Das Tango-Panoptikum des Señor M.

Daniel Melingo im Interview (2008)

Daniel Melingo im Roten Salon der Volksbühne, Foto: Torsten Moebis (2008)

Foto: Torsten Moebis

Übersetzung aus dem Spanischen: Katrin Wilke

Er ist das Enfant Terrible der Tangomusikwelt. Seine tiefe Stimme schwingt sich irgendwo zwischen den Reibeisenorganen von Paolo Conte und Adriano Celentano ein, begleitet von einer gewaltigen Portion Schalk im Nacken. Wie bei vielen anderen für ihre Innovativität geschätzten Tangomusikern seiner Generation (Gustavo Santaolalla von Bajofondo Tangoclub, Eduardo Makaroff von Gotan Project oder auch der Formation La Chicana) liegen seine musikalischen Anfänge in der Rockmusik der 80er Jahre. Bevor ihn der Tango unwiderruflich in seinen Bann zog, spielte er bei in Argentinien mittlerweile in den Rockolymp aufgestiegenen Bands wie „Los Twist“ oder „Los Abuelas de la Nada“. Seine Bühnenshows sind legendär und das ideale Podium für diesen Selbstdarsteller par Excellence. Im Vorfeld zu seiner Europa-Tournee im März/April 2008 und der Veröffentlichung seiner neuen CD traf Tangodanza den exzentrischen Musiker in Berlin zum Interview und zum exklusiven Fototermin auf der Milonga im Roten Salon der Volksbühne.

Daniel, du hast als Rockmusiker angefangen, was trieb dich zum Tango?

DM: Nicht mich trieb es zum Tango, der Tango zog mich magisch zu sich hin, das ist ein kleiner Unterschied. Musikalisch war er mir schon früher nah, in der Musikbranche kannte man mich aber zunächst als Rockmusiker. Es war dann nur eine Frage der Zeit, zum Tango zu kommen.

Daniel Melingo im Interview - Foto: Torsten Moebis (2008)

Daniel Melingo im Interview – Foto: Torsten Moebis (2008)

 

Heißt das, dass du schon in deinem Elternhaus viel Tango mitbekommen hast?

DM: Ja, auf jeden Fall. Meine ganze Familie ist sehr musikalisch, vor allem mütterlicherseits finden sich hier jede Menge Texter, Tänzer und Milongueros und natürlich auch Tango-Aficionados, vor allem meine Onkel, die professionell in dem Metier arbeiten.

Cristòbal Repetto sagt, dass er dir sehr viel verdankt, weil du ihn entdeckt hast – ihr habt auch sehr viele Duette zusammen gesungen. Was hat dich an ihm interessiert?

DM: Wir haben uns auf der Straße in Buenos Aires kennen gelernt. Repetto mochte meine Musik damals schon und ich habe ihn dann bald in meine Shows integriert. Seine Phrasierung, die hohe Stimme, das ist einfach ein sehr kurioser und sehr spezieller Kontrast zu meiner sehr tiefen Stimme.

Repetto hat in einem Interview erzählt, seine Stimme habe zu ihm gefunden, er hätte sie nur noch herauslassen müssen. Wie war das bei deiner Stimme, war die schon immer ein Teil von dir?

DM: Cristòbal und ich haben sehr unterschiedliche Wege in unserem beruflichen Leben eingeschlagen und auch nach unterschiedlichen Dingen gesucht – bei mir war es eher umgekehrt, dass ich im Verlauf meines beruflichen Lebens nach der Stimme gesucht habe, die zu mir gehören könnte.

In welchem Lebensabschnitt hast du diese Stimme gefunden?

DM: Meine Anfänge als Protagonist in der Tango-Szene lassen sich etwa zehn Jahre zurückdatieren. Ich hatte einige Jahre in Europa gelebt, fern von Buenos Aires und bei meiner Rückkehr entschieden, dass es auch musikalisch eine Veränderung für mich geben musste. Ich habe zwar schon immer komponiert, aber ich habe dann angefangen, auch Tangos zu komponieren. Der Prozess ist so zu sehen, dass sich aus der kompositorischen Arbeit eine Figur entwickelte, die auch eine bestimmte Stimme hatte. Mich an diese Figur des Tangosängers heranzutasten, ist eine ganz bewusste, vorsätzliche Arbeit. Seit zehn Jahren beschäftige ich mich überhaupt erst mit lyrischem Gesang und lerne ständig dazu. Dieser Prozess kostet mich sehr viel Arbeit. Früher habe ich einfach gesungen, ohne darüber nachzudenken.

Daniel Melingo im Interview, Berlin 2008, Foto: Torsten Moebis

Foto: Torsten Moebis (2008)

 

 

Welche Ausdrucksmöglichkeiten siehst du im Tango eher als z. B. in der Rockmusik?

DM: Zum einen hatte ich im Bereich der Rockmusik nicht diese exponierte Rolle, die ich im Tango gefunden habe. Dort war ich nur Komponist und Musiker unter vielen. Hier stehe ich im Mittelpunkt. Für mich eröffnet sich im Tango eine ganze Ausdruckswelt mit vielen Facetten, das habe ich in der Rockmusik als begrenzter empfunden.

 

Eine Rockband namens Pasados des Rosca hat eine Rockversion von „Narigon“ eingespielt, die auch auf YouTube zu sehen ist („Narigon Trastocado“ = in Unordnung gebrachtes „Narigon“). Was hältst du davon?

DM: Ich fühle mich natürlich geschmeichelt, um nicht zu sagen, geradezu bestätigt, dass auch die Rocker zu meiner Tangomusik finden. Die Intoxicados („Die Vergifteten“) übernehmen auch viel aus meinem Repertoire und haben mich zu ihren Konzerten eingeladen. Im Grunde ist das ja auch ein Teil meiner Biografie, ich finde das sehr gut, dass hier so eine Art Grenzüberschreitung zwischen den Genres stattfindet.

 

Der Weg zurück nach Argentinien und zum Tango, könnte man das auch als einen Weg zurück zu bestimmten kulturellen Wurzeln begreifen, nach der langen Zeit im Ausland?

DM: Klar, auf jeden Fall. Um mit Gardel zu sprechen, die „Nostalgia“, die Sehnsucht zurückzukehren, hat für mich in einer Rückkehr zu den Wurzeln Gestalt angenommen.

In deinem Video zu „Narigon“ sind neben der Statue von Gardel auch noch andere Tango-Devotionalien zu finden. Du hast zwar mal in einem Interview gesagt, dass du den Tango entstauben möchtest, fühlst du dich trotzdem mit seinen Wurzeln verbunden?

DM: Das finde ich heute schon sehr problematisch, dass viele junge Leute Piazzolla kennen, aber Gardel nicht, die Verbindung zu den Wurzeln muss es eben auch geben. In dem Video münden die ganzen emblematischen Orte des Tango, La Boca, Casa Rosada und das Denkmal von Gardel, das in Chacarita steht, auf einem einzigen Platz zusammen, das finde ich witzig.

Offizielles Video zu Narigón

 

Hat das mit einer gewissen ironischen Distanz zum historischen Tango zu tun, die sich in deiner Musik findet?

DM: Es ist Teil meiner Persönlichkeit, auf eine zärtliche Art ironisch zu sein.

„Maldito Tango“ wirkt in der Instrumentierung sehr viel zurückhaltender als „Tangos Bajos“, aber auch deine Stimme wirkt sehr viel intimer, näher am Zuhörer dran. Was steht für dich für eine Entwicklung dahinter?

DM: Das hat sich so ergeben. Tangos Bajos ist einfach schon zehn Jahre her, da hat natürlich auch bei mir eine Entwicklung stattgefunden. Das hängt mit einem gewissen Reifungsprozess zusammen, den ich mit dem Tango durchlaufen habe. Die früheren Alben sind viel „ausgekotzter“, spontaner, das neue Album ist gereift. Ich habe mich vom Schmerz, vom Leiden für das neue Album inspirieren lassen. Ohne Schmerz kommt man gar nicht erst darauf, sich die Fragen zu stellen, zu denen man die Antworten sucht. Natürlich steht beides auch in enger Verbindung, das Leiden und die Tangokultur und der Topos des sich „Entliebens“ des „desamor“, der sehr stark mit dem Tango in Verbindung steht, mit dem ich mich aber eigentlich gar nicht so gerne beschäftige. Ich finde gerade im Leiden auch die Freude. Der Schmerz macht mich fröhlich.

 

Daniel Melingo, Foto von Torsten Moebis - Berlin 2008

Foto: Torsten Moebis

Das erinnert mich an ein Bild aus dem Video zu „Narigon“: Du tanzt als Comicfigur mit dem Tod und fällst am Ende ganz unspektakulär um. Was für eine Bedeutung hat das Bild für dich?

DM: Es ist ein Weg, über sich selbst zu lachen und damit natürlich auch den ganzen Rest der Welt, was auch bedeutet, über den Tod lachen zu können.

 

Das neue Album wurde bei Mañana in Paris verlegt, dem von Eduardo Makaroff gegründeten Label. Kennst du Makaroff noch aus deiner Vergangenheit als Rockmusiker?

DM: Wir kennen uns schon seit fast 30 Jahren, noch aus alten Zeiten in Buenos Aires bei der Band „Los Twist“, wir haben damals in den 80ern schon eine andere Art von Tangos gespielt. Ursprünglich sollte auch die Neuinterpretation eines Stückes auf das neue Album, das noch aus diesem Repertoire von „Los Twist“ stammt, das ist aber aus den unterschiedlichsten Gründen wieder weggefallen. Es ist für mich ein großes Glück, dass ich mit meinen ganzen Publikationen bei diesem Label aufgenommen wurde. Makaroff ist auf mich zugekommen und hat mich bei der Auswahl der Stücke unterstützt. Er hat mich insgesamt aber eher als Mentor unter seine Fittiche genommen, als dass er direkt in den Schaffensprozess involviert gewesen wäre.

 

In deiner Musik kommt eine große Offenheit zu anderen Stilen zum Ausdruck, du spielst mit der Volksmusik, modernen Strömungen, hast auch zusammen mit Repetto für das Album „Supervielle“ eine neue Version von „Leonel el Feo“ eingesungen. Wie war die Zusammenarbeit mit Gustavo Santaolalla?

DM: Gustavo hat mich eingeladen, an dem Stück mitzuwirken. Santaolalla ist einfach ein legendärer Protagonist des rock nacional in Argentinien. Ich mag ihn sehr, wir haben ähnliche Geschmäcker und eine vergleichbare musikalische Biografie.

Wie findest du denn diese ganzen Neotango-Projekte?

DM: Ich nehme gerne an diesen Projekten teil, wenn ich dazu eingeladen werde. Das ist mir nicht unbedingt musikalisch fremd. Aus einer rein ästhetischen Entscheidung heraus verwende ich aber bei meiner Musik keine elektronischen Elemente.

An welchen Projekten arbeitest du denn zur Zeit?

DM: Ich bin an verschiedenen nicht unbedingt unbedeutenden Filmprojekten musikalisch beteiligt und habe auch schon einen beträchtlichen Teil der Kompositionen für ein neues Album entwickelt. Bis das Album erscheint, kann aber noch viel passieren!

 

Zur Webseite von Daniel Melingo

Zur Rezension von Maldito Tango

 

Erstveröffentlichung: Tangodanza No. 34, Ausgabe 2-2008

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