Mehr Schein als Sein

Szenenfoto "Cineastas / Filmemacher" des argentinischen Theatermachers Mariano Pensotti, Foto: Bea Borgers, kfda.be (2013)

Szenenfoto „Cineastas / Filmemacher“ des argentinischen Theatermachers Mariano Pensotti, Foto: Bea Borgers, kfda.be (2013)

Der argentinische Theatermacher Mariano Pensotti tourt zur Zeit mit seinem Ensemble „La Marea“ durch die europäische Festivalszene. Seine aktuelle Produktion „Cineastas – Filmemacher“, habe ich am 1.6.13 im Berliner HAU gesehen. Im Dezember ist die Grupo Marea beim Festival d’Automne in Paris zu sehen.

Bemerkenswert an diesem Stück ist nicht nur, dass ich mich durchgängig gut unterhalten gefühlt habe, sondern dass es viele kleine parallel laufende Weisheiten parat hält, die an die Zynismen des Alltags aus Woody-Allen-Filmen erinnern. Es ist fantastisch erzählt, beinahe filmisch genau und dabei realistisch in der Darstellungsweise, etwa im Gegensatz zu einer überhöhten oder verfremdeten Spielweise.

Pensotti montiert höchst unterschiedliche Lebensläufe von Frauen und Männern, die auf den beiden Bühnenebenen parallel ablaufen bzw. schnell nacheinander gesetzt werden. Dabei wird das mit Möbeln, Bildern, unzähligen Requisiten vollgestopfte Bühnenbild nach und nach leergeräumt, bis nur noch der nackte Raum übrigbleibt (die Parallelität der Szenen ist am obigen Bild gut zu erkennen). Das korrespondiert nicht zufällig mit der inhaltlichen Ebene: die Geschichte setzt an irgendeinem Punkt in den Lebenswegen seiner Protagonistinnen und Protagonisten an. Während dieser Zeit steuern sie auf eine Lebenskrise oder entscheidende Wende in ihrer Biografie zu. Ebensowenig zufällig sind es die Lebensläufe von Menschen, die im weitesten Sinne mit der Filmbranche zu tun haben.

mariano_pensotti_cineastas_2Ein kommerziell erfolgreicher Regisseur erfährt, dass er Krebs hat und will in seinem nächsten und damit letzten Projekt endlich alle künstlerischen Kompromisse, die er im Laufe seiner Karriere eingegangen ist, beiseite lassen und den idealen intellektuellen Film machen, den er schon immer mal machen wollte, aber nicht durfte. Dass das mit den Plänen seiner Produktionsfirma nur schwer zu vereinbaren ist, versteht sich von selbst. In dem Versuch, sich in diesem letzten Werk, das sein Nachlass sein soll, sein Memento für die Welt, zu verewigen, verliert er immer mehr den Kontakt zu sich selbst und seiner Umgebung. Insbesondere den direkten Kontakt zu seiner Frau und seinem Sohn, für die dieses Vermächtnis entsteht.

Eine junge lesbische Independent-Filmemacherin feiert Erfolge mit ihrem Erstlingswerk und erhält ein umfangreiches Vorschusshonorar für ihren nächsten Film. Sie freut sich, nimmt das Geld, lebt aus den Vollen mit ihrer Lebensgefährtin und verdrängt dabei, dass sie ja noch ein Buch abzuliefern hat. Als es ihr kurz vor Abgabe wieder einfällt, fällt ihr nichts ein. Sie hat einfach keine Idee.

Im Leben zweier erwachsener Brüder taucht plötzlich der verschollen geglaubte Vater wieder auf. Er war zur Zeit der argentinischen Militärjunta verschleppt worden und galt als tot. Nach mehr als 30 Jahren steht er wieder vor ihnen. Sie versuchen gemeinsame Erlebnisse nachzuholen, die ihnen in ihrer Kindheit wegen des Fehlens des Vaters verwehrt blieben. Und wachsen mehr und mehr als Familie zusammen. Eines Tages verschwindet der Vater wieder und auch dann ist nach wie vor nicht klar, ob er wirklich ihr Vater war oder ein Betrüger. Es ist den Brüdern aber mittlerweile egal, denn der Fremde war ihnen ans Herz gewachsen.

Pensotti bedient sich filmischer Techniken in der Inszenierung: er montiert Geschichten, verschränkt sie miteinander, lässt sie wieder auseinanderlaufen. Porträtiert Menschen, die für die Filmbranche arbeiten. Und entlarvt dabei auf äußerst hintergründige Weise die Heile-Welt-Romantik, die uns Hollywood (und auch alle anderen Filmindustrien dieser Erde) vorgaukeln möchte. Denn nach dem vermeintlichen Happy-End in den Lebenswegen der Protagonistinnen und Protagonisten bricht der nur kurz anhaltende Glückshöhepunkt in tausend Stücke. Zurück bleiben die vereinsamten Subjekte, einsam, nachdenklich, auf sich selbst zuückgeworfen, frustriert, innerlich so leer wie die Bühne am Ende. Aber sie sind auch auch ein Stück weit weiser und reifer. Wie im richtigen Leben sozusagen.

Die Spielweise, die ich mal als „argentinischen Realismus“ bezeichnen möchte, ist dabei für europäische Sichtweisen durchaus ungewohnt. Gerade in Deutschland ist das, was auf der Bühne stattfindet, oft hochgradig stilisiert, symbolisch überhöht, mit Bildern verbunden, die ein Durchdenken des Gesehenen auf vielen Ebenen erfordern. Pensotti und seine Truppe gehen hier sehr viel geradliniger an die Figuren heran. Vor rund 10 Jahren schon hatte ich Gelegenheit, ein Werk von ihm in Berlin zu sehen, auch Stücke anderer junger Theatermacherinnen und Theatermacher aus Argentinien.

Buenos Aires ist bekannt für seine überraschend große und interessante Offtheaterszene. (Auch der Tanz ist übrigens in der Offszene gut etabliert, ähnlich wie in Berlin, nur leider nicht so gut subventioniert…) Da ich mich wahrlich nicht rühmen kann, eine Kennerin der argentinischen Szene zu sein, hab ich seinerzeit mit Matthias Lilienthal ein Interview geführt. Damals war er noch frischgebackener Intendant des HAU in Berlin. Der Mann weiß jedenfalls, wovon er spricht, möchte ich mal sagen.

Zu dem Interview geht es hier…

Vom 11.-14. Dezember 2013 gastiert die Grupo Marea mit „Cineastas“ beim Festival d’Automne in Paris. Mehr Infos…

Und vom 4.-8. Dezember 2013 zeigen sie nochmal ihre Produktion“El Pasado es un animal grotesco“ aus dem Jahr 2010, ebenfalls in Paris. Mehr Infos…

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