Mit Führungspotenzial

Der argentinische Tango, der sich als Gesellschafts- und Geselligkeitstanz nach wie vor auch in Deutschland wachsender Beliebtheit erfreut, ist voll von Geschlechterbildern, deren Grundprinzipien dem sozialen Gefüge des vergangenen Jahrhunderts geschuldet sind: der Mann führt, die Frau hat zu folgen. Sie ist ganz Hingabe, während er sie überlegen in komplizierte Schrittfolgen hinein- und hinausdirigiert, deren Bewegungsimpulse sie zu „spüren“ hat. Sie: Femme Fatale. Er: Mucho Macho. Erst seit wenigen Jahren existiert mit dem Konzept des „Queertango“ eine Gegenströmung zur historisch zementierten (Hetero)-Sexualisierung seiner Tanzrollen. Ein Überblickstext mit dem Fokus auf lesbischen Tänzerinnen aus dem Jahr 2009.

Die Tangowelt steht gemeinhin für all jenes, was uns modernen Menschen in unserer vernunftorientierten Arbeitswelt so fehlt: Sinnlichkeit, Leidenschaft, Dramatik. Und doch gehen jene fehl, die meinen, diese Begrifflichkeiten an überholten Rollenklischees festmachen zu können. Dass es anders geht, zeigt der Queertango, der zunächst das Zielpublikum „lesbisch, schwul, transgender“ avisiert; in zweiter Linie jedoch auch noch zusätzlich das „verqu(e)eren“ der geltenden Geschlechterordnung im Tango ausprobiert. Queertango wendet sich somit auch an heterosexuelle Tänzerinnen und Tänzer, die Interesse an einem gleichberechtigten Dialog im Tango haben.

Queertango, zwei Frauen

Foto: Astrid Weiske

„Diese unausgesprochenen Machtstrukturen existieren bei uns einfach nicht, ich hab den Eindruck, dass wir alle viel offener sind“, erzählt Christine, die derzeit einen Queertango-Anfängerkurs in Berlin belegt hat. Dass der Rollentausch im Tango Argentino nicht ganz so einfach funktioniert wie in der Standardvariante, liegt an der extremen Komplexität des Tanzes: Körperhaltung, Aufmerksamkeit und Schrittfolgen der Führenden und Folgenden im Tango unterscheiden sich derart gravierend, dass allein die spiegelbildliche Umkehrung einer bereits erlernten Tanzrolle nicht möglich ist.

Der Tango entstand bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den Armen- und Einwanderervierteln von Buenos Aires (Argentinien) und Montevideo (Uruguay). Die Mythen, die sich um ihn ranken, stammen aus der Sphäre der Rotlichtviertel mit ihren Bordellen und Kleinganoven, und aus eben jenem Grund galt der Tanz lange Zeit als nicht gesellschaftsfähig, als zu eindeutig erotisch, verrucht, mithin skandalös. Die Lust am Skandal reizte jedoch damals wie heute die Gesellschaft und so wurde in England eine salonfähige Variante entwickelt, die bis heute als „Europäischer Tango“ im Standardtanz gebräuchlich ist, in ihrem Variantenreichtum und der Möglichkeit zur Improvisation jedoch Meilen hinter dem argentinischen Tango zurückfällt.

Eine erste Hochphase der Tangobegeisterung hielt bis in die vierziger Jahre hinein weltweit an, der Tanz geriet seit den sechziger Jahren jedoch mehr und mehr in Vergessenheit – sogar in seinen Heimatländern. Erst Mitte der achtziger Jahre war die Zeit reif für seine zweite Renaissance, Hollywood-Schmachtstreifen wie „Dirty Dancing“ oder „Strictly Ballroom“ taten ihr übriges, um lateinamerikanische Tänze in der Gunst des Publikums ganz nach oben zu katapultieren. Die neu entfachte Leidenschaft der Europäer für den Tango wiederum wirkte sich als Frischzellenkur auf die beinahe ausgestorbene argentinische Tanzkultur aus, die den Tango als Exportschlager entdeckte und die Europäer als zahlungskräftige Tangotouristen. Eine neue Generation experimentierfreudiger Tänzer und Tänzerinnen wuchs heran, die heute in unzähligen Tangoshows auftreten und als „fahrendes Volk“ den Tango in Workshops und auf Festivals rund um den Globus transportieren.

Lexa Roséan auf der New Yorker Danceparade 2008

Apropos fahrendes Volk: Lexa Roséan und Gayle Gibbons Madeira
auf einem Wagen der New Yorker Danceparade 2008

‚Skandal‘ ist ein gutes Stichwort: Für die New Yorker Tänzerin Lexa Roséan wurden im Jahr 2007 die Regularien der argentinischen Tangoweltmeisterschaften geändert. Sie finden jährlich in Buenos Aires statt, weltweit können sich Tänzerinnen und Tänzer dafür in ihren Heimatländern qualifizieren. Die Teilnahme gleichgeschlechtlicher Tanzpaare war bislang nicht vorgesehen, zumindest bis Lexa sich mit ihrer Tanzpartnerin zu den amerikanischen Vorentscheidungen anmeldete. Lexa hat sich als führende Lesbe bei ihren Besuchen der Milongas (=Tanzabende) in Buenos Aires einen derart guten Ruf ertanzt, dass sie dort als „Mann ehrenhalber“ akzeptiert wird – „homo honoris causa“ sozusagen … Ein zweifelhaftes Kompliment, bedenkt man, dass sich auch darin eine Praxis der Ausgrenzung bemerkbar macht. Dieses Dilemma ist Lexa durchaus bewusst, doch baut sie auf die ‚Politik der kleinen Schritte‘. Im Folgejahr 2008 gewann sie mit Gayle Madeira die US-Vorentscheidungen zur Weltmeisterschaft in der Kategorie „Showtanz“ – für sie eine Genugtuung auf mehreren Ebenen. „Es ist meine Rolle innerhalb der schwullesbischen Gemeinschaft, als Lesbe draußen in der Welt bemerkt zu werden. Ich bin queer und ich gehe auf Hetero-Milongas als eine Lesbe, die den Tango liebt. Für mich ist das die perfekte Welt, wenn wir alle zusammen tanzen, Frauen mit Frauen, Männer mit Männern und Frauen mit Männern. Meine Psychoanalytikerin hat mir neulich gesagt, dass ich vermutlich dafür verantwortlich bin, hunderten von Frauen ihr erstes homoerotisches Erlebnis verschafft zu haben, indem ich mit ihnen getanzt habe und darauf bin ich wahnsinnig stolz. Ich finde, jeder Mensch sollte wenigstens einmal im Leben eine homoerotische Erfahrung gehabt haben.“

Spiel mit der Identität

Queertango und die Lust am Spiel mit der Identiät
Lexa Roséan und Gayle Gibbons Madeira, Foto: Kaipics New York

Als Pionierinnen in Sachen gleichgeschlechtliches Tanzen gelten in Deutschland Brigitta Winkler und Angelika Fischer aus Berlin, die allerdings ihren Tanz nie „queer“ nannten. Bereits in den achtziger Jahren mischten sie als Tangotouristinnen die argentinischen Tanzsalons auf. Anders als hier in Europa werden dort reine Frauenpaare auf der Milonga bis heute nicht gern gesehen. Die historische Entwicklung des Tanzes legitimiert interessanterweise den Tanz zweier Männer – sofern sie nicht schwul sind – eher als den zweier Frauen. Die Konsequenz war im Falle von Angelika und Brigitta der Rauswurf; was als künstlerische Darbietung unter dem Label „Travestie“ als Bühnenshow oder im Fernsehen in Ordnung geht, wird nicht unbedingt im Alltag akzeptiert… Den Begriff des Queertango haben später Marga Nagel und Ute Walter bekannt gemacht, die ebenfalls seit den achtziger Jahren aktiv sind. Sie riefen gemeinsam mit Felix Feyerabend im Jahr 2001 das erste Queer Tango Argentino Festival in Hamburg ins Leben.

Nach und nach folgten weitere Festivals weltweit, darunter auch im Sommer 2009 als Rahmenprogramm der World Out Games in Kopenhagen und – seit sechs Jahren – in Buenos Aires. Im Ursprungsland des Tanzes dürfen bis heute lesbische und schwule Tangotänzer auf Hetero-Veranstaltungen nicht offen gleichgeschlechtlich tanzen. Mariana Falcon, die Co-Initiatorin des dortigen Festivals, erzählt gerne auch die Anekdote, wie einmal eine Tangoschülerin wutschnaubend einen Kurs mit der Begründung verlassen habe, dass die Lehrerin ’ne Lesbe sei. Eine schlimmere Beleidigung ist der Tänzerin vermutlich nicht eingefallen…

Astrid Weiske Queertango Berlin

Astrid Weiske, Foto: Katya Valentini

Da die Queertango-Szene weltweit recht übersichtlich ist, ist es überall ähnlich schwer, regelmäßige wöchentliche Tanz-Veranstaltungen zu etablieren. Tangobegeisterten Lesben, die ihrer Passion nicht nur auf Festivals frönen, sondern regelmäßig ausgehen wollen, bleibt daher nur der Weg in die Hetero-Szene. Astrid Weiske, die regelmäßig Queertango-Kurse in Berlin anbietet, rät ihren Schülerinnen aus eigener positiver Erfahrung, genau das zu tun. Als führende Lesbe fand sie es selbst anfangs nicht leicht, Frauen auf der „Milonga“ aufzufordern. „Da kommen lesbische Urängste hoch: dass die Frauen denken, die will was von mir oder dass sie unangenehm berührt sind, wenn ich sie um einen Tanz bitte. Aber je mehr man sich im Tanz entwickelt, desto sicherer wird man auch in dieser Hinsicht.“ Wie auch Lexa und viele andere erfahrene führende Tänzerinnen, tanzt und unterrichtet sie zusammen mit heterosexuellen Trainingspartnerinnen – Lesben mit langer Tanzerfahrung sind bisher noch rar gesät, zumal es ja auch auf der Ebene des tänzerischen Ausdrucks und der kreativen Einstellung zwischen den Tänzerinnen „funken“ muss.

Astrid unterrichtet den Tango mit ständigem Führungswechsel, d. h. die Schülerinnen legen sich nicht per se auf eine Rolle fest. Sie versteht den Queertango damit auch als Abbild lesbischer und schwuler Lebenskultur, „wir wollen ja nicht unbedingt ein heterosexuelles Bild widerspiegeln – wir alle tragen Anteile beider Geschlechter in uns“, resümiert sie ihre Einstellung, die von vielen Queertango-Unterrichtenden so auch geteilt wird. „Die Tänzerin stellt sich quasi immer wieder in die Schuhe der anderen und versteht so viele Bewegungsabläufe besser. Die Folgende reagiert also nicht nur passiv auf Bewegungsimpulse, sondern kann auch etwas zurückgeben, aus dem wieder ein neuer kreativer Impuls für das Paar entsteht.“ Hanna, eine ihrer fortgeschritteneren Schülerinnen, die in Astrids Kurs nicht nur ihre Tanzpartnerin kennen-, sondern auch lieben gelernt hat, genießt es, je nach Stimmung in beiden Rollen tanzen zu können. „Es spricht mehrere Facetten meiner Persönlichkeit an, ich kann mit Identitäten spielen. Ich bin dann auch mal im Rock unterwegs und mache einen auf feminin. Oder wenn die Arbeit stressig war, dann klappt’s vielleicht auch nicht so mit dem Führen, dann lass ich mich mal fallen.“

Unlängst wurde auch in der Berliner Hetero-Welt im Tangostudio „Mala Junta“ eine führende Frau im Drag-Outfit mit Schiebermütze und Hosenträgern zum „Milonguero der Herzen“ (Milonguero = erfahrener Tangotänzer) gekürt. Daraus lässt sich im Grunde nur ein einziger Schluss ziehen: die Tangoszene braucht im Zuge eines Kampfes für mehr Gleichberechtigung in der Gesellschaft definitiv mehr Frauen in Führungspositionen!

Vom 24.–27. Juli 2014 findet das 4. Internationale QueerTango-Festival in Berlin statt, initiiert von Astrid Weiske im Jahr 2010, ein Jahr, nachdem der Artikel entstand. Sie hat an ihre Vision eines solchen Festivals für Berlin geglaubt und Recht behalten – schon im ersten Jahr seines Bestehens war es das bestbesuchte QueerTango-Festival weltweit. Das ist, so vermute ich, auch der Anziehungskraft der lebendigen Queer- und auch der großen Tangoszene der Stadt zu verdanken. Und gewissermaßen eine Liebeserklärung an Berlin, das sich bei Tourist_innen immer größerer Beliebtheit erfreut.

Für Infos zum Berliner QueerTango-Festival hier lang…

Zu Lexas Tangoblog geht es hier…

Rotterdam: www.queertango.nl

Stockholm: http://tangoportalen.com/tangoverkstan

London/Devon: www.gaytango.co.uk

Boston (USA): www.queertangoboston.com

Seattle (USA): http://queerseattletango.com/

San Francisco (USA): http://www.queertangosf.com/

Buenos Aires (ARG): www.tangoqueer.com

St. Petersburg (RUS): Queer Tango Festival St. Petersburg & Queer Tango Club

 

Erstveröffentlichung in: L-MAG Nr. 5-2009

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3 Antworten zu Mit Führungspotenzial

  1. Pingback: Haargeschüttel | Tangolazarett

  2. paula.villa@me.com schreibt:

    ich sag’s ja immer wieder: wer auch immer in der – gegebenen, selbstverständlichen, unhinterfragten, sowieso klaren – führen/folgen-struktur tanzt, tanzt nicht queer. lg grüße
    paula

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