Haargeschüttel

Bang your head!

Haare schütteln bis der Arzt kommt
Foto: Gunzendorf Live

Ich gebe gerne zu, als ich 19 war oder 21, da waren mir Paar- und Salontänze  suspekt. Das war was, was die Alten machten, sich gegenseitig übers Parkett schieben zu schauderhafter Schlagermusik und immer neben dem Takt. Auf der Kirmes, besoffen nach zig Schnäpsen. Oder Discofox. Da steigen ganz grausige Jugenderinnerungen vor meinem inneren Auge herauf. Das waren immerhin die 80er, da waren nicht nur die Klamotten und Frisuren schlimm. Der Discofox hat das alles sogar noch potenziert. Bis zum Jahr 1997 war ich also felsenfest davon überzeugt, dass Paartänze was für Spießer sind, nix für mich mithin. Ich hab mich schließlich immer für so eine Art Prototype der Antispießerin gehalten. (Das relativiert sich mit dem Alter…)

Mit 25 änderte sich diese Auffassung dann radikal, als ich den Tango für mich entdeckte. Da war dann im Grunde alles zu spät. Wie die meisten Tangovirusinfizierten ging es für mich jahrelang nur noch um den Tango. Und wie ich, an welchem abgelegenen Ort der Erde auch gerade befindlich, meine Droge Tanz beschaffen konnte. Der Anfang vom Ende oder so. Damals konnte ich mir auch nicht vorstellen, dass sich auch das irgendwann mal wieder relativieren würde.

Eine Geschichte der Tanzbegeisterung

Im Grunde habe ich, als ich mit dem Tango anfing, die Geschichte einer Tanzbegeisterung weitergeschrieben oder die Uhr weitergedreht. Vielleicht bin ich auch einfach erwachsener geworden. Oder einsamer. Oder ich hab in den Hochzeiten des Techno einfach keine guten Rockclubs mehr in Berlin gefunden. Das war jahrelang wirklich schwer. Da musste ich Alternativen in Erwägung ziehen, der Techno war keine. 1993 bin ich nach Berlin gezogen, erst in den letzten Jahren gibt es überhaupt wieder so etwas wie richtige Rockdiskos in der Stadt. Und die Freaks, die früher in solchen Schuppen rumgehangen haben – die gibt’s schon lange nicht mehr. Altersheim, vermute ich. Schleudertrauma und Alzheimer von zuviel Headbangen. Das war die erste Tanzbegeisterung, der ich gefrönt habe. Seit ich in Diskos ausgehen durfte. Mit 14 oder so fing das an. Meine erste Liebe: Hardrock und Metal und dazu immer schön die Haare schütteln. Mein damaliger Freund war auch so ein Langhaariger.

Ich erinnere mich, dass wir bis zum Abitur in der nordhessischen Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, recht viel unterwegs waren, wo immer sich eine Mitfahrgelegenheit mit älteren Kumpels, befreundeten Musikern oder sonstigen Freaks fand. Konzerte in Kassel, in der Eissporthalle, Deep Purple und die Scorpions oder im Musiktheater: Yngwie Malmsteem live. Das war so ein Konzert, das ich nie vergessen werde – oder Dortmund: Metallica, Ronnie James Dio, sogar Bremen, das Aladin gibt es immerhin noch. An Diskobesuchen in der näheren und ferneren Umgebung mangelte es nicht. Gefühlt waren wir jedes Wochenende irgendwohin unterwegs.

Green Goose Member Card

Goldene Metalzeiten – die Green Goose Member Card. Die Clubs in Nürnberg und Bamberg existieren noch.

Kassel, Homberg/Efze, Bad Hersfeld und sogar bis nach Fulda sind wir gefahren, das waren immerhin rund 100 Kilometer. Damals, wir schreiben das Ende der 80er Jahre, vor und zur Zeit der Wende, gab es noch die Green-Goose-Clubs. Rockclubs für die amerikanischen GIs – der in Fulda war am besten, aber Bad Hersfeld war auch okay, wenn man im Winter keine Lust hatte, nachts so weit über die vereiste B27 zu schlittern. Unsere Führerscheine waren ja noch ganz frisch.

Dann, das Studium in Erlangen: ein einziges HardrockerInnen-Paradies. Es gab einen Jugendclub, in dem ich zweimal wöchentlich anzutreffen war, das New Force (lange zu, offenkundig aber wieder eröffnet, siehe link), samstags wurde im E-Werk abgehottet. Ab und zu mal Bamberg oder Nürnberg oder Fürth. Die Liste an Rockclubs und –konzerten in der Region war lang, das Leben im goldenen Metal-Dreieck Bamberg-Nürnberg-Fürth wunderbar in Ordnung. Einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen hat bis heute jedoch ein Club in der Nähe von Bamberg, in Gunzendorf. Da war ich rund 20 Jahre nicht, ein bisschen was scheint sich verändert zu haben. Aber wenn ich auf der Website die Fotos von Gunzendorf 2013 ansehe, dann hab ich das Gefühl, dass es so anders als damals auch wiederum nicht sein kann.

Was mich nachhaltig beeindruckt hat, war, dass draußen an dieser riesigen Disko, die locker 500 Leute im großen Saal unterbrachte, eine fein geschwungene Neonröhre leuchtete. „Tanzpalast“ las ich bei meinem ersten Besuch aus diesem Leuchtkörper heraus. Passte ja irgendwie. Ich fasste es als eine Art ironischen Kommentar auf, zu der besonderen Art des veitsartigen Zappeltanzes, der im Inneren praktiziert wurde. Die Leuchtschrift markierte die Grenze zwischen der zivilisierten Welt im Inneren und der Natur, der kompletten dörflichen Einöde, in der dieser Schuppen gelegen war. Wohin das Auge blickte: überall nur Felder und Buschwerk.

Das Paralleluniversum der Coolness

Passierte man die Schwelle zu diesem Etablissement, befand man sich in einem Paralleluniversum. Dem der Coolness. Direkt am Eingang zum Wurmloch in die andere Dimension empfingen uns unsere Tourguides – Rockmusiker, die mindestens genauso viel Wumms und Spielfreude hatten wie die Angus Youngs, David Coverdales und Steve Vais der großen Plattenlabel. Nur waren sie eben nicht so bekannt. Und traten dort, in Gunzendorf, nicht mit ihrer eigenen Musik auf, sondern coverten die Songs der genannten Rockgrößen. Ich vermute jedoch, dass sie als Musiker in Coverbands ein doch ganz erträgliches Einkommen generierten und davon gut leben konnten.

Erst einige Besuche später wurde mir klar, dass dieser grell hellblau-weißlich leuchtende Schriftzug an der Fassade mitnichten „Tanzpalast“ in den Nachthimmel strahlte. Vielmehr stand darauf „Tanzaplast“. So wie „Hansaplast“. Das Ausmaß der Einsicht, die mich in diesem Moment überkam (nach einem hysterischen Lachanfall über die Genialität des Namensgebers, respektive der Namensgeberin), war überwältigend. Dieser Ort war eine Zuflucht. Ein Hort der Sicherheit und Geborgenheit in einer von Klängen aus der Konserve überschwemmten Welt. Hier existierte sie noch, die hand- und hausgemachte Musik. Hier wurde getrunken und geraucht, hier wurden die Haare geschüttelt und hier wurden schwarze Lederhosen und -jacken getragen. Dieser Club oder diese Disko, dieser vermeintliche Tanzpalast, war ein veritables Lazarett, in dem die von den Schmerzen des Alltags gerüttelte und geschüttelte Seele in nur einer Nacht wieder gesund gepflegt wurde. Einfach ein Tanzapflästerchen drauf – und bis du heiratest, ist alles wieder gut.

Culture Clash mit Schnittmenge

Headbanging Female

fotoAKL/Fotolia.com

In gewisser Weise treffen sich hier die beiden Welten, in denen ich mich zu Hause fühle oder fühlte. Gehe ich heute in einen Rockclub in Berlin, und mittlerweile gibt es sie zum Glück wieder, so als hätte man sich in der Stadt auf die guten alten musikalischen Werte zurückbesonnen (vielleicht sind aber auch einfach nur so viele junge AmerikanerInnen hergezogen, dass es sich schon wieder lohnt), fühlt sich das für mich wie ein Ausflug ins Pleistozän an. Ich bin mir immer nicht sicher, ob ich lachen oder weinen soll. Es ist eine gewisse Nostalgie im Spiel, aber irgendwie auch Mitleid. Denn die Welt, die ich da sehe, deckt sich in keiner Weise mehr mit der, in der ich heute lebe. Ich bin weitergegangen, habe Neues entdeckt, ohne das Alte völlig zu vergessen. Das nicht. Aber es nimmt einfach nicht mehr so viel Raum ein.

Ein Freund von mir aus Erlanger Zeiten, der oft auch mit in Gunzendorf war, pflegte mit einem Grinsen zu sagen, „Guck mal, da ist wieder so ein ewig Gestriger“. So ist das. Für mich ist es heute die Welt der ewig Gestrigen. Und ist das mit dem Tango nicht auch so? Wenn man an all die Leute denkt, die sich in die Szene stürzen, weil sie dort den gesuchten Ersatz für ihre unausgelebten romantischen Gefühle finden oder zu finden glauben? Oder jene, die gerne als „Tangopolizei“ bezeichnet werden, die der Ansicht sind, nur der historische Tango der 30er und 40er des vergangenen Jahrhunderts ist der wahre Tango?

Natürlich übertreibe ich maßlos im Namen der ironischen Überhöhung. Schließlich gibt es die für mich immer noch, diese eine Nacht – oder während des QueerTango-Festivals diese 4 aufeinanderfolgenden Nächte –, in denen einfach alles möglich scheint. In denen alle gut drauf sind, egal, wie scheiße das Wetter draußen ist. In denen alle großartige Tänzerinnen und Tänzer sind, egal, wie gut oder schlecht sie übers Jahr sonst so tanzen. Und in denen man bis zum Sonnenaufgang irgendwann gegen 4.00 Uhr in der Früh immer noch auf der Tanzfläche klebt, bis die Füße so weh tun, dass man wünscht, man hätte noch ein frisches Paar zu Hause im Regal, das man einfach anschrauben könnte, um am nächsten Tag ohne Schmerzen weiterzutanzen. Aber ohne Fleiß kein Preis und ohne Schmerzen ist es im Grunde ja auch nur halb so schön. Schließlich hat man dann am nächsten Festivaltag Grund zum kollektiven Jammern. Und ist nicht der Tango genau jenes „Tanzaplästerchen“, das in einer einzigen Nacht alle Wunden heilen und all die fehlenden Körperteile und Emotionen ersetzen kann, die der Alltag auf- oder abgerissen hat? Gunzendorf lebt…

Hier geht’s zur Website von Gunzendorf Live

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Über ekoepping

Journalistin
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