Spiel mit Genregrenzen

Die Berliner Sängerin Hanna Tiné im Porträt

HannaTiné Foto: c Sebastian Geyer, 2014

Foto: Sebastian Geyer, 2014

Ein Solo-Auftritt von Hanna Tiné lässt Tango- und Chansonfans selten unbewegt: die Sängerin und Gitarristin, die vor rund sieben Jahren den Tango als musikalische Ausdrucksform für sich wiederentdeckte, rührt an die uralte Sehnsucht, die auch den Tango umtreibt, tief in den Seelen all jener, die sich mit Leichtsinn ihrem Gesang ausliefern. Die „Queen of Klezmer“, Irith Gabriely, bescheinigte ihr als Teenager schon eine „2000 Jahre alte jüdische Seele“, und das mag der Grund für die bittersüße Schwere sein, von der auch ihre vielschichtigen Tangointerpretationen durchzogen sind.

Die Gitarre ist für Hanna dabei mehr als ein bloßes Begleitinstrument, sie ist ein gleichwertiger Dialogpartner für ihre Stimme. Komplexe Arrangements begleiten diese auf ihrer facettenreichen Reise vom dramatischen Tango Recital („Volver“, „El dia que me quieras“, „Malena“), über die Klassiker des Tango Nuevo („Loco“, „Yo soy María“) zu überraschenden Tango-Fusion-Hybriden aus dem Bereich der Weltmusik und des Chansons („An Englishmen needs time“ von Eartha Kitt, „La Foule“ von Edith Piaf, „Pata Pata“ von Miriam Makeeba).

Foto: Sebastian Geyer, 2014

Foto: Sebastian Geyer, 2014

Als Erzählerin führt Hanna durch den Abend und schlüpft von Stück zu Stück in unterschiedliche Charaktere, die einen sehr persönlichen Zugang zu ihrem gewissermaßen konzertant erzählten Tango erlauben. Ihre variationsreiche Stimme setzt sie fantasievoll und an den richtigen Stellen gekonnt frech in Szene. Mühelos wechselt sie von einer Stimmung in die andere: Ist es eben noch eine selbstbewusste, sehr klarsichtige María de Buenos Aires, mit der es der Zuschauer zu tun hat, so steht im nächsten Moment beinahe übergangslos die grandios komische Parodie eines italienischen Tenors auf der Bühne.

Sie spielt bewusst mit Genregrenzen und subvertiert damit das Leiden an der Welt, das der Tango in seiner Melancholie verinnerlicht hat. Fein nuanciert, mit dem richtigen Gefühl für Zwischentöne, deckt sie die Tragikomik auf, die in vielen alten Tangotexten verborgen ist, etwa in Tita Merellos „Se dice de mi“. Ohne Zweifel ist es ihr großes komödiantisches Talent, das solche Wechsel ohne Brüche in der Dramaturgie des Abends möglich macht.

Hanna Tiné sammelte bereits früh in ihrem Leben schauspielerische Erfahrungen auf der Bühne ihrer Geburtsstadt und das mag der Grund dafür sein, dass sie in der Lage ist, Musikalität und Theatralik zu einem derart feinmaschigen Netz während ihrer Auftritte zu verweben. Bereits im zarten Alter von 8 Jahren wird sie für erste Gesangspartien am Staatstheater Darmstadt angeworben (u. a. Werther, Das schlaue Füchslein). Etwa zeitgleich beginnt sie ihre instrumentale Ausbildung in klassischer Gitarre. Am Staatstheater übernimmt sie auch umfangreichere Schauspielpartien, u. a. an der Seite des zweifachen Grimme-Preisträgers Sebastian Koch („Das Leben der Anderen“).

Irith Gabriely, Foto: Hannelore Anthes

Irith Gabriely, Foto: Hannelore Anthes

„Ich fühlte mich damals sehr stark zum Theater hingezogen. Als Kind verbrachte ich meine gesamte Freizeit im Theater, meine Hausaufgaben machte ich in der Kantine“, erinnert sich Hanna Tiné. Später, als Jugendliche, zieht es sie hinter die Bühne, sie hospitiert in den Bereichen Regie, Dramaturgie und Öffentlichkeitsarbeit, doch ihre eigentliche Leidenschaft bleibt die Musik. Irith Gabriely, die damals erste Klarinettistin am Staatstheater Darmstadt ist, lockt Hanna Tiné in einen Klezmer-Workshop und ist von ihrem ausdrucksstarken Gesang und ihren Fähigkeiten an der Gitarre so begeistert, dass sie der Siebzehnjährigen spontan anbietet, mit ihr ein Klezmer-Duo zu begründen.

In den kommenden fünf Jahren folgen zahlreiche gemeinsame Auftritte in Deutschland und Israel. Parallel absolviert sie eine Gesangsausbildung und gestaltet erste Chanson-Programme. Eine sich anschließende langjährige berufliche Tätigkeit abseits der Bühne in London und ein Studium der Sozialwissenschaften verschaffen ihr als junge Erwachsene die notwendige Reife, um ihre Herangehensweise an die Musik mit der Bedeutung anzufüllen, die heute darin zu finden ist.

Vom Klezmer der frühen Jahre zu ihrer derzeitigen musikalischen Passion, dem Tango, erscheint der Schritt nicht allzu groß. Für Hanna Tiné gibt es zahlreiche Verbindungslinien zwischen Klezmer und Tango, eigene, biografische, aber auch Parallelitäten aus musikhistorischer Sicht. „Der israelische Klezmer wie auch der argentinische Tango wurden in ihrer Entwicklung sehr stark von musikalischen Einflüssen unterschiedlicher Volkskulturen geprägt. Freude und Leid liegen in beiden musikalischen Traditionen nah beieinander und beide sprechen die Emotionen auf sehr tiefgründige Weise an“.

Foto: Sebastian Geyer, 2014

Foto: Sebastian Geyer, 2014

Die Inspiration für den Wechsel in eine neue musikalische Richtung gibt Hanna Tiné im Jahr 2008 die Begegnung mit Marta Carrizo in Berlin. Die gebürtige Argentinierin war Solistin am Teatro Colón in Buenos Aires und engagiert sich heute in Berlin für die lateinamerikanische Oper. Wer sich im Bereich Gitarre und Gesang mit dem Tango beschäftigen will, ist bei ihr in den besten Händen. Etwa zeitgleich beginnt Hanna Tiné auch tänzerisch mit dem Tangounterricht, sie will die Musik, den Umgang mit der Dynamik und Rhythmik des Tangos, mit dem ganzen Körper erfahren. „Das mag damit zusammenhängen, dass ich mich als Jugendliche so stark für das Schauspiel interessiert habe“, erzählt Hanna Tiné. „Auch weil ich das Gefühl hatte, dass ich mit der Musik meinem Interesse am Spielen in jeder Hinsicht nachgehen kann, ob über den körperlichen oder den musikalischen Ausdruck.“ Seine Spannung, die innere Zerrissenheit, aber auch sein Potential Gegensätze zu vereinen, haben ihr Interesse am Tangotanz wie an der -musik bis heute nicht erschöpft.

Die emotionale Intensität, die die Beschäftigung mit dem Tango bisweilen annehmen kann, in einem Gespräch mit Hanna Tiné ist sie deutlich herauszuhören. Ebenso wie aus ihrer Musik. Einen Solo-Abend mit ihr sollten sich Fans des Tango Canción daher nicht entgehen lassen.

Zur Homepage von Hanna Tiné mit Klangbeispielen geht es hier…

Anstehende Live-Termine, z. B. am 26.06.2015, 19.00 Uhr in der Galerie world in a room in Schöneberg.

 

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