Santa Evita und der Tango

Evita

Foto: Archivo General de la Nación – Instituto Nacional de
Investigaciones Históricas Eva Perón, museoevita.org

Das emotionale Verhältnis vieler Argentinierinnen und Argentinier zur ihrer Nationalheiligen Evita ist auffällig, eine kritische Aufarbeitung ihrer Biografie in der öffentlichen Wahrnehmung scheint auch heute noch ein unmögliches Unterfangen. Ein Besuch im Museo Evita Peron in Buenos Aires anlässlich ihres 60. Todestages.

Man befindet sich im Eingangsbereich zur Dauerausstellung über das Leben Eva Peróns, die der Kurator Gabriel Miremont mit Unterstützung ihrer Großnichte, Cristina Alvarez Rodriguez, aus allen Teilen des Landes im Museo Evita Peron im Stadtteil Palermo zusammengetragen hat. Es zeigt Evita-Devotionalien wie prachtvolle Galagewänder, Handtaschen, Schuhe, die sie zu offiziellen Anlässen trug, aber auch Familienfotos, Filmausschnitte und Zeitschriftencover aus ihrer Zeit als Schauspielerin. Die Dinge, die der Glorifizierung von „Santa Evita“ dienen – deren offizielle Heiligsprechung von der katholischen Kirche allerdings abgelehnt wurde.

Die argentinische First Lady, die aus einfachen Verhältnissen stammte und sich in einer beispielhaften Karriere von ihrer Position als semibekannte Schauspielerin mit kleiner Gage an die Seite des wichtigsten Mannes im Staate gearbeitet hatte, war erst 33 Jahre alt, als sie im Jahr 1952 starb. Zu Lebzeiten hatte sie bereits mehr als eifrig an ihrer Legende als Heilige und Schutzpatronin der Armen gestrickt, im Tod wurde sie endgültig zur Märtyrerin („Martír del trabajo“) verklärt, die sich für das Wohl und Wehe ihres Volkes bis zum letzten Atemzug aufopferte. Dank Andrew Lloyd Webbers Musical wurde „Evita“ auch weltweit zur Ikone. Am 26. Juli jährt sich der Tod von María Eva Duarte de Perón zum 60. Mal, und auch das Museum feiert seinen 10. Geburtstag.

Das Jubiläum nahm die Choreografin und Tänzerin Andrea Castelli zum Anlass, eine Art Stationentheater in den Räumlichkeiten des Museums zu entwickeln, die sich der Biografie Evitas tänzerisch nähert, „Eva – Un Recorrido“, was etwa mit „Durchreise“ oder „Durchlauf“ übersetzt werden könnte. Das bezieht sich sowohl auf die kurze Zeitspanne, die Eva Peron auf Erden verlebte, als auch auf die Art der Darstellung: rund 20 Tänzerinnen und Tänzer verteilen sich im ganzen Museum.

Proben zu "Eva - Un Recorrido", Foto: Gerardo Azar

Proben zu „Eva – Un Recorrido“, Foto: Gerardo Azar

Die Zuschauerinnen und Zuschauer durchlaufen die Räume, besehen sich die Vitrinen und Einrichtungs–gegenstände und gelangen immer wieder an Stationen, an denen getanzt wird. Höhepunkte der politischen Arbeit Evitas, aber auch immer wieder ihre Beziehung zu Juan Perón sind Themen der tänzerischen Darstellung.

So bewegen sich vor der Filmprojektion im Eingangsbereich schemenhaft zwei Tänzer, ein Mann und eine Frau. Sie tanzen einen Tango, durchsetzt mit Elementen des zeitgenössischen Tanzes, der getragen ist von den Motiven Verlust, Trauer und Abschied, eine emotionale Reprise auf die Filmbilder. Andrea hat sich auf die Inszenierung von Tanz in öffentlichen Räumen spezialisiert, ihre letzte Choreografie, „Fabulandia“ war im April und Mai dieses Jahres in der Botíca del Àngel zu sehen, einem Museum, das sich auf schaurig-schöne Weise ganz und gar dem überbordenden Kitsch historischer Engelsmotive in kirchlichen Zusammenhängen, aber auch in Theaterkulissen verschrieben hat (immer einen Besuch wert). „Ich liebe es, in einem Museum zu arbeiten und durch meine Arbeit den Besuchern eine andere Perspektive auf das Museum zu eröffnen“, erzählt sie im Interview. Das Bewegungsrepertoire, mit dem sie arbeitet, orientiert sich grundsätzlich am Tango, zitiert jedoch Einflüsse vieler populärer Tanzstile, wie Fox, Rumba, Charleston, aber auch das klassische Ballett und Modern Dance.

In „Eva – Un Recorrido“ sucht sie den emotionalen Zugang zu Evitas Biografie. Ihre Begegnung mit Juan Perón, ihre Beziehung zueinander, aber auch Evas Machtposition als spirituelle Führerin der Nation, als „Königin der Herzen“ thematisiert die Choreografie. Für die musikalische Begleitung machte Andrea sich auf die Suche nach Tangos aus den 40er Jahren, mit dem Ziel, explizit Musiker, Sänger, Komponisten zu finden, die den Peronisten nahestanden. Im Verlauf ihrer Recherchen musste sie jedoch feststellen, dass es nahezu unmöglich ist, Tangos dieser Ära zu finden, die die peronistische Ideologie NICHT transportieren. So geht die historische Tangomusik in gewisser Weise konform mit dem Ort, an dem sie aufgeführt wird: Das Museum beheimatete einst ein im Jahr 1948 von der Fundación Eva Perón eingerichtetes Heim für mittellose, alleinstehende Mütter, das Evita häufig besucht haben soll. „Ich habe das Gefühl, in diesem Museum kann man den Geist Evitas förmlich noch atmen. Das Haus hat eine ganz besondere Energie, manchmal kommen uns während der Arbeit sogar die Tränen“, erzählt Andrea.

Emotional, um nicht zu sagen irrational ist das Verhältnis vieler Argentinierinnen und Argentinier zu Eva Perón bis heute, ungebrochen ihre Popularität. Nur wenige sind überhaupt in der Lage, die mythisch überhöhte Figur „Evita“ als politische Einflußnehmerin im Kontext ihrer Zeit kritisch zu betrachten. So nimmt es nicht weiter Wunder, dass die amtierende Präsidentin Christina Fernández de Kirchner, die der heute noch – wenn auch unter veränderten politischen Vorzeichen – existierenden Peronistischen Partei angehört, sich und ihren verstorbenen Ehemann Néstor wiederholt als die „wahren Erben von Evita und Juan Perón“ verstanden wissen will. Erst im Spätsommer 2011 enthüllte sie zwei gigantische Evita-Bildnisse am Ministerio de Desarrollo Social (dem Ministerium für Arbeit, Soziales und Frauen), einem der höchsten Gebäude auf der Avenida 9 de Julio in Buenos Aires, der mehrspurigen Prachtstraße, die Perón einst wie eine Schneise durch die Stadt schlagen ließ. Hier, vor dem Ministerium, hielt Evita ihre letzte Rede, nur wenige Wochen vor ihrem Tod, anlässlich der Wiederwahl ihres Mannes als Präsident.

Ministerio de Desarrollo Social Nordseite, Foto: wikimedia commons

Ministerio de Desarrollo Social Nordseite, Foto: wikimedia commons

Ihr Porträt findet sich auf der Nord- und der Südseite des Gebäudes und blickt eher streng nach Norden, in Richtung der traditionell wohlhabenderen Viertel La Recoleta und Palermo, und wohlwollend nach Süden, nach La Boca und Boedo, den traditionell ärmeren Vierteln der Arbeiter und Einwanderer.

Aus der Sicht von außen mag dieser Vergleich Kirchners befremdlich erscheinen, insbesondere, wenn man bedenkt, dass der Staat Pérons nach faschistischem Vorbild gebaut war – Juan Perón war ein großer Bewunderer Hitlers und Mussolinis, so fanden nach Ende des zweiten Weltkriegs auch zahlreiche NS-Kriegsverbrecher Unterschlupf in Argentinien. Was Evita als ihr größtes Verdienst zugerechnet wird, ist ihr Engagement für das Frauenwahlrecht, das sie unter der Regierung ihres Mannes politisch durchsetzte. Übersehen wird dabei, dass sie aus ihrer katholischen Prägung heraus Werte propagierte, die denen im Dritten Reich nicht unähnlich waren: die Rolle der Frau beschränkte sich in ihrer Propaganda – anders als von ihr selbst gelebt – auf die der liebenden Hausfrau und Mutter zahlreicher Kinder.

Oft vergessen wird die Skrupellosigkeit, mit der sie Kritiker ihres Mannes zu beseitigen pflegte – eine gängige Praxis in jeder Diktatur. Auf nichts anderem baute das System Perón auf: es war eine Militärdiktatur, die zudem den ihr folgenden Militärjuntas den Weg ebnete. Gleichwohl war es eine Diktatur, die nicht ausschließlich auf der Bereicherung ihrer politischen Führer fußte. Nach dem umfassenden Wohlfahrtsstaat, den der charismatische Führer Perón errichtete, schreien heute noch viele Stimmen in Argentinien. Und übersehen dabei, dass dieser Staat bereits wenige Jahre nach Peróns Machtantritt vollständig an der eigenen Finanzlage vorbei wirtschaftete, mit den verheerenden Folgen, die nach dem Zusammenbruch Anfang der 90er bis heute die finanzielle Situation des argentinischen Haushaltes belasten.

All dies tut der bedingungslosen Verehrung Evitas keinen Abbruch. Es bleibt zu wünschen, dass die Regierung Kirchner und alle nachfolgenden bei dem Versuch mit populären Gesetzen Wählerstimmen zu gewinnen, die Grundsätze der Demokratie nicht aus den Augen verlieren. Aber auch das hätte in Argentinien schon beinahe Tradition.

Erstveröffentlichung: Tangodanza No. 3-2012

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