Das Ding mit der Wehmut

Tango-Wehmut

 

 

Horacio Salas
Tango. Wehmut, die man tanzen kann
Sachbuch / Comic
Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann 2010,
durchgängig illustriert von Horacio „Lato“ Santana
175 Seiten, als Hardcover, TB und Ebook
ISBN: 978-3-570-58021-9

 

Heute habe ich zufällig ein Kurzinterview mit der Märkischen Allgemeinen Zeitung (Online-Ausgabe) geführt, eine Art Expertinnen-Gespräch. Die Autorin des Artikels fragte mich nach Buchempfehlungen für Tanzunerfahrene und irgendwie stolperte ich beim Nachdenken darüber über dieses Werk. Das hatte ich schon völlig vergessen, vor mehr als 3 Jahren hab ich es für die Tangodanza rezensiert und war begeistert. Das ursprüngliche Hardcover wird mittlerweile zu horrenden Preisen gehandelt, im Taschenbuch ist es immerhin für rund 10 Euro zu haben. Sobald das Interview mit mir erschienen ist, werde ich natürlich verlinken! ;D

Argentinien war im Jahr 2010 Gastland auf der Buchmesse, ein schöner Anlass für Random House, eine Übersetzung von Horacio Salas‘ bereits im Jahr 1999 publizierter Tangogeschichte in hochwertiger Aufmachung auf den Markt zu werfen. In der Edition Elke Heidenreich steht das Buch Seite an Seite mit anderen Werken, die Musik(-geschichte) auf anspruchsvolle Weise mit Literatur verknüpfen. Interessant an „Tango. Wehmut, die man tanzen kann“ ist die durchgängige Kombination kurzer, leicht lesbarer Textpassagen aus Salas‘ Feder mit den schwarz-weiß Zeichnungen von Horacio „Lato“ Santana im Stile einer Graphic Novel – nur dass es sich eben nicht um einen illustrierten Roman, sondern um „Graphic Nonfiction“ handelt, also ein illustriertes Sachbuch.

„Tango. Wehmut, die man tanzen kann“, ist dem Grunde nach nichts anderes als eine Kulturgeschichte des Tangos von seinen Anfängen bis heute. Tiefere Erkenntnisse mag der langjährige Tango-Aficionado nicht aus ihr gewinnen, aber das ist auch nicht ihr Anliegen. Zu Beginn eines jeden Kapitels werden in chronologischer Folge historische Stationen und Persönlichkeiten, die den Tango geprägt haben, von Salas kurz umrissen. Lato knüpft mit seinen Zeichnungen daran an, greift jedoch in der Regel ein Detail auf, das er weiter ausführt. Kurze, übersetzte Passagen aus Tangotexten, die im Umfeld der skizzierten Epoche entstanden sind, werden zu den Illustrationen gestellt. Bild und Text verbinden sich auf diese Weise collagenhaft und erlauben dem Betrachter eine Annäherung an den Inhalt aus unterschiedlichen Perspektiven. Dazu öffnen sich unzählige Imaginationsräume zwischen den Zeilen, der Vorteil einer Herangehensweise, in der nicht alles bis ins Detail ausformuliert wird, sondern sich Bruchstücke zu einem facettenreichen Ganzen zusammenfügen.

Horacio Salas & Lato: Tango. Wehmut, die man tanzen kann

Ein Blick ins Buch, Screenshot der interaktiven Ansicht auf der Verlagsseite

So etwa in einer Illustration zum Kapitel über „Das Cabaret“ der zwanziger Jahre, in dem sich vor allem die französischen Animierdamen eines besonderen Status in Buenos Aires erfreut haben sollen. Ein zwielichtiger Typ mit Hut und Krawatte und einer Kippe, die ihm lässig aus dem linken Mundwinkel hängt, lehnt an einer französischen Bar und sagt zu einer aufgedonnerten Schönheit, „Baby, komm mit mir nach Buenos Aires“, woraufhin sie erwidert, „Pourquoi pas? Irgendwo muss ich ja leben, et puis, il est beau … ce mec.“ In einer kurzen Erläuterung führt Salas dazu aus, „Viele Französinnen folgen einem ‚Morocho‘ über den Großen Teich. Sie heißen Ivonne, Lulu, Renée oder Grisette. Die meisten bleiben in Buenos Aires. Wenn sie als Animierdamen ausgedient haben, trifft man sie hinter der Garderobentheke. Das Cabaret ist und bleibt ihr Lebensmittelpunkt.“ Dazu tritt als kurzes Schlaglicht ein Zitat aus Enrique Cadícamos „Madame Ivonne“: „Sie war die Königin des Quartier Latin und Muse der Dichter. Bis eines Tages ein Argentinier vorbeikam. Da war sie hin und weg.“

„Tango. Wehmut, die man tanzen kann“ nähert sich dem Tango solcherart auf erfreulich sinnliche Weise und auch der Humor kommt nicht zu kurz: Im Kapitel „Die heilige Mama“ relativiert Salas ironisch den häufig in Tangotexten dominierenden Machismo mit zahlreichen Belegen dafür, dass die größten Machos auch zugleich die größten Muttersöhnchen waren/sind. Das ist ein erfrischender Blick auf eine Tangogeschichte, die sonst ausschließlich aus männlicher Perspektive erzählt wird.

Alles in allem ist das Buch ein absolutes Muss für Comic-Fans, ein schönes und glücklicherweise preislich moderates Weihnachtsgeschenk für Tango-Anfänger, und auch für fortgeschrittene Tänzer ein vorzeigbares Sammlerstück, dem sich neue Aspekte abgewinnen lassen.

Horacio Salas aus der Feder von Comic-Zeichner LatoHoracio Salas, geb. 1938, gilt als einer der bedeutendsten Lyriker und Essayisten Argentiniens. Im Jahr 2010, als diese Rezension entstand, war er sogar Kultursenator der Stadt Buenos Aires. Er hat mehr als dreißig Bücher veröffentlicht, darunter ein Wörterbuch des Tango und ein Buch über die Poesie des Tango. Salas erhielt den Premio Municipal de Literatura und den Premio Nacional de Literatura. Er ist Gründungsmitglied der Academia Nacional del Tango, sowie Mitglied der Academia Porteña del Lunfardo und der Academia Argentina de la Historia. 1991 wurde er von der französischen Regierung mit dem Orden „Chevalier des Arts et des Lettres“ ausgezeichnet. 2003 übernahm er den Posten des Direktors der argentinischen Nationalbibliothek.

Horacio Santana, Comic-Zeichner "Lato" aus eigener FederHoracio Santana, alias „Lato“, geb. 1960 im Zamora, hat als Comic-Zeichner und Illustrator internationalen Stellenwert. Die Verbindung von Graphic Novel und Sachbuch ist ihm nicht unbekannt – so erschien im Jahr 2001 in den USA z. B. von ihm eine grafische Umsetzung anthroposophischer Theorien, „Rudolf Steiner and Anthroposophy for Beginners“.

Unter diesem Link kann man in den ersten Seiten des Buches blättern. Es ist übrigens mittlerweile auch als Ebook erhältlich, allerdings ist es aus meiner Sicht doch schöner, dieses wunderbar gestaltete Kleinod als tatsächliches Buch in Händen zu halten.

Erstveröffentlichung: Tangodanza No. 3-2010

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