Der Tod und die Krise

Szenenfoto "Cineastas / Filmemacher" des argentinischen Theatermachers Mariano Pensotti, Foto: Bea Borgers, kfda.be

Szenenfoto „Cineastas / Filmemacher“ des argentinischen Theatermachers Mariano Pensotti, Foto: Bea Borgers, kfda.be

Junges argentinisches Theater im Berliner HAU (2004)

Im Rahmen des Metropolenprojektes Bueños Aires – Berlin bot das Theater Hebbel am Ufer (HAU) vom 6.-10. Oktober 2004 drei jungen argentinischen TheatermacherInnen Gelegenheit ihre Inszenierungen zu zeigen. Die künstlerische Leitung des HAU ist bezüglich der Auseinandersetzung mit argentinischen Themen nicht ganz unbeleckt.

Im November 2003 bereits beherbergte das HAU2 „Ex Argentina“, „eine künstlerische und ökonomiekritische Untersuchung zur Wirtschaftskrise in Argentinien im internationalen Kontext“ mit Gesprächen, Workshops, Filmen und Lesungen, die argentinische, deutsche und französische Künstler, Aktivisten und Theoretiker in einem gemeinsamen Forum zusammenbrachten. Die Auseinandersetzung mit der Krise – auch im übertragenen Sinne als Krise zwischenmenschlicher Kommunikation – war gleichermaßen in der diesjährigen Theater-Reihe verbindendes Element im Werk der Regisseure aus Bueños Aires.

Beatriz Catani / Mariano Pensotti: Los Muertos

Die Produktion „Los Muertos“ („Ein Versuch über die Repräsentation des Todes in Argentinien“ lautet der Untertitel) von Beatriz Catani und Mariano Pensotti endet mit einem Borges-Zitat, „Gottseidank ist das Sterben eine Gewohnheit, die die Menschen zu pflegen wissen“, den angeblich ein argentinischer Aufbahrungsunternehmer kalauernd zu seinem Firmen-Credo machte, wie dem Zuschauer berichtet wird. Die Produktion erzählt poetisch und philosophisch von der Inszenierung des Todes in Argentinien – und der Rekonstruktion einer über 20 Jahre alten Inszenierung des Theaterstückes „Los Muertos“ (nach Motiven der gleichnamigen Erzählung von James Joyce) durch einen der damaligen Darsteller – ohne den Rest der Besetzung.

Auf geniale Weise verschränkt sich die dokumentarisch angelegte Erzählung des Darstellers Alfredo Martin von den Schwierigkeiten bei der Rekonstruktion des Stückes nach so langer Zeit, mit Fragmenten der Spielhandlung, deren Rollen er abwechselnd übernimmt. Das verfremdete Spiel macht die Rollen durchsichtig und erlaubt Akteur wie Zuschauern die Reflektion über die Handlung. Die Durchbrechung der Schauspiel-Aktion durch dokumentarische Video-Einspielungen zum Thema Tod, Sterben und Theater in Argentinien sowie die betont sachlichen Erläuterungen eines live anwesenden Berichterstatters über das auf dem Bildschirm zu sehende Material wird zu einer sich potenzierenden Brechung der Brechung.

Mariano Pensotti, www.colihue.com.ar

Mariano Pensotti, http://www.colihue.com.ar

Sie gibt dem Zuschauer individuell Gelegenheit, die parallel laufenden dokumentarischen Akte im Lichte der jeweils anderen zu betrachten und so in Beziehung zueinander zu setzen. Damit wird einerseits die Reflektion über die Flüchtigkeit des Mediums Theater in Gang gesetzt – in Analogie zur Flüchtigkeit des menschlichen Daseins, dessen man doch in gigantischen Monumenten und Grabanlagen zu gedenken versucht – und andererseits das Nachdenken über ‚das Verschwinden‘ und ‚die Erinnerung‘.

Ist die Inszenierung des Todes gewissermaßen „ein Theater der abwesenden Körper“ und macht die gegenwärtig in Argentinien medial stark thematisierte Erinnerung an die Verschwundenen der Militärdiktatur Argentinien zu einem „Land der abwesenden Körper“, fragen sich die Produzenten im Programmheft – eine Frage, die die Aufführung nicht unbedingt beantwortet, sondern eher erneut stellt. „Der Tod und seine architektonische Darstellung“ in Argentinien ist in der Tat eine Idee, über die es sich nachzudenken lohnt, bedenkt man z. B. die Verehrung, die heute noch dem Grab Gardels zukommt oder gar seinem Bildnis in vielen Tangolokalen als Relikt eines tatsächlich seit Jahrzehnten abwesenden Körpers, der dennoch bis heute über seine Stimme weltweit präsent bleibt.

Für mich war das eine der intelligentesten und poetischsten Inszenierungen, die ich 2004 in Berlin gesehen habe. Zurück bleibt für mich allerdings noch eine unbeantwortete Frage: Kommen Theaterstücke eigentlich in den Himmel, wenn sie abgespielt sind?

Interview mit Matthias Lilienthal,
2003-2012 künstlerischer Leiter und Geschäftsführer des HAU

E: Sie haben in Ihr neues künstlerisches Gesamtkonzept für die Spielstätten, die als HAU 1-3 zusammengefaßt wurden, einige bestehende Strukturen nicht übernommen. Was hat Sie daran gereizt, den Kontakt zu den argentinischen Künstlern beizubehalten?

M: Daran hat mich gereizt, daß Bueños Aires eine der aufregendsten Theaterszenen ist, die die Welt hat. Wenn auch aus sehr unterschiedlichen Verhältnissen von Luxus sehe ich die Entwicklung von Deutschland und Argentinien zueinander analog. Ich glaube, daß die Krise hier ähnliche Strukturen produziert. Mich erinnert die Stresemannstraße mit ihren 26 leerstehenden Ladenlokalen an Bueños Aires. Der Neoliberalismus ist in Argentinien so durchgeprügelt worden wie in keinem anderen Land und das mit dem Ergebnis des Total-Crashs. Das stellt natürlich auch den weiteren Weg der Bundesrepublik in Frage.

E: Das heißt, daß Sie schon in Bueños Aires waren, also dort vor Ort die Strukturen auch ganz gut kennen?

M: Ja, ich war in den letzten fünf Jahren siebenmal da. Ich fand bei Theater der Welt 1999 in Berlin die Argentinier klasse. Dann hat mich 1999 die Fondacion Antorchas nach Bueños Aires eingeladen, für eine Jury zur Vergabe eines Preises an Theaterkünstler, Preisträger war damals Daniel Veronese. Gleichzeitig habe ich dort viele Sachen im Theater gesehen.

E: Ich habe den Eindruck, daß die Krise in Argentinien ganz anders auf dem Theater abgebildet wird als die Krise hier in Deutschland.

M: Ich finde schon, daß das argentinische und das deutsche Theater eine ähnliche Unfähigkeit besitzen, Gegenwart zu beschreiben. Argentinisches Theater kommt natürlich immer aus einer Tradition von Borges-Erzählungen, es hat eine bestimmte versponnene Realität. Was dann wiederum ein Publikum in Europa genießt. Die Entdeckung des argentinischen Theaters in den End-Neunzigern in Deutschland hatte auch was mit einer Genervtheit von einer bestimmten belgischen Postmoderne zu tun, zu der dieser somnambule argentinische Realismus ein Gegenmittel bietet.

E: Wird in Deutschland nicht mehr von der Krise geredet als eigentlich von ihr spürbar ist, ganz anders als in Argentinien?

M: Da wär‘ ich mir nicht so sicher.

Szenenfoto "Cineastas / Filmemacher" des argentinischen Theatermachers Mariano Pensotti, Foto: Bea Borgers, kfda.be (2013)

Szenenfoto „Cineastas / Filmemacher“ des argentinischen Theatermachers Mariano Pensotti, Foto: Bea Borgers, kfda.be (2013)

E: Sehen Sie in der Parallele zu Bueños Aires also so etwas wie eine Zukunftsvision für Berlin?

M: Ich glaube, daß die Zeit ökonomisch-sozialer Schutzräume in der Welt vorbei ist und daß man die argentinische Krise in Deutschland ernster nehmen sollte, als man das tut. Dieser wunderbare Film von Lucrecia Martel „La Ciénaga“ (Der Morast) – die Kuh, die langsam im Sumpf verschwindet, während sich die Porteño-Gesellschaft, die kein Trinkwasser mehr hat, betrinkt, ist eine Fortschreibung von Faßbinder-Fantasien der 70er. Ich finde, das ist von der bundesrepublikanischen Bourgeoisie heute nicht weit entfernt. Wir verbrauchen einen Wohlstand, den wir längst nicht mehr haben.

E: Gibt es eine positive Schlußfolgerung, die man aus den argentinischen Produktionen für sich ziehen kann für ein Umgehen mit der Krise oder wird da eigentlich kein Ausweg aufgezeigt?

M: Theater kann sehr präzise beschreiben oder sich an die Gegenwart annähern, es kann Denkmodelle, die man sich weigert zu denken, mal durchspielen und kann versuchen, falsche ideologische Blicke auf die Wirklichkeit zu zerstören, es kann aber keine Zukunftsmodelle entwerfen. Diese 70er-Jahre-Vorstellung von Claus Peymann, daß er gerne mal Bundeskanzler geworden wäre, ist eine Meinung, die ich durchaus nicht teile. Ich finde, daß es vielmehr unser Job ist, sich immer wieder polemisch zu sozial-politischen Dimensionen zu verhalten. Ich hätte in diesem Zusammenhang kein Besserwissertum.

Interessante Hinweise zu „Die Toten“ von James Joyce…

Theater Hebbel am Ufer (HAU) Berlin…

Und hier geht’s zu meinem Artikel über „Cineastas – Filmemacher“ von Mariano Pensotti, das 2013 im HAU zu sehen war…

Erstveröffentlichung: Tangodanza No. 3-2004

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