Cristóbal Repetto im Interview

Interview: Elke Koepping, im November 2005

Konzert mit Cristóbal Repetto im Jazzclub Quasimodo in Berlin 2005

Cristóbal Repetto live im Quasimodo Berlin
Foto: Torsten Moebis (2005)


Viele argentinische Künstler, die kürzlich in Deutschland gastiert haben, haben erst relativ spät mit dem Tango angefangen, wie kommt bei dir diese frühe Liebe zum Tango zustande?

Cristóbal Repetto Der erste Kontakt mit dem Tango war für mich Roberto Goyeneche. Dann erst habe ich angefangen, Musik zu suchen, die diese traditionelle, kreolisch beeinflusste Musik mit dem Tango verbindet, also die Musik vom Land mit der der Stadt. Zum ersten Mal habe ich dann mit 16 angefangen Tangos zu singen, also 1996.

Hast du die Stücke auf der CD selbst ausgewählt?

Cristóbal Repetto  Es sollten Songs von großer Bedeutung sein, zugleich mit sehr poetischen Inhalten. Ich fühle, auch wenn diese Tangos sehr alt sind, dass sie trotzdem immer noch Aktualität besitzen. Das, was sie ausdrücken, bleibt das selbe. Der Tango „Acquaforte“ z. B. ist sehr aktuell, er steht für die Kraft der unteren Klassen.

Ist dir der politische Anspruch in deiner Musik wichtig?

Cristóbal Repetto  Argentinien ist ein Land, das sich im Vergessen übt. Mit meiner Musik will ich das verhindern. In gewisser Weise bin ich also politisch aktiv, wenn ich dazu beitrage, dass das Volk nicht vergisst. In meinen Songs kommt nicht die heutige Politik zur Sprache, aber ich habe ein großes Interesse daran, einmal mit zeitgenössischen Künstlern zu arbeiten, aktuelle politische Texte zu singen.

Die Auswahl der Stücke auf der CD ist ungewöhnlich, diese Tangos sind einem größeren Publikum eher unbekannt. Hast du dich selbst auf Recherche begeben?

Cristóbal Repetto  Ich habe mit der Academía Nacional de Tango in Buenos Aires Kontakt aufgenommen, und Material aus einer großen privaten Sammlung zusammengestellt. Da die Aufnahmen sehr sehr alt waren, hatten wir Probleme, die Texte zu übertragen. Das war eine sehr mühsame Arbeit, denn der Klang der alten Platten war sehr schlecht. Mein großes Ziel ist es, dass der Tango auf den großen Festivals vertreten ist, dass er so populär wird wie Popmusik.


Offizielles Video zu „Perfume“ von Bajofondo Tango Club

 

Du arbeitest auch mit Bajofondo Tango Club zusammen. Ist das für dich ein gangbarer Versuch, den Geist der heutigen Jugend in den Tango hineinzubringen?

Cristóbal Repetto  Teils ja. Dieses Ziel habe ich auch. Ich wünsche mir, daß die jungen Leute die alten Tangos anhören und dadurch lernen, auch den alten Menschen zuzuhören. Bei Bajofondo habe ich sehr gerne mitgemacht, das hat viel Spaß gemacht. Es ist aber nicht grundsätzlich meine Welt, die elektronische Musik ist nicht mein Hauptinteresse.

Auf dem Konzert hast du deine 90-jährige Großmutter erwähnt, heißt das, in deinem Leben gibt es wichtige ältere Menschen?

Cristóbal Repetto  Ja, ich habe das Glück, dass meine beiden Großmütter noch leben, die eine ist 90 und die andere 94. Sie sind immer total gerührt, wenn ich diese alten Tangos singe. Für mich hat das sehr viel Bedeutung, denn das war die Musik, die sie selbst gehört haben, als sie 15 Jahre alt waren. Meine Mutter und meine Großmütter sammeln alle Zeitungsausschnitte über mich. Wenn ich dann von einer langen Reisen nach Hause zurückkomme, zeigen sie mir ihre Sammlungen.

Hast du dich eigentlich mit dem Tango nur als Musikform beschäftigt, oder auch mit dem Tanz?

Cristóbal Repetto  Ich bin ein ganz schlechter Tänzer!

Also zurück zu deiner Stimme: ist dir das irgendwann mal bewusst geworden, dass du einen außergewöhnlichen Tenor singst oder hat dich jemand darauf aufmerksam gemacht?

Cristóbal Repetto  Das war im Jahr 2000, da habe ich es selbst entdeckt. Meine Stimme befand sich in einer Veränderungsphase, der eigentliche hohe Klang war natürlich schon immer da. Ich habe in mich hineingeschaut und diese Stimme einfach losgelassen, es war auch für mich eine totale Überraschung, daß ich das kann. Sie passt sehr gut zum Klang der Strohgeige, Javier Casalla ist tatsächlich der einzige Musiker in Argentinien, der sie spielen kann.

Die Songs, die du ausgewählt hast, wurden die ursprünglich auch von Tenören gesungen oder hast du sie den Anforderungen deiner Stimme angepaßt? Was mir auffiel: Es ist kein Tango von Gardel dabei, was doch eigentlich naheliegen würde.

Cristóbal Repetto  Ich singe keine Tangos von Gardel, um diesen direkten Vergeich zu vermeiden. Für mich ist es wichtig, daß meine Individualität in den Stücken zum Ausdruck kommt. Die Stücke habe ich zum Teil für meine Stimme transponiert.


Cristóbal Repetto live 2005 in Paris

 

Schreibst du auch selbst Songs?

Cristóbal Repetto  Ja, ich schreibe auch. Diese Stücke sind noch nicht auf der Debut-CD zu finden, aber auf meiner nächsten werden sie vertreten sein, die etwa im November 2006 beendet sein soll. Ich schreibe über mein Leben, mein Heimatdorf und wie die Leute dort leben. Daniel Yaría komponiert einige Original-Stücke für mich, aber ich werde auch selbst versuchen, einige Lieder zu komponieren. Es werden noch Stücke von Mercedes Simone, Azucena Maizani und Milongas vertreten sein, die von Musikern aus meinem Dorf arrangiert werden.

Was wünschst du dir für dich und deine Musik in der Zukunft?

Cristóbal Repetto Ich wünsche meiner Musik, dass sie überall auf der Welt gehört wird und dass die Leute, die sieh hören, etwas damit verbinden. Außerdem möchte ich gern Künstlern aus dem argentinischen Hinterland helfen, nach Buenos Aires zu kommen, damit sie ihre Musik auch in der Stadt vorstellen können. Eines meiner größten persönlichen Anliegen ist es, dass meine Band zusammenbleibt, denn die musikalische Chemie zwischen uns funktioniert sehr gut und wir kommen auch privat gut miteinander aus.

Das Interview wurde am 01.11.2005 in Berlin geführt (mit Simultanübersetzung)

 

Zum Artikel über das Konzert von Cristóbal Repetto hier im Tangolazarett
Zur Facebook-Seite von Cristóbal Repetto

Erstveröffentlichung des Textes in der Ausgabe 12/05 auf tangokultur.info

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