Der Mensch ist der Mittelpunkt

Tango mit Rollstuhl

Foto: Torsten Moebis

Foto: Torsten Moebis

Der nachfolgende Text ist zwar schon über 7 Jahre alt, der dazugehörige Workshop im Rollstuhltango hat mich jedoch sehr nachhaltig beeindruckt. Insbesondere deswegen, weil es eine völlig eigenständige Tanzform ist, die ein ganz neues Bewegungsrepertoire erfordert. Das hält für mich bis heute eine große Faszination und einige Rätsel bereit.

„Fußgänger“ nennen sie sie – die, die wie selbstverständlich auf ihren beiden Beinen stehen und dabei nicht groß drüber nachdenken. Laufen kann man halt grad solang man denken kann. WENN man denn laufen kann.

Die anderen, die, die’s noch nie konnten – oder mal konnten, aber jetzt nicht mehr können –, die nennen sich Rollifahrer. Beinah liebevoll rückt da der Rollstuhl, das Hilfsmittel im täglichen Kampf gegen die Bewegungsnot, in lautmalerische Nähe zum allseits beliebten klebrigen Lutschklops.

Im November 2008 traf ich in Berlin anlässlich eines von der Fürst Donnersmarck-Stiftung initiierten Rollstuhl-Tango-Workshops Christiane Fürll, die „Fußgängerin“. Seit 1996 tanzt sie mit dem „Rolli-Fahrer“ Wolfgang Schneider, der aufgrund eines Unfalls querschnittsgelähmt ist. Beide unterrichten zusammen Rollstuhltanz und mit wachsender Leidenschaft „Rolli-Tango“, was niedlich klingt, aber mit harter tänzerischer Arbeit verbunden ist.

Vom „vier-beinigen Tier“ spricht die Autorin Monika Elsner allegorisch, wenn sie die Tangopaarung als solche in ihrer Bewegungsqualität beschreibt. Was aber, wenn zwei von den Füßen sich nur mittels zweier großer Räder und viel Schmackes im Arm über den Tanzboden bewegen können? Wird das poetische Tierchen dann zur rationalistischen zweifüßig-zweirädrigen oder gar zweirädrig-zweirädrigen Mensch-Maschine-Mutation? Christiane Fürll hat hierzu eine ganz klare Antwort parat. „Wir sind der Mittelpunkt, nicht der Rollstuhl. Der ist für uns nur ein Sportgerät.“

Christiane tanzt, solange sie denken kann, zunächst Ballett, dann konventionellen Turniertanz im Bereich Standard-Latein, 1987 kam der Rollstuhl-Tanz dazu. Im Jahr 1989/90 übernahm sie die Tanzgruppe des Rollstuhlsportclubs Frankfurt als Trainingsleiterin.

Wolfgang hatte nach einem Unfall im Jahr 1986, der zu seiner Querschnittslähmung führte, Schwierigkeiten, eine neue Sportart für sich zu entdecken und die er gemeinsam mit seiner Frau ausüben konnte. Auch hier ist wieder der Zufall im Spiel: Er wurde in der Klinik in Frankfurt behandelt, die an das Reha-Zentrum angeschlossen war, in welchem Christiane die Rollstuhltanzgruppe unterrichtete. 1995 kam es dann zu ersten gemeinsamen Tanzexperimenten, auch der Tango lag im Grunde schon in der Luft. „Ich habe zu der Zeit meinen ersten Tango-Workshop bei Gabriel Sala gemacht, zusammen mit meinem Papa, der großer Piazzolla-Fan war“, erzählt Christiane. 1998 erst entwickelte sie dann erstmalig zusammen mit Wolfgang eine kleine Tango-Choreographie vor Publikum. Wolfgang lacht. „Ich konnte damals mit der Musik überhaupt nichts anfangen, die war einfach nur schrecklich für mich. Wir haben uns natürlich feste Figuren ausgedacht – so wie wir das heute machen, einfach nur loslegen, da wär‘ ich damals wahnsinnig geworden!“

Christiane Fürll und Wolfgang Schneider beim Workshop im November 2007 in der Fürst Donnersmarck-Stiftung - Rollitango. Mit TeilnehmerInnen.

Foto: Torsten Moebis

Neben den Auftritten und dem Turniertanz unterrichten sie auch gemeinsam Rollstuhltanz und seit neuestem auch Kurse ausschließlich zum Thema Tango. Neben der jahrelangen tänzerischen Arbeit kommen ihnen in den Workshops auch ihre „Brotberufe“ zupass, denn beide arbeiten beinahe umfassend in allen Bereichen, die das Thema Körper/Wahrnehmung und Behinderung berühren. So hält Christiane als Physiotherapeutin und Medizinjournalistin auch Vorträge zum Thema und hat gemeinsam mit Wolfgang ein Buch im Jahr 2000 veröffentlicht, „Sexualität trotz(t) Handicap“ (leider vergriffen).

Wolfgang bietet Beratungen und Schulungen zu Mobilitätsfragen von Behinderten an, sei es gegenüber Privatleuten oder Firmen. Beide sehen speziell im Tango eine perfekte Ergänzung ihres Arbeitskonzeptes mit und im Umfeld von Behinderten: Musik und Tanz sprechen neben der körperlichen Bewegung auch die Gefühlsebene an und können so – neben dem Spaßfaktor – durchaus auch physio- und psychotherapeutischen Nutzen entfalten, wie Wolfgang ausführt. „Viele Rolli-Fahrer, je nach Behinderung, haben auch Probleme, sich selbst, ihren eigenen Körper zu spüren. Dem kommt der Tango sehr entgegen, weil man einfach stark in sich hineinhören muss.“

Christiane und Wolfgang sind ganz anders als konventionelle Tangolehrer in ihren Workshops in aller Regel vor die mehr als komplexe Aufgabe gestellt, die unterschiedlichsten körperlichen Voraussetzungen wie auch tänzerischen Vorerfahrungen der Teilnehmenden unter einen Hut zu bringen.

„Rolli-Fahrer sind natürlich nicht alles superfitte, bewegliche und niedrig gelähmte Menschen, die zufälligerweise im Rollstuhl sitzen. Es gibt einfach sehr viele Menschen mit multiplen Behinderungen, Skoliosen, verminderten Armfunktionen, etc. Darauf müssen wir im Workshop ganz individuell eingehen. Es ist für das Tanzen auch ein Unterschied, ob Du in einem handbetriebenen Rollstuhl oder im E-Rolli sitzt“, erklärt Christiane die Schwierigkeiten solch heterogener Anforderungen an die Workshop-Leiter.

Foto: Torsten Moebis

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Zudem sind für die Übersetzung des Tango in die Bewegungssprache des Rollstuhls, als Fortsatz des bewegten Körpers anstelle der Füße, Übertragungsleistungen notwendig, die sich in den Dimensionen des Raumes und auch des Tänzerkörpers als bewegtem Objekt im Raum, respektive seinem Kopf erstrecken: Die Schreitbewegung, das „caminar“ des Milongueros, mythisch von Alters her als die Essenz des Tango in Noten gemeißelt, wird zum „rodar“, zum lautlosen Gleiten und Fließen des beräderten Objekts. Dabei kommt die Gleitbewegung des Rollstuhls dem rhythmischen Fluss des Tango durchaus entgegen. Die taktbetont gespielten Stücke der Goldenen Ära erweisen sich mit ihren akzentuiert gesetzten Schrittpartien allerdings als weniger geeignet als das melodiöse Fließen von Tango Nuevo bis Neo- oder gar Elektrotango.

„Wir versuchen immer, relativ nah an den Figuren zu bleiben, die auch Fußgänger-Paare tanzen. Das klappt natürlich nicht immer“, vergleicht Christiane ihre Erfahrung in beiden Bewegungsbereichen, so ist nicht nur der Bewegungsradius des Rollstuhls wie auch des gesamten Paares auf der Tanzfläche ein wesentlich größerer, sondern auch die Dynamik eine andere, ganz abgesehen davon, dass die Führung zwischen den beiden Tanzenden aus praktischen Erwägungen ganz zwangsläufig fließend wechseln muss. „Bei bestimmten Figuren ist der Führungswechsel notwendig, damit Wolfgang stabil im Rollstuhl bleibt“, erklärt Christiane die für konventionelle Milonguero(a)s ungewohnte Konstellation.

Auch das Thema „Nähe“ gewinnt hier andere räumliche Dimensionen, da das frontal leicht versetzte Gegenüber in der Salonumarmung im Rollstuhltanz um beinahe eine ganze Körperbreite zur Seite versetzt und der Körperkontakt ausschließlich über die beiden rechten Körperseiten der Tanzenden hergestellt wird. Interessant ist hierbei, wie stark das Konzept der Oberkörperspannung im Tango tatsächlich trägt, denn auch über die größere Distanz und die seitliche Versetztheit hinweg ist es möglich, die Einheit der Bewegung, den Kontakt über die Zueinanderwendung der Oberkörper, des Solarplexus und mithin des Bauchgefühls-Zentrums herzustellen.

Foto: Torsten Moebis

Foto: Torsten Moebis

Damit nicht genug, sind auch andere Paarungen vorstellbar, nämlich zwei miteinander tanzende Rolli-Fahrer(innen), im Rollstuhltanz klassischerweise „Duo“ genannt – oder auch ein führender Fußgänger, kombiniert mit einer folgenden Rollifahrerin. So wie Andrea und Rolf aus Berlin-Lichtenberg, die im Frühjahr auf einem Workshop von Wolfgang und Christiane (Tango-)Blut geleckt haben.

Lange sahen beide keine Chance, ihrer Liebe zum Tanzen zu frönen, denn Andreas Behinderung aufgrund von Kinderlähmung im Kleinkindalter verstärkte sich zunehmend, so dass sie vorrangig auf den Rollstuhl angewiesen ist. Erst die stark auf Kontakt-Improvisation basierende Methode „DanceAbility“ des US-Amerikaners Alito Alessi, der ebenfalls Behinderte und Nichtbehinderte in Tanzworkshops zusammenbringt, eröffnete den beiden neue Dimensionen der tänzerischen Bewegung – wie sie sagen, hat die dort vermittelte Vielfalt der Bewegungsarten ihnen geholfen, sich auch im Kopf von den Bildern konventioneller Tanzbewegungen zu befreien.

Die zweistündige Einführung von Christiane und Wolfgang zum Tango Argentino, damals im Frühjahr, hat sie so begeistert, dass sie die Erfahrung vertiefen wollten, also suchten sie in Berlin nach einer barrierefreien Milonga. Sie fanden zunächst das „Tango-Café“ im „Radialsystem“, zwar nicht stufenlos zu erreichen, aber Solar Suntay, der Veranstalter, bot ihnen Tangounterricht in seinem barrierefrei erreichbaren Studio an. „Solar hat uns einige wichtige Impulse vermittelt“, sagt Andrea, „wir fangen jetzt gerade an, die Musik richtig zu hören.“

Zwangsläufig ist es aber für die meisten Tangolehrer schwierig, die beiden zu unterrichten, denn die Übertragung des Bewegungkanons des „Schreitens“ auf den des „Rollens“ jenseits einfacher Grundfiguren ist so ohne weiteres nicht möglich. Ein Tangolehrer hat im Zweifelsfall keine Ahnung von der Dynamik des Rollstuhls und müsste von der einen Formensprache auf die andere komplett neu denken: eine Schere, die sich im Kopf eines jeden tanzenden „Fußgängers“ aufmacht. Sie ist nur durch eigene Bewegungserfahrungen im Rollstuhl aufzufangen, so wie dies viele „Fußgänger“ tun, die mit Rollifahrern tanzen: sie können flexibel auf den Rollstuhl umsteigen und mal eben auch „Duo“ tanzen.

In gewisser Weise sind Christiane und Wolfgang als Tanzlehrer wie auch als fortgeschrittene Tänzer also Pioniere auf dem Gebiet des „Rolli-Tango“. Standard-Rollstuhltanzclubs gibt es im deutschsprachigen Raum schon seit einigen Jahren, es hat sich seit Beginn der 90er Jahre ein Bewegungskanon in den verschiedenen Standardtänzen etabliert, aber mit dem Tango Argentino be-(rollen)schreiten sie definitiv Neuland.

Beide hoffen, dass „sich die Tangoszene die Offenheit bewahrt“, so ihr Fazit, die sie dort in den letzten Jahren erlebt haben und wünschen sich vielleicht ein kleines bisschen mehr Bewusstheit seitens der Milongaveranstalter, dass es auch Menschen im Rollstuhl gibt, die gerne Tango tanzen (würden). Nicht allein an Größe fehlt es vielen Locations, sondern auch am Rollstuhlgerechten Aufgang, ganz zu schweigen von den Toiletten. „Hier in Berlin haben wir schon ordentlich nach einer Milonga suchen müssen, die für uns machbar ist.“ Gefunden haben sie immerhin das ebenerdig erreichbare Walzerlinksgestrickt sowie das Tangoloft und das Ballhaus Rixdorf, die beide mit einem Aufzug versehen sind, danach kommt erst mal lange nichts.

Liebe Veranstalter, wie rollstuhlgerecht ist eigentlich eure Milonga? Schon mal drüber nachgedacht?

Rollstuhltanz aus der Froschperspektive, Torsten Moebis in Action.

Voller Körpereinsatz: Fotograf Torsten Moebis in Action. Ort: Tangoloft 2007. Foto: Lorenz Kienzle

Christiane Fürll und Wolfgang Schneider sind über ihre Webseite dancetwo.de erreichbar, unterrichten jedoch derzeit leider keinen Rollstuhltango.

Die Fürst Donnersmarck-Stiftung gibt regelmäßig das Magazin „WIR“ heraus, über Themen, die Menschen mit Behinderung bewegen. Aktuelle und Archiv-Ausgaben können online eingesehen werden, und zwar hier…

Internationales Netzwerk von Alito Alessi, das über das Tanzen mit und ohne Behinderung weltweit informiert: danceability.com

Erstveröffentlichung: Tangodanza N0. 3-2008

 

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Über ekoepping

Journalistin
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2 Antworten zu Der Mensch ist der Mittelpunkt

  1. Susanne Opitz schreibt:

    Unsere Milonga gibt es seit 2009. Tangotanzen macht schön veranstaltet den „Schönen Freitag“ jede Woche ab 21.30 Uhr. Wir haben ein Kinderspielzimmer und einen ebenerdigen Zugang über die Hofseite um Kinderwägen und Rollis einzulassen. Aber bisher gab es nie eine Anfrage von Rollifahrern. Lediglich ein Herr mit Rollator kommt gelegentlich zum Tanzen und natürlich Eltern mit ihren Kindern. Beste Grüße, Susanne Opitz, Tangotanzen macht schön, Berlin

  2. ekoepping schreibt:

    Liebe Susanne, danke für Deinen Kommentar! Dass der Herr mit Rollator gut reinkommt finde ich großartig! Nein, natürlich gibt es da keine Anfragen: Rollstuhltango ist eine sehr spezielle Tanzform, die ebenso aufwendig zu erlernen ist wie der vierbeinige Tango. Da Christiane und Wolfgang aus gesundheitlichen Gründen keine Workshops mehr unterrichten, gibt es derzeit gar keine Möglichkeiten für Rollifahrer, den Tanz zu lernen. Solar war seinerzeit der einzige Lehrer, der das Problem der Übersetzung des Tanzes aufs Rollen so interessant fand, dass er sich intensiver damit beschäftigt hat, aber er hat das dann nicht gezielt unterrichtet. Aber wer weiß, vielleicht kommt die Szene ja mal wieder in Schwung!

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