der Tanzenden. Der eine oder andere Blick wandert taxierend nach oben und wieder zurück: wie nebenbei werden noch Kleidung und Schuhwerk geprüft und abfällige Bemerkungen in Richtung der Tischnachbarin geäußert. Dann kleben die Augen wieder an den Füßen. Wo hat sie bloß die Schuhe her? Die sehen ja toll aus… Aber die Tänzerin, meine Güte!

Das richtige Schuhwerk entscheidet mit über Top oder Flop des Abends: sitzen die Schuhe bequem, hat die Tänzerin oder der Tänzer einen guten Stand? Und ganz wichtig: vermitteln sie das persönliche Fashion-Statement des Trägers, respektive der Trägerin?

Eine, die sich täglich intensiv mit dieser Frage beschäftigt, ist Susanne Stukenberg. Seit 2005 importiert sie Tangokleidung und Schuhe aus Buenos Aires, zwei Jahre später entwickelte sie unter dem Markennamen „Nosolotango“ ihre eigene Schuhlinie, die sie seitdem erfolgreich vertreibt, bis Mitte des Jahres 2012 in einem eigenen Ladengeschäft.

Susanne Stukenberg, Foto: David Heerde

Rund 1000 Paar Tanzsneakers, Herren- und Damenschuhe nach ihren Entwürfen gingen hier jährlich über die Ladentheke. 2009 traf sie Torsten Moebis, der gelegentlich Milongas veranstaltet und vor allem: beim Tango fotografiert. Zwar war es nicht die sprichwörtliche Liebe auf den ersten Blick, aber auf den zweiten eine der wenigen ernsthaften Liebesgeschichten, die der Tango schreibt – 2011 haben sie geheiratet. In der Zwischenzeit hat Torsten jede Menge Schuhe fotografiert: Produktfotos für Susanne, aber auch einfach so. „Ich hab mir ein paar Modelle rausgepickt, die ich schick fand und versucht, im Foto die Schuhe eine Geschichte erzählen zu lassen. Es hat mich gereizt, die besonderen Farben oder die besondere Form des Schuhs herauszuarbeiten“, erzählt Torsten.

2009 reiste er auch zum ersten Mal zusammen mit Susanne nach Buenos Aires und begleitete sie in die Werkstätten ihrer Schuhproduzenten. „Mich interessierte zum einen, das Handwerk im Detail abzubilden, aber auch das Umfeld, die zum Teil sehr einfachen Arbeitsverhältnisse, die man so aus Europa nicht kennt. Man sieht da einfaches, bodenständiges Handwerk“, sagt er. Eine Form von Nostalgie sei es auch, die ihn umtreibe, in unserer hektischen, hochtechnisierten Welt zu sehen, wie so ein einzelner Schuh in unzähligen Einzelschritten noch ganz individuell angefertigt werde. „Da wird das Leder aus einer Vielzahl von Rollen rausgezogen, wandert in die Werkstatt, jemand schneidet es auf einem Riesenblech in Stücke und auf einmal kommen da Riemchen raus und plötzlich ist eine Sohle da – das fasziniert mich, wie handgemacht so ein Schuh ist. Den ganzen Tag tönt dazu aus irgendeinem Knatterradio Tangomusik, diese Atmosphäre wollte ich mit meinen Bildern einfangen.“

Der Weg, den so ein Schuh vor sich hat, bevor er Nosolotango heißt, ist lang: am Anfang steht Susannes Entwurf, danach fertigt der Modelista eine technische Zeichnung an, eine Art Schnittmusterbogen für den Schuh, nach der sich die Werkstätten bei der Herstellung richten, damit jeder Schuh gleich aussieht. „Jede Werkstatt hat ihren eigenen Modelista. Die technische Zeichnung verbleibt damit im Eigentum der Werkstatt“, erklärt sie. Zu ihrem Bedauern, denn sie finanziert die Zeichnung und die Idee zum Schuh ist ihre, aber der Erwerb der Rechte an der Zeichnung würde im Endeffekt das Produkt noch einmal verteuern. Und so muss sie, wenn sie die Werkstatt wechselt, weil diese zu unpünktlich geliefert hat oder ihre Qualitätsstandards nicht halten konnte, auch jedesmal neue Zeichnungen anfertigen lassen.

Das Material finanziert sie vor, zum Teil besorgt sie es selbst, „um die Kontrolle zu haben, sonst erzählen die mir noch, ‚die Farbe und das Material gibt es nicht’, wo ich hinterher genau weiß, die hatten keinen Bock das zu besorgen.“ Auf Grundlage der technischen Zeichnung wird ein Prototyp gefertigt. Erst wenn dieser von Susanne abgesegnet ist, wird der Schuh in Serie gefertigt. Die einzelnen Arbeitsschritte orientieren sich an der Sohle: das benötigte Leder wird mit Schablonen ausgeschnitten, mit den Riemchen vernäht und um die Sohle herum auf dem Leisten genagelt und geklebt, erst am Schluss kommt der Absatz dran und die Verzierungen.
Am Prototypen können noch Details wie Applikationen verändert werden. Susanne achtet hier vor allem auf die saubere Verarbeitung von Nähten und Kleberändern, aber auch, wie sie in dem Schuh steht. „Es gibt Modelle, da steht man perfekt drin. Da ist der Absatz richtig zentriert. Wenn das nicht der Fall ist, ist der Schuh einfach wackliger“, sagt sie. Das Vertrauen in die Qualität der handwerklichen Produktion beruht für Susanne auf der langen Zusammenarbeit mit den Werkstätten, sagt sie, Fehler schließe das dennoch nicht aus.

Im Stadtviertel Boedo wird alles verkauft, was für das Schuhhandwerk benötigt wird, auf der Avenida Boedo liegt ein Geschäft am anderen. „In dem einen gibt es nur Nägel für die Absätze, im anderen nur Absätze, im nächsten Schnallen in allen Größen und Formen und dann gibt es die Häuser, in denen man zusammengerollt die Häute kaufen kann“, erzählt Susanne. „Von Häuten mit einem bestimmten Muster oder von einer bestimmten Farbe gibt es dann vielleicht nur eine oder zwei. Da kann man 12 Paar Schuhe draus machen und das war’s.“ So erklärt sich leicht, dass die Schuhe oft in Kleinstserien produziert werden, die nicht nachbestellt werden können.

Das liegt aber auch daran, dass die Werkstätten geringe Kapazitäten haben. Die Handwerksbetriebe in Buenos Aires sind klein, oft im Erdgeschoss von Wohnhäusern untergebracht und haben maximal zehn feste Mitarbeiter. „Die schaffen es einfach nicht, 200 Paar von einem Modell zu produzieren, das sind keine Fabriken. Das wäre aber auch ein großes Risiko für mich. Ich müsste die Menge vorfinanzieren und auch über einen längeren Zeitraum bei mir lagern. Das bindet zuviel Kapital.“ So ist einer ihrer Pläne für die Zukunft, den Fernabsatz der Schuhe auszubauen, d. h. die Internetbestellung und -kaufabwicklung zu vereinfachen. Darüber müsse sie sich aber erst sehr genaue Gedanken machen, sagt sie. Ihr anderer großer Plan ist die Entwicklung eines alltagstauglichen Schuhs, der zwar die tangoüblichen Anforderungen erfüllt, aber auf der Straße getragen werden kann, „Haute Couture“ sozusagen. Wer weiß – vielleicht richten sich dann bei der nächsten Berliner Fashion Week die Blicke der Zuschauerinnen und Zuschauer, genau wie auf der Milonga, nach unten – auf die Füße der Models.

Dieser Artikel entstand im Zusammenhang mit einer Fotoausstellung von Torsten Moebis unter dem Titel „Wenn Tangoschuhe laufen lernen“, die bis zum 29.02.2012 im „Nosolotango“-Store in Berlin-Mitte zu sehen war. Die Ladenräume hat Susanne Stukenberg zwischenzeitlich aufgegeben. Sie stellt ihre Produkte derzeit regelmäßig im Tangotanzenmachtschön in Kreuzberg aus und hat Showrooms in Hamburg im Tango Ático und in Hannover im Club de Tango.

Erstveröffentlichung: Tangodanza No. 1-2012

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Kurzrezi: Politischer Tango

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Franco Barrionuevo Anzaldi
Politischer Tango. Intellektuelle Kämpfe um
Tanzkultur im Zeichen des Peronismus

Reihe TanzScripte Bd. 23,
hrsg. v. G. Brandstetter und G. Klein
transcript Verlag Bielefeld 2012
164 Seiten, Paperback
ISBN: 978-3-8376-1794-8
Preis: 23,80 Euro

Franco Barrionuevo Anzaldi wagt mit „Politischer Tango. Intellektuelle Kämpfe um Tanzkultur im Zeichen des Peronismus“ den Versuch einer kritischen Geschichtsschreibung des Tango.

Das Buch beruht auf einer Magisterarbeit in den Politikwissenschaften und bietet all jenen wertvolle Informationen, die ein tiefergehendes Interesse daran haben, sich mit der Geschichte Argentiniens und des Tangos auseinanderzusetzen. Er zeigt darin auf, dass die Mythen, die als vermeintlich „authentisches“ Wissen über die Entstehung und Entwicklung des Tangos nicht nur Teil des kulturellen Gedächtnisses Argentiniens, sondern zugleich auch Teil eines Diskurses um die Definition des Woher und Wohin der argentinischen Nation sind.

So widmete er sich in seiner Forschung insbesondere einem Zeitraum, der als ereignisarme Zeit in der Tangogeschichte gilt, nämlich den Jahren des Postperonismus zwischen 1955 und 1973. Gerade in diesen Jahren sind zahlreiche Werke der Tangoliteratur erschienen, die heute als Standardwerke gelten, etwa von Blas Matamoro oder Horacio Ferrer. Barrionuevo Anzaldi weist nach, dass diese Tangographien als Teil der politischen Realität der 60er Jahre zugleich Teil einer intellektuellen Argumentation für peronistische Werte sind, die bis heute die argentinische Gesellschaft prägen. Überall dort, wo unhinterfragt nur der Tango als „echter Tango“ wahrgenommen wird, der als ursprünglich, ländlich, volksnah gilt, dient die Argumentation zugleich der Konsolidierung bestimmter politischer Werte.

Etwas zu weit geht meiner Ansicht nach seine Schlussfolgerung, diese Literatur habe zur Radikalisierung der Gesellschaft hin zu den bürgerkriegsähnlichen Zuständen der 60er Jahre geführt. Nichtsdestotrotz gelingt ihm der Nachweis, wie eng Tango- und Staatsphilosophie in Argentinien verknüpft sind. Das führt beim Lesen zu diversen Aha-Effekten.

Erstveröffentlichung: Tangodanza No. 3-2012

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Santa Evita und der Tango

Evita

Foto: Archivo General de la Nación – Instituto Nacional de
Investigaciones Históricas Eva Perón, museoevita.org

Das emotionale Verhältnis vieler Argentinierinnen und Argentinier zur ihrer Nationalheiligen Evita ist auffällig, eine kritische Aufarbeitung ihrer Biografie in der öffentlichen Wahrnehmung scheint auch heute noch ein unmögliches Unterfangen. Ein Besuch im Museo Evita Peron in Buenos Aires anlässlich ihres 60. Todestages.

Man befindet sich im Eingangsbereich zur Dauerausstellung über das Leben Eva Peróns, die der Kurator Gabriel Miremont mit Unterstützung ihrer Großnichte, Cristina Alvarez Rodriguez, aus allen Teilen des Landes im Museo Evita Peron im Stadtteil Palermo zusammengetragen hat. Es zeigt Evita-Devotionalien wie prachtvolle Galagewänder, Handtaschen, Schuhe, die sie zu offiziellen Anlässen trug, aber auch Familienfotos, Filmausschnitte und Zeitschriftencover aus ihrer Zeit als Schauspielerin. Die Dinge, die der Glorifizierung von „Santa Evita“ dienen – deren offizielle Heiligsprechung von der katholischen Kirche allerdings abgelehnt wurde.

Die argentinische First Lady, die aus einfachen Verhältnissen stammte und sich in einer beispielhaften Karriere von ihrer Position als semibekannte Schauspielerin mit kleiner Gage an die Seite des wichtigsten Mannes im Staate gearbeitet hatte, war erst 33 Jahre alt, als sie im Jahr 1952 starb. Zu Lebzeiten hatte sie bereits mehr als eifrig an ihrer Legende als Heilige und Schutzpatronin der Armen gestrickt, im Tod wurde sie endgültig zur Märtyrerin („Martír del trabajo“) verklärt, die sich für das Wohl und Wehe ihres Volkes bis zum letzten Atemzug aufopferte. Dank Andrew Lloyd Webbers Musical wurde „Evita“ auch weltweit zur Ikone. Am 26. Juli jährt sich der Tod von María Eva Duarte de Perón zum 60. Mal, und auch das Museum feiert seinen 10. Geburtstag.

Das Jubiläum nahm die Choreografin und Tänzerin Andrea Castelli zum Anlass, eine Art Stationentheater in den Räumlichkeiten des Museums zu entwickeln, die sich der Biografie Evitas tänzerisch nähert, „Eva – Un Recorrido“, was etwa mit „Durchreise“ oder „Durchlauf“ übersetzt werden könnte. Das bezieht sich sowohl auf die kurze Zeitspanne, die Eva Peron auf Erden verlebte, als auch auf die Art der Darstellung: rund 20 Tänzerinnen und Tänzer verteilen sich im ganzen Museum.

Proben zu "Eva - Un Recorrido", Foto: Gerardo Azar

Proben zu „Eva – Un Recorrido“, Foto: Gerardo Azar

Die Zuschauerinnen und Zuschauer durchlaufen die Räume, besehen sich die Vitrinen und Einrichtungs–gegenstände und gelangen immer wieder an Stationen, an denen getanzt wird. Höhepunkte der politischen Arbeit Evitas, aber auch immer wieder ihre Beziehung zu Juan Perón sind Themen der tänzerischen Darstellung.

So bewegen sich vor der Filmprojektion im Eingangsbereich schemenhaft zwei Tänzer, ein Mann und eine Frau. Sie tanzen einen Tango, durchsetzt mit Elementen des zeitgenössischen Tanzes, der getragen ist von den Motiven Verlust, Trauer und Abschied, eine emotionale Reprise auf die Filmbilder. Andrea hat sich auf die Inszenierung von Tanz in öffentlichen Räumen spezialisiert, ihre letzte Choreografie, „Fabulandia“ war im April und Mai dieses Jahres in der Botíca del Àngel zu sehen, einem Museum, das sich auf schaurig-schöne Weise ganz und gar dem überbordenden Kitsch historischer Engelsmotive in kirchlichen Zusammenhängen, aber auch in Theaterkulissen verschrieben hat (immer einen Besuch wert). „Ich liebe es, in einem Museum zu arbeiten und durch meine Arbeit den Besuchern eine andere Perspektive auf das Museum zu eröffnen“, erzählt sie im Interview. Das Bewegungsrepertoire, mit dem sie arbeitet, orientiert sich grundsätzlich am Tango, zitiert jedoch Einflüsse vieler populärer Tanzstile, wie Fox, Rumba, Charleston, aber auch das klassische Ballett und Modern Dance.

In „Eva – Un Recorrido“ sucht sie den emotionalen Zugang zu Evitas Biografie. Ihre Begegnung mit Juan Perón, ihre Beziehung zueinander, aber auch Evas Machtposition als spirituelle Führerin der Nation, als „Königin der Herzen“ thematisiert die Choreografie. Für die musikalische Begleitung machte Andrea sich auf die Suche nach Tangos aus den 40er Jahren, mit dem Ziel, explizit Musiker, Sänger, Komponisten zu finden, die den Peronisten nahestanden. Im Verlauf ihrer Recherchen musste sie jedoch feststellen, dass es nahezu unmöglich ist, Tangos dieser Ära zu finden, die die peronistische Ideologie NICHT transportieren. So geht die historische Tangomusik in gewisser Weise konform mit dem Ort, an dem sie aufgeführt wird: Das Museum beheimatete einst ein im Jahr 1948 von der Fundación Eva Perón eingerichtetes Heim für mittellose, alleinstehende Mütter, das Evita häufig besucht haben soll. „Ich habe das Gefühl, in diesem Museum kann man den Geist Evitas förmlich noch atmen. Das Haus hat eine ganz besondere Energie, manchmal kommen uns während der Arbeit sogar die Tränen“, erzählt Andrea.

Emotional, um nicht zu sagen irrational ist das Verhältnis vieler Argentinierinnen und Argentinier zu Eva Perón bis heute, ungebrochen ihre Popularität. Nur wenige sind überhaupt in der Lage, die mythisch überhöhte Figur „Evita“ als politische Einflußnehmerin im Kontext ihrer Zeit kritisch zu betrachten. So nimmt es nicht weiter Wunder, dass die amtierende Präsidentin Christina Fernández de Kirchner, die der heute noch – wenn auch unter veränderten politischen Vorzeichen – existierenden Peronistischen Partei angehört, sich und ihren verstorbenen Ehemann Néstor wiederholt als die „wahren Erben von Evita und Juan Perón“ verstanden wissen will. Erst im Spätsommer 2011 enthüllte sie zwei gigantische Evita-Bildnisse am Ministerio de Desarrollo Social (dem Ministerium für Arbeit, Soziales und Frauen), einem der höchsten Gebäude auf der Avenida 9 de Julio in Buenos Aires, der mehrspurigen Prachtstraße, die Perón einst wie eine Schneise durch die Stadt schlagen ließ. Hier, vor dem Ministerium, hielt Evita ihre letzte Rede, nur wenige Wochen vor ihrem Tod, anlässlich der Wiederwahl ihres Mannes als Präsident.

Ministerio de Desarrollo Social Nordseite, Foto: wikimedia commons

Ministerio de Desarrollo Social Nordseite, Foto: wikimedia commons

Ihr Porträt findet sich auf der Nord- und der Südseite des Gebäudes und blickt eher streng nach Norden, in Richtung der traditionell wohlhabenderen Viertel La Recoleta und Palermo, und wohlwollend nach Süden, nach La Boca und Boedo, den traditionell ärmeren Vierteln der Arbeiter und Einwanderer.

Aus der Sicht von außen mag dieser Vergleich Kirchners befremdlich erscheinen, insbesondere, wenn man bedenkt, dass der Staat Pérons nach faschistischem Vorbild gebaut war – Juan Perón war ein großer Bewunderer Hitlers und Mussolinis, so fanden nach Ende des zweiten Weltkriegs auch zahlreiche NS-Kriegsverbrecher Unterschlupf in Argentinien. Was Evita als ihr größtes Verdienst zugerechnet wird, ist ihr Engagement für das Frauenwahlrecht, das sie unter der Regierung ihres Mannes politisch durchsetzte. Übersehen wird dabei, dass sie aus ihrer katholischen Prägung heraus Werte propagierte, die denen im Dritten Reich nicht unähnlich waren: die Rolle der Frau beschränkte sich in ihrer Propaganda – anders als von ihr selbst gelebt – auf die der liebenden Hausfrau und Mutter zahlreicher Kinder.

Oft vergessen wird die Skrupellosigkeit, mit der sie Kritiker ihres Mannes zu beseitigen pflegte – eine gängige Praxis in jeder Diktatur. Auf nichts anderem baute das System Perón auf: es war eine Militärdiktatur, die zudem den ihr folgenden Militärjuntas den Weg ebnete. Gleichwohl war es eine Diktatur, die nicht ausschließlich auf der Bereicherung ihrer politischen Führer fußte. Nach dem umfassenden Wohlfahrtsstaat, den der charismatische Führer Perón errichtete, schreien heute noch viele Stimmen in Argentinien. Und übersehen dabei, dass dieser Staat bereits wenige Jahre nach Peróns Machtantritt vollständig an der eigenen Finanzlage vorbei wirtschaftete, mit den verheerenden Folgen, die nach dem Zusammenbruch Anfang der 90er bis heute die finanzielle Situation des argentinischen Haushaltes belasten.

All dies tut der bedingungslosen Verehrung Evitas keinen Abbruch. Es bleibt zu wünschen, dass die Regierung Kirchner und alle nachfolgenden bei dem Versuch mit populären Gesetzen Wählerstimmen zu gewinnen, die Grundsätze der Demokratie nicht aus den Augen verlieren. Aber auch das hätte in Argentinien schon beinahe Tradition.

Erstveröffentlichung: Tangodanza No. 3-2012

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