Goldkehlchen und die drei Gitarristen

Cristóbal Repetto live in Berlin (im Oktober 2005)

Konzert mit Cristóbal Repetto im Jazzclub Quasimodo in Berlin 2005

Foto: Torsten Moebis (2005)

Mit Leidenschaft veröffentliche und editiere ich Artikel auf Wikipedia. Kürzlich fiel mir auf, dass unglaublich viele meiner Tangotexte dort verlinkt sind und zitiert werden, insbesondere die Musiker*innen-Interviews, die ich im Laufe der Jahre geführt habe. Da das Archiv von tangokultur.info online nicht mehr zugänglich ist, habe ich beschlossen, diese Texte durch Veröffentlichung hier im Blog wieder lesbar zu machen. Dieser Text über Cristóbal Repetto wurde im März 2006 veröffentlicht, das Konzert fand im Oktober 2005 statt.

Was der argentinische Produzent Gustavo Santaolalla musikalisch auch anfasst: es wird zu Gold, ganz wie beim legendären König Midas. Weltweit bekannt ist seine Entdeckung Juanes, eher tangoweltweit, aber auch unter Clubgängern bekannt der Bajofondo Tango Club. Seine jüngste Entdeckung heißt Cristóbal Repetto und eine Entdeckung für Tangofans ist er wahrlich. Repetto war im Sommer im Rahmen der Konzerttournee von Bajofondo in Deutschland und Österreich für einen kurzen Gastauftritt bereits live zu bestaunen, im Januar nun erschien auch in Europa sein Debut-Album, daran schließt sich im März 2006 eine Konzerttournee an. Aus diesem Grund veranstaltete die Deutsche Grammophon (Universal) Anfang Oktober 2005 ein Promo-Konzert mit Repetto im Berliner Jazzclub Quasimodo, quasi als Appetithäppchen.

Es ist offensichtlich, Herr Repetto wird professionell vermarktet, so lässt jeder einzelne PR-Text keinen Zweifel daran, dass man im Management auf den Nostalgiezug aufzuspringen gedenkt. Da fallen Namen wie ‚Gardel’ in einem Atemzug mit dem Repettos, und um auch das junge Publikum zu erwischen, denn er ist selbst mit seinen 26 Jahren noch erstaunlich jung, wird er als ‚jugendlicher Individualist’, als Hippie unter den Tangosängern gefeiert, und es wird ihm ‚dieses gewisse Etwas’ attestiert, das viele rebellische Rocker anziehend mache. Schluck. Da vergeht einem direkt die Lust, ins Konzert zu gehen.

Es kommt noch besser: Die Geschichte seiner Entdeckung im kleinen Provinzstädtchen Maipú bringt Tränen der Rührung in die Augen des noch ungläubigen Lesers. Nicht nur, dass er am 9. Juli geboren ist, dem Nationalfeiertag in Argentinien, nein, schon immer liebte er die Folklore seines Landes, begann als Sechzehnjähriger zu singen und belegte bereits ein Jahr später, 1996, den 3. Platz bei einem Tangowettbewerb seiner Stadt, in dessen Jury immerhin Eladia Blásquez, Guillermo Fernandez und Adriana Varela vertreten waren. Prompt wurde ihm durch Zufall auch noch die Ehre zuteil, im selben Jahr mit Mariano Mores auf einer Bühne zu stehen – langhaarig und in roten Turnschuhen, ganz selbstvergessen über der Ehre, die ihm da zuteil wurde.

1998 geht Repetto nach Buenos Aires, um Musik und Journalismus zu studieren, gerade achtzehnjährig. Er nimmt Unterricht in Komposition und Gesang und verschafft sich innerhalb kürzester Zeit einen respektablen Ruf als Tangosänger in den Traditionslokalen der Stadt. Daniel Melingo nimmt ihn unter seine Fittiche, die Karriere Repettos scheint durch nichts mehr aufzuhalten. Nach einem Auftritt im Kabelfernsehen nimmt Gustavo Santaolalla Kontakt zu ihm auf und bittet ihn um Mitwirkung beim Bajofondo-Album. Und schon befindet sich Cristóbal Repetto rund um den Globus reisend wieder. Traumhaft. Das scheint alles ‘too good to be true’.

Konzert mit Cristóbal Repetto im Jazzclub Quasimodo in Berlin 2005

Cristóbal Repetto live im Quasimodo Berlin
Foto: Torsten Moebis (2005)

Erstaunlich unprätentiös, allen PR-Bemühungen zum Trotz, die sein Bauernburschen-Image recht platt zu zementieren suchen, tritt dieser irgendwie in der globalen Tangoszene viel zu schnell bekannt gewordene Sänger am 1. Oktober in besagtem Berliner Jazzclub schüchtern auf die Bühne und verkörpert leibhaftig all das, was die Pressetexte uns glauben zu machen suchen: Natürlichkeit, eine beinahe kindlich zu nennende Naivität, einen hohen Grad an musikalischer Professionalität und mit einer Stimme, die vermittels einer Zeitmaschine direkt aus den goldenen Zwanzigern zu uns herübergereist zu sein scheint. Ein für heutige Verhältnisse außergewöhnlicher Tenor mit außergewöhnlich viel Ausdruckskraft.    Wohltuend die Tatsache, dass er bewusst stilistisch nicht in die Gardel-Kerbe haut, da gibt es keinen perfekt sitzenden Anzug und auch keine zurückgegelten Haare oder sonstige Nostalgie-Accessoires. Auch macht er durch die Auswahl der Stücke, unter denen sich keines von Gardel befindet, deutlich, dass er vermeiden will, in diese Schublade gesteckt zu werden.

Cristóbal Repetto ist noch sehr jung, ein im landläufigen Sinne nicht unbedingt schöner, aber interessant aussehender Mann mit einem kleinen Bauchansatz, der an Babyspeck erinnert, eher unscheinbar denn ein Frauenschwarm-Typ. In unbewussten Momenten stolpert er auch schon mal ungeschickt über Stuhlbeine und benimmt sich insgesamt so, als stünde er mit den Gegebenheiten der dinglichen Welt ständig auf Kriegsfuß. Solange, bis er das Mikrofon in die Hand nimmt und zu singen beginnt. Mit seinen großen dunklen Kulleraugen und den fragend hochgezogenen Augenbrauen sieht er dabei den ganzen Abend ein wenig aus wie ein verschrecktes Häschen – die ausgebeulte Hose, die an ihm viel zu groß wirkt, ein fahrig um den Hals geknotetes Tuch, das sein Monogramm trägt und ein Jackett, das zwar durchaus passabel aussieht, aber wie auf Wunsch an der linken Ecke einen rührenden kleinen Fleck aufweist, alles passt so gut zu seinem Image, dass es beinahe inszeniert erscheint. Wäre da nicht dieser intensive junge Mensch, der dies alles vollkommen authentisch verkörpert.

Der Abend beginnt und endet mit dem wunderbaren Javier Casalla, der heutzutage der einzige Mensch in Argentinien zu sein scheint, der auf der ungewöhnlichen Cornet-Violine (Strohgeige) spielen kann. Kein Wunder, das Instrument wirkt sehr eigen – man kann es in etwa als Kreuzung zwischen Grammophon und Violine beschreiben –, doch sein Sound harmoniert ungewöhnlich gut mit der Stimme Repettos. Auch Casalla war bereits mit Bajofondo im Sommer auf Tournee und ist auf deren Alben als Musiker vertreten. Im zweiten Stück ‚Se va la vida’ tritt die Strohgeige in einen unvergleichlichen Dialog mit der schmelzenden Stimme Repettos, der die Wörter eher lässig dahin nuschelt denn besonders betont. Beide Musiker demonstrieren hier ihre außerordentliche Spielfreude: es scheint, als übernähmen die Instrumente (so es zulässig ist, die Stimme als ein Instrument zu beschreiben) voneinander die Melodie.

Javier Casalla bei den Bajofondo-Konzerten in Berlin, Foto: Tom Gonsior (August 2005)

Javier Casalla bei den Bajofondo-Konzerten in Berlin
Foto: Tom Gonsior (August 2005)

Zu ‚Se va la vida’, das auch das 17. und letzte Stück sein wird, tritt auch das außergewöhnliche Gitarrentrio auf die Bühne, das Repetto bereits bei der Einspielung seines Debut-Albums unterstützte: Daniel Yaría, Javier Amoretti und Martín Creixell. Zwar bin ich im ersten Augenblick versucht zu unterstellen, sie seien nach Aussehen und Kleidungsstil ausgesucht worden, um dem Image Repettos zu entsprechen, denn alle drei sehen eher aus wie Rockmusiker mit halblangen Haaren (bzw. Glatze) und Second-Hand-Klamotten, doch ihre Fähigkeiten auf der Gitarre stehen außer Zweifel, ebenso wie ihr harmonisches Zusammenspiel.

‚Cantando’, das leichtfüßig daherkommende dritte Stück des Abends, widmet Cristóbal Repetto seinen beiden Großmüttern, und wieder will man seinen Ohren kaum trauen, doch die Einfachheit und Offenheit, mit der er diese unglaublichen Sätze über die Rampe bringt, überzeugt und auch Nicht-Hispanier spüren, dass er jedes Wort genau so meint, wie er es sagt. Dabei sollte man beileibe nicht dem Irrglauben verfallen, dieser Mann sei einfach dümmlich oder naiv – beim Interview am nächsten Tag wird deutlich, dass Cristóbal Repetto nicht nur auf einfache Weise besonnen und zugleich intelligent das sagt, was er ausdrücken will, sondern dass jeder Satz auch noch wie reinste Poesie wirkt, wie die Übersetzerin Claudia versichert. Außerdem scheint er auch noch eine gehörige Portion Sinn für Humor zu besitzen. Es ist schier unglaublich, aber man muss wohl tatsächlich davon ausgehen, dass dieser Mensch kein PR-Produkt, sondern ein ungewöhnliches Ausnahmetalent ist.

Zurück zum Konzert: Mit größter Präzision und Klarheit setzt Repetto seine Töne, und jede einzelne Note von Stück 4 ‚Por un cariño’ (Für ein Liebstes) tropft dem Zuhörer ins Unterbewusste, wo es irgendwo tief im Bauch nachhallt. Stück 5, ‚Allá en el Bajo’ (Draußen in der Gosse), ist eine Art aufgeregter Sprechgesang, bei dem sein ganzer Körper mitzubeben scheint. Dieser Mann lebt die Musik. Ein Meister ist er vor allem, was die gehauchten, verschwommenen Töne angeht, von Zartheit im mühelosen Wechsel mit großer Klangfülle. Wenn er singt ‚Wie ich Dich vermisse’, nimmt man jedes einzelne Wort für bare Münze. Zu den vier Zugaben schließlich, nach 17 Titeln des regulären Programms, umklammert er sein auf die Bühne mitgebrachtes Weinglas wie die lange verloren geglaubte Liebste. ‚La que murió en Paris’, zweites Stück auf seinem Debut-Album, sowie das erste bekanntere Stück (‚La Flor dem Illusion’) unter der Fülle vergessener Tangos, die er zu neuem Leben erweckt, beschließen das Konzert. Der kräftig gespielte Vals legt eine ordentliche Geschwindigkeit vor, und sicher nicht zum ersten Mal an diesem Abend zuckt es den Tänzern dank der rhythmisch versierten Gitarristen wie irre in den Füßen. Standing Ovations und frenetischer Jubel sind der Dank dafür.

Konzert mit Cristóbal Repetto im Jazzclub Quasimodo in Berlin 2005

Gitarristen Daniel Yaría, Martín Creixell
Foto: Torsten Moebis

Der Besuch der Konzerttournee von Cristóbal Repetto ist für jeden Liebhaber klassischer Tangos ein absolutes Muss. Die Verbindung ländlicher Folklore mit der städtischen Tradition des Tango gelingt dem Sänger wie auch seinen Musikern auf außerordentlich zeitgemäße Weise. Bezüglich des Debut-Albums sind wir in der Redaktion allerdings geteilter Meinung. Fest steht, dass es lange nicht in der Lage ist, die Ausdruckskraft einzufangen, die Repetto auf der Bühne besitzt. Die statuarisch wirkende Abmischung wird dem Live-Auftritt nie und nimmer gerecht.

Zum Interview mit Cristóbal Repetto hier im Tangolazarett

Zur Facebook-Seite von Cristóbal Repetto
Zum Wikipedia-Eintrag von Cristóbal Repetto. Ihr seid ausdrücklich aufgefordert, daran mitzuarbeiten und ihn zu verbessern – der ist nämlich ganz schön rudimentär!

Erstveröffentlichung des Textes in der Ausgabe 03/06 auf tangokultur.info

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