Das Schreibfaultier

60er Jahre Schreibmaschine

Foto: DeyZ-S/photobucket.com

Nichts ist zugleich leichter und schwieriger als das Schreiben. Unzählige miese Bloggerinnen und Blogger künden davon. Wenn es etwas gibt, das ich kann, dann ist das Schreiben. So unendlich Vieles aber kann dem Schreiben im Weg stehen. Und glaubt mir, ich spreche da aus Erfahrung…

Alle paar Wochen schrecke ich plötzlich hoch und denke, „Verdammt, wie lang ist jetzt eigentlich dein letzter Blogbeitrag her?!“ – nur um entsetzt festzustellen, dass in meinem wildbewegten Leben schon wieder 3, 5 oder 7 Wochen verstrichen sind, ohne dass ich auch nur im entferntesten darüber nachgedacht hätte, meine Social-Media-Aktivitäten zu pflegen. Was ja nahezu als tödliches Vergehen in der heutigen schnelllebigen Zeit gilt. Anders als meine Freundin Jana plane ich meine Beiträge nicht systematisch vor. Es gilt keinen gigantischen LeserInnenstamm bei Laune zu halten, sondern ich sehe das Blog als reine Spielwiese an. Als Aushängeschild meiner Arbeiten, das auch. Solche, die sonst vielleicht einfach nicht mehr gelesen werden, weil sie vor Jahren irgendwo in einer Zeitschrift erschienen sind und sich seitdem nie wieder jemand dafür interessiert hat. Obwohl sie gut und nach wie vor aktuell sind. Und vielleicht auch spannend zu lesen für einige Menschen, die sich speziell mit diesem Thema „Tango“ beschäftigen und die das seichte romantisierende Kitschzeugs über haben, das man sonst so in Blogs liest. Oder die ewigen historischen Abhandlungen über Orchester XY. Über deren sporadischen und zufälligen Besuch auf meiner Seite ich mich freue, ebenso wie über die angelegentlichen Hits über Suchmaschinen.

Diese Erkenntnis meiner Säumigkeit – „ups, ich muss mal wieder was ins Blog setzen, sonst liest ja hier keiner mehr mit“, führt bei mir regelmäßig aber auch dazu, darüber nachzudenken, was es mit dem Schreiben und mir ganz speziell – im Binnenverhältnis sozusagen –eigentlich so auf sich hat. Klaromat: Computertastatur, draufhauen, fertig. Außerdem hab ich eine schöngeistige Fächerkombination studiert und arbeite seit genau 10 Jahren als professionelle Journalistin. Das Handwerk oder die Mechanik ist also nicht das Problem. Wenn es etwas gibt, das ich kann, dann ist das Schreiben. Neenee, so leicht ist das eben nicht. Komische psychische Blockaden, ewiges Prokrastinieren, lieber ein Nickerchen einlegen oder dringend Fenster putzen müssen – unendlich Vieles kann dem Schreiben im Weg stehen. Und glaubt mir, ich spreche aus Erfahrung… Es gab viele und lange Phasen in meinem Leben, in denen ich einfach überhaupt gar keine Lust zum Schreiben hatte. Was ziemlich blöd ist, wenn man seinen Lebensunterhalt damit verdient, das muss ich schon zugeben…

Ich musste mich regelrecht an den Schreibtisch und die Tastatur zwingen. Was zu regelmäßigen nächtlichen Schreiborgien mit üblem Schlafentzug und echten Stresssymptomen ausartete, weil ich natürlich tagsüber die große Wäsche gemacht, sämtliche Fenster geputzt, lecker gekocht und eingekauft und noch einige minder interessante Krimifolgen im Fernsehen angesehen hatte, nur um UMGOTTESWILLENNICHTMITDEMSCHREIBENANFANGENZUMÜSSEN!!!

Während der Magisterarbeitsphase hab ich übrigens angefangen einen Krimi zu schreiben, nur um nicht an der Magisterarbeit weiterschreiben zu müssen. Same same but different mit der Doktorarbeit: ich hab diverse Online-Portale ins Leben gerufen und geschrieben bis mir die Fingerkuppen bluteten. Aber eben alle möglichen Texte AUSSER der Diss. Die meisten über Tango, by the way… Das war auch eine ziemlich erfolgreiche Strategie, muss ich sagen. Den Magister hab ich grad noch so hingekriegt, mit Verlängerung und üblem Heuschnupfen, Heulen, Zittern und Zähneknirschen, Red Bull und Kaffee. Das waren ja auch nur so rund 80 Seiten, das kriegt man in 6 Wochen hin, wenn das Material schon vorhanden ist.

Aber die Diss schreib ich seit 9 Jahren nicht. Was wirklich total bescheuert ist, denn ich hab großartige Thesen, die mich regelrecht inspirieren und oft beflügeln, sie NOCH weiter zu denken. Die auch noch kein anderer Mensch hatte, das wäre also ein regelrecht bahnbrechendes Werk. Die Leute würden sich einen Arm und ein Bein dafür ausreißen, es zu lesen. Ich krieg sogar Anfragen via Facebook, ob und wann sie denn publiziert wird, man würde gerne daraus zitieren. Dumm nur, dass ich das VERFICKTE Ding immer noch nicht ANGEFANGEN habe!! Meine Professorin war übrigens der Überzeugung, „Frau Koepping, Sie schreiben doch schnell, das ist bei Ihnen doch ratzfatz gemacht, machen Sie sich da mal keine Sorgen.“ Die hielt auch immer große Stücke auf mich und zeigte sich über so manchen Aufsatz regelrecht begeistert. Meine Professorin ist übrigens längst in Rente und vermutlich auch schon tot und begraben, eh ich die Arbeit jemals anfange. Wenn ich sie denn anfange. Das ist nämlich das eigentliche Problem. La Profesora hatte in Bezug auf die Schnelligkeit schon Recht. Sie hatte nur nicht einkalkuliert, dass ich einfach nicht damit anfangen würde. Jahrelang nicht. So ganz entschließen kann ich mich derzeit aber auch noch nicht, mit dem Thema ein für allemal abzuschließen und das Material zu entsorgen. Das war schon verdammt viel Arbeit, das alles zusammenzutragen. Ja, und es ist ja auch wirklich alles da. Kein Problem. Alles im Kopf schon fertig.

Das Gerüst steht, die Ideen sind nahezu messerscharf durchanalysiert und in Gedanken schon auf eine Conclusio hingezimmert. Ich müsste mich halt einfach mal hinsetzen und auf S. 1 anfangen und losschreiben. Ich bin zuversichtlich, dass ich das Ding in 2 Monaten fertiggeschrieben hätte. Ohne Scheiß. Egal wie. Eine akademische Karriere strebe ich nicht an und der Doktortitel bringt mich beruflich auch nicht notwendigerweise woanders hin als ich jetzt bin. Also: warum tu ich das nicht einfach? Augen zu und durch? Schließlich kann ich zur Zeit nicht mal die Ausrede anbringen, dass ich einen total stressigen Job habe und grad ÜBERHAUPT keine Zeit, mich auch nur ansatzweise mit der Diss zu beschäftigen.

Lange Zeit war einer der Gründe, dass ich mich soviel und so intensiv mit ihrem Thema beschäftigt hatte, dass ich am Ende schon gar keine Lust mehr hatte, das alles aufzuschreiben. War ja im Kopf schon fertig. Schien mir überflüssig, den ganzen Senf nochmal aus der Tube zu drücken, um ihn aufs Papier zu bringen. Sehr, sehr lange Zeit. Neuerdings hab ich doch wieder Lust an meinen Thesen bekommen, plötzlich bekamen sie andere, schärfere, ganz frische Konturen. Wie das passiert ist? Ich saß in einem Café mit einer entfernten Bekannten, der Freundin zweier Freundinnen. Ich hatte ihr bei einem Problem mit ihrem Fahrrad geholfen. Wir waren in einer Ausstellung und an einem sonnigen Tag spazieren. Sie lud mich auf einen Kaffee ein und wir sprachen über gescheiterte Projekte. Sie ist Filmemacherin. Und schafft es einfach nicht, ihren Abschlussfilm für die Filmhochschule auf die Reihe zu kriegen. Obwohl sie Stunden um Stunden an Material gedreht und jede Menge Geld investiert hat. Das ihr jetzt fehlt, um ein komplett anderes Projekt auch nur anzudenken. Den Abschluss sausen lassen: total blöde Idee. Eine echte Patt-Situation.

Ich erwiderte darauf ganz entspannt, dass ich mit der Diss diese Not gar nicht hätte. Im Grunde könnte ich sie halt einfach jetzt mal schreiben, da würde mir gar kein Zacken aus der Krone fallen. Es wäre aber auch kein Drama, es zu lassen. Und dann fragte sie mich, was denn das Thema sei. Und ich fing an zu erzählen. Und erzählte und erzählte. So richtig konnte ich mich schon nicht mehr an das Ausmaß meiner Thesen und Argumentationsketten erinnern, ist ja auch alles schon ganz schön lange her. Aber beim Reden erwärmte ich mich regelrecht. Ich glaub, ich hab sie ordentlich zugelabert. Und ich kriegte plötzlich Lust, an dem Thema weiter zu arbeiten. Vielleicht ist das ja ein guter Zeitpunkt, um wirklich damit anzufangen? Blöd nur, dass es keine reale Deadline gibt. Ich habe alle Zeit der Welt dafür. Das ist ein echtes Handicap. Denn dann kann ich ja auch erst mal Fenster putzen gehen. Das haben die nach dem Winter aber auch bitter nötig. Und ich will auch schon seit Jahren ENDLICH mal alle meine Zimmerpflanzen umtopfen…

Übrigens müsste ich jetzt eigentlich auch einen anderen Text schreiben. Einen, mit dem ich Geld verdiene. Dessen Thema ich total spannend finde. Es treibt mich seit einigen Wochen um. Kein langer Text. Im Grunde ist er auch schon angefangen, also die erste Hürde ist erfolgreich genommen. Aber zeitgleich hatte ich eben plötzlich die Idee zu diesem Text über das Schreiben. Und wenn ich sowas nicht sofort in die Tat umsetze, dann wird da nie was draus. Kenne ich schon, siehe oben. Das wird dann einfach noch eine weitere Idee, die ich ewig vor mir herschiebe. So ist das immer. Ich arbeite hochkonzentriert und sogar recht inspiriert an einem Text und plötzlich krieg ich 10 andere Ideen, was ich noch alles schreiben könnte. Als würde sich im Akt des Schreibens so eine Art Tor in eine andere Dimension auftun, aus der diese ganzen Ideen und ungeschriebenen Texte wie eine kreative Sturzgeburt einfach so rausfallen. Vielleicht ist das psychologisch dadurch erklärbar, dass ich sie in meinen Prokrastinier- und Totalblockadephasen zu lange unterdrückt habe und jetzt wollen die gehört werden? So wie unterdrückte Kindheitsängste? – Und dann ist es natürlich auch so, dass die Deadline noch nicht eng genug ist, um mich wirklich in Panik ausbrechen zu lassen. Ich lieg gut in der Zeit, immerhin noch 4 Tage bis zur Abgabe. Das klingt doch ganz gemütlich. (Abgesehen davon, dass ich morgen die Steuererklärung machen muss und noch ein zweiter Textauftrag wartet und ich diverse Termine nächste Woche habe und Donnerstag wegfahren will…)

– Jetzt hab ich es doch erfolgreich durch einen Blick auf Facebook geschafft, zwei ganze Stunden mit einer völlig anderen Beschäftigung zu vertrödeln, nämlich das ganze heutige Themenangebot von Spiegel Online einmal KOMPLETT durchzulesen UND diverse Einträge im Blog meiner Schwester, das ich grade erst entdeckt habe. Herrlich. Und jetzt ab ins Bett! Die Prokrastinier-Aufgaben des heutigen Tages habe ich mit Bravour nicht nur gemeistert, sondern übererfüllt: Einen Artikel vor mir hergeschoben durch das Schreiben eines anderen und diesen dann nicht beendet, weil ich irgendwo im Netz rumstöbern musste. Das finde ich so köstlich, dass ich mein Textfragment jetzt poste und einfach irgendwann daran weiterschreibe, wann es mir gerade so in den Kram passt… ;D

Bei Spiegel Online gibt’s übrigens die ideale Lösung aus der Krise…

 

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Über ekoepping

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3 Antworten zu Das Schreibfaultier

  1. Anne-Kathrin schreibt:

    Hallo Elke,
    das kenne ich gut, wenn man eigentlich schreiben sollte, und wollte, also eigentlich auch total Lust dazu hat…es dann aber doch nicht tut. Vielleicht, weil viele von uns sowieso so viel im Leben schreiben müssen, dass dann irgendwann auch Abwechslung gut tut… Was die Diss betrifft, liegt da bei mir das Problem in der schieren Unendlichkeit des Projekts – sich dafür jeden Morgen vor der Arbeit aufzuraffen, um doch nicht wirklich Fortschritte zu sehen, ist echt hart. Zumal es ja vor allem nicht nur aufs Schreiben ankommt, sondern auf die Recherche und das wieder-Recherchieren von Recherchiertem, das man vor laute Recherche wieder vergessen hatte in der Zwischenzeit ;-) Bin deswegen sehr dankbar über harte Deadlines (Gespräche mit meiner Doktormutter). Ich habe mit einer Gruppe Bekannter eine Art „Kolloqiumsgruppe“ initiiert – wir treffen uns alle zwei Wochen und jede/r berichtet von seinen/ihren Fortschritten, von Blockaden, Erfolgen etc. So kommt eine gewisse Regelmäßigkeit in den Arbeitsprozess, weil man immer wieder wohlgesonnenen Menschen von der Diss erzählt. Kann ich wirklich nur empfehlen!
    Jedenfalls danke für deinen Post, in dem ich mich sehr wiederfinde! Und super, dass du den Beitrag in der GOWS-Gruppe auf fb geteilt hast, sonst hätte ich den Beitrag wahrscheinlich verpasst.
    Herzliche Grüße
    Anne-Kathrin

    • ekoepping schreibt:

      Liebe Anne-Kathrin, das freut mich total, dass Du Dich in dem Post wiederfinden konntest! :D Ich hatte ja sogar ein Stipendium und war Teil eines Graduiertenkollegs, in der Zeit passierte aber so einiger übler persönlicher Kram, mit dem ich klarkommen musste, so dass ich das nicht wirklich für mich nutzen konnte. Ich muss auch gestehen, dass mich persönlich, weil ich so eine extreme Einzelgängerin bin, im Moment Gruppengespräche oder Kontrollgruppen nur nerven würden, das konnte ich noch nie so gut. Alle Leute, die ich kenne, selbst die, die zwischenzeitlich Kinder gekriegt haben udn ewig für ihre Diss brauchten, sind übrigens längst fertig. Einige sind mittlerweile selbst Professoren… (Das hat den Vorteil, dass ich mir um meine Prüfungskommission keine Gedanken machen müsste, hihi). Dank des jahrelangen Abstands kann ich mittlerweile auch den Umfang gut eingrenzen, weil ich einfach knallhart den Rotstift ansetzen würde, was das Ausufern des Materials angeht. Da bin ich mittlerweile pragmatisch und hab als Redakteurin kürzen gelernt. Irgendwie fertig und gut is. Muss nicht für den Nobelpreis nominiert werden. Na, wenn ich Zeit hab, schreib ich nächste Woche den Schluss dieses Postings, hihi…

  2. Anne-Kathrin schreibt:

    Liebe Elke,
    das hört sich doch nach super Voraussetzungen an :-) Ich drücke dir auf jeden Fall sehr die Daumen, dass die Lust am Schreiben für die Diss zurückkommt – bis dahin wirst du deine Zeit aber auch sehr gut nutzen, dessen bin ich mir sicher. Bin gespannt auf das Ende deines Posts!
    Viele Grüße
    Anne-Kathrin

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