Musical oder Grusical?

"Tanguera" on Tour, Foto: Herbert Schulze

„Tanguera“ on Tour, Foto: Herbert Schulze

Alle Jahre wieder in der Spielzeitpause der großen Bühnen tourt die eine oder andere Gastspielbesetzung großer Musicals durch die Lande. Im Sommer besonders beliebt: vermeintlich „heiße“ Gastspiele lateinamerikanischer Tourneetruppen. Dieses Jahr zur Abwechslung mal wieder: „Tanguera“, ein Tango-Musical aus Buenos Aires, das vor lauter Tangoklischees nur so strotzt. Für Tanzfans ist es auf jeden Fall einen Besuch wert, Menschen, die Piazzolla, Mosalini und sonstige Erneuerer der Tangomusik schätzen, sollten allerdings einen großen Bogen um das Stück machen. Im Jahr 2006 hab ich die Deutschlandpremiere des argentinischen Musicals in Hamburg gesehen und erinnere mich an das eine oder andere Detail mit Schrecken.

Die Show als solche ist perfekt inszeniert (Omar Pacheco), ein Ehrfurcht hervorrufendes, aufwändiges Lichtdesign (Ariel del Mastro) nebst großflächiger Projektionen am Bühnenhorizont im geschmackvollen, nicht folklorisierenden, aber auch nicht zu abstrakten Bühnenbild (Valeria Ambrosio) bietet genau den richtigen Hochglanz-Rahmen für mehr als 30 Tänzer (Choreographie: Mora Godoy, die u. a. schon in „Tango por dos“ tanzte). Vor denen möchte man samt und sonders in die Knie gehen und weinen, wenn man sich irgendwann mal in seinem Leben mit dem Erlernen dieses nicht ganz so einfachen Tanzes befasst hat. Im Gegensatz zur Tour im Jahr 2006 scheint diesmal auch ein Live-Orchester dabei zu sein, unter Leitung des Arrangeurs und Bandoneonisten Lisandro Adrover. Nicht dass das in irgendeiner Form die miese klischeehafte Komposition verbessern würde…

Klischeehafte Bordellszene par excellence,  Foto: Manuel Navarro

Klischeehafte Bordellszene par excellence, Foto: Manuel Navarro

Nicht verwechseln sollte man das Musical „Tanguera“ übrigens mit dem vom WDR mitproduzierten gleichnamigen Film aus dem Jahr 1989 mit Tangostar Silvana Deluigi in der Hauptrolle und Ausnahme-Bandoneonist Juan-José Mosalini an den Tasten und Knöpfen; auch der grandiose Soundtrack zu jenem Film hat so ganz und gar nichts mit der weichgespülten Muscial-Mucke zu tun, die in Hamburg zu Gehör gebracht wurde. Mit Verlaub – Muscial-Mucke der weniger erträglichen Kategorie, da gibt es schließlich solche und solche. Ich meine das hier durchaus als Beleidigung.

Ein optisches Highlight sind jedoch die fantastischen, gar nicht klischeehaften Kostüme, entworfen von Cecilia Monti, die gezielt dem Tourneepublikum mit der argentinischen Erotik einheizen sollen. Das gelingt, die knackigen Tänzerinnen-Ärsche und die bis zum Himmel reichenden Beine sind neben dem hervorragenden Tanzprogramm ein großer ästhetischer Genuss.

Nett anzusehen sind sie, die Tänzerinnen, Foto: Manuel Navarro

Nett anzusehen sind sie, die Tänzerinnen, Foto: Manuel Navarro

Ebenfalls positiv zu bewerten ist der Umstand, dass „Tanguera“ nicht einfach nur ein Potpourri aneinandergereihter Showtänze präsentiert, sondern den Versuch unternimmt, das Nummernprogramm mit Inhalt zu unterlegen. Kennt man die grandiose Operita „María de Buenos Aires“ von Astor Piazzolla, weiß man jedoch, dass dieser Anspruch scheitern muss, wenn das Buch von Anfang an auf eine materiell aufwendige Großproduktion zugeschnitten wird, besitzt der Autor oder die Autorin nicht das Format von Andrew Lloyd Webber. Letztlich ist die Story eine Mischung aus „West Side Story“ und „La Bohéme“, hat auch ein wenig was von „Porgy and Bess“, und würde darüber hinaus mit allen erdenklichen Tangoklischees und einer guten Prise Kitsch verquirlt. Nun ja, es soll zwar unterhalten, aber ich denke mir: unterschätzen die Produzenten nicht ihr Publikum? Schließlich unterhalten auch ein Brecht und ein Weill seit Jahrzehnten mit der „Dreigroschenoper“, ohne dass sich jemand über zuviel Intellektualität beschweren würde.

Der Inhalt von „Tanguera“ (Buch: Dolores Espeja und Diego Romay, der zugleich produzierte), der in neun Bildern aufgefächert wird, ist schnell erzählt: Giselle, ein hoffnungsfrohes junges, naives (französisches) Ding, wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit falschen Eheversprechungen vom fiesen Zuhälter und Drogenhändler Gaudencio nach Buenos Aires gelockt, wo sie – Na wo wohl? – klaro: im Bordell landet und die ganze Zeit Tango tanzen muss. Die Ärmste. Weil sie aber so großartig tanzt, liegen ihr sofort alle zu Füßen. Dann will sie mit dem guten, arbeitsamen Hafenarbeiter Lorenzo, der sie aufrichtig liebt, dem Sündenpfuhl entfliehen, was natürlich nicht funktioniert, weil Gaudencio dahinterkommt und Lorenzo im Zweikampf ersticht. Gäääähn.

Am Ende wird eine Brücke zum Anfangsbild geschlagen, der Ankunft von Giselle: ein Schiff kommt an, eine junge Frau schreitet die Gangway hinunter, direkt in die Arme von Gaudencio, das Spiel wiederholt sich, doch diesmal ist Giselle als ebenbürtige Partnerin an seiner Seite, abgebrüht, ein eiskalter Engel. Wenn sie ihrem Schicksal schon nicht entfliehen kann, nimmt sie es an und gestaltet es so, wie sie selbst am besten damit leben kann. Ein angenehm zeitgenössischer Gedanke.

 

 
Leider ermüdet das komplett ohne Worte auskommende Libretto, die Tanznummern nutzen sich zur Mitte hin ein wenig ab, wenn man denn genug Drehungen, Sprünge, Hakeleien und Erotik gesehen hat, doch gnädigerweise kommt das Ende der überraschend kurzen Show (unter 90 Minuten) schnell, so dass die kleine Durststrecke schnell überwunden ist. Immerhin: der fehlende Text bedeutet, dass sowohl Inhalt als auch Emotionen ausschließlich über den Tanz transportiert werden müssen, was gelingt, eine Leistung, die wohl der Choreografin Godoy zuzuschreiben ist. So gesehen trifft die Bezeichnung „Musical“ denn nicht so gut als viel mehr „Dansical“ oder auch „Tango-Ballett“, denn musikalische Glanzlichter gibt es leider wenige, wenn auch die jeweiligen musikalischen Stimmungen die Story gewissermaßen vorantreiben.

Arrangeur Lisandro Adrover, der bereits für „Tango Argentino“ verantwortlich zeichnete und als Musiker im Pugliese-Orchester spielte, verrührt leider den Tango zu einem durchgängig derart matschigen, zeitgenössisch-pseudo-ohrgefälligen Klangteppich ohne Höhepunkte, dass es nur so graust. Die eine oder andere bekannte Melodie scheint hervorzublitzen, säuft im orgeligen Musical-Kitsch aber sofort wieder ab. Die CD zur Produktion ist tunlichst zu meiden! Einzig wahrer und echter musikalischer Höhepunkt war 2006 die Sängerin Marianella Massarotti, die als eine Art Erzählerinnen-Figur durchs Geschehen führte, aber leider nur Gelegenheit hatte, drei Songs zum Besten zu geben – sie war diejenige, die das musikalische Ruder mit ihrer zu Herzen gehenden Stimme wirklich herumriss. Ob sie auch bei der diesjährigen Tournee mit dabei ist, weiß man nicht.

Trotz der fiesen Partitur ist die Show durchaus eine gelungene Abendunterhaltung in Kombination mit gutem Essen, Wein und einer schönen Milonga im Anschluss, für die sich auch eine etwas weitere Anreise lohnt.

Termine:
13.08.-24.08.2014 Hamburg, Staatsoper
21.10.-26.10.2014 Berlin, Admiralspalast
28.10.-02.11.2014 Zürich, Theater 11

Vorverkauf:
Telefonisch in Deutschland: 01805/2001 (0,14 €/ Min. a. d. dt. Festnetz, Mobilfunk max. 0,42€/ Min.)

Telefonisch in der Schweiz: +41 900 / 800 800 (CHF 1.19/Min. ab Festnetz).

>>>hier online sowie an allen bekannten Vorverkaufsstellen

Infos auf deutsch >>>hier

Informationen zur Show in englischer und spanischer Sprache: www.tanguera-musical.com

 

Erstveröffentlichung des Textes in leicht veränderter Form 09/06 auf tangokultur.info

 

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