Abbilder vom besseren Leben

s/w-Foto: George Friedmann, Buenos Aires 1950, Blick auf den Obelisken

Foto: George Friedmann – argus fotokunst, Stadtansicht Buenos Aires (um 1950)

Noch bis zum 11. Mai 2013 ist in der Berliner Galerie argus fotokunst eine Auswahl von schwarz/weiß-Prints des Fotografen George Friedmann aus Buenos Aires unter dem Titel „Fotonovela Argentina“ zu sehen. Wer sich für historische Aufnahmen im Bereich der Mode- und Architekturfotografie interessiert, sollte sie sich nicht entgehen lassen, zumal die Galerie auch für Berlin-Besucherinnen und -Besucher günstig in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Friedrichstraße gelegen ist. Ab dem 4. Mai bis Ende Juni 2013 werden Bilder Friedmanns dann übrigens in Köln im Forum für Fotografie gezeigt.

Der gebürtige Ungar György Friedmann arbeitete seit 1927, als er im zarten Alter von 17 Jahren seine Karriere als Fotograf begann und seine Heimatstadt Miskolc in Ungarn verließ, u. a. in Paris für die Filmzeitschriften Pour Vous und für L’Intransigeant. Ab 1933 fasste er auch in den Filmindustrien von London und Hollywood als Standfotograf und Kameramann Fuß und machte sich als Reportage- und Reisefotograf für Magazine wie „Paris Match“, „Time“ oder „Life“ einen Namen. Im Jahr 1937 emigrierte er wegen des in Europa erstarkenden Faschismus, da er jüdischer Herkunft war und lebte ab 1939 in Argentinien.

Die Themen seiner später entstehenden Reportagen aus den Provinzen waren die ganz einfachen Menschen, das raue Leben der Gauchos und der Arbeiter in den Minen und Fabriken. Einige Beispiele seiner Reportage-Fotografie sind auf der Galerie-Website zu sehen, sie sind jedoch nicht Thema der gegenwärtigen Ausstellung. Vielmehr ist es der zweite fotografische Schwerpunkt Friedmanns, den Galerist Norbert Bunge diesmal in den Fokus nimmt. Friedmann produzierte nämlich auch ausgefeilte fotografische Inszenierungen, die in Frauenzeitschriften als Fotoromane erschienen, ein sehr beliebtes Genre der 60er und 70er Jahre. 1970 übernahm Friedmann die Redaktion des Magazins „Idilio“, bei dem er auch als Cheffotograf tätig war. „Idilio“ war ein Frauenmagazin mit Gesellschaftsreportagen, Modetipps und von sogenannten „Fotonovelas“, die der Ausstellung bei argus fotokunst ihren Titel gaben.

Jedes einzelne Bild scheint dabei eine ganze Geschichte zu erzählen, beinahe als wäre es ein willkürlich gewählter Ausschnitt aus einem Film. Dieser narrativen Annäherung an die Fotografie kommt sicherlich die langjährige Tätigkeit Friedmanns als Setfotograf und Kameramann zugute. Ihm gelingt dabei der Aufbau eines Spannungsfeldes, in dem sich der Betrachter, respektive die Betrachterin, als Voyeur oder Voyeurin in die Geschichte hineingezogen fühlt, so als stünde man nur wenige Meter entfernt von den Protagonisten und beobachte sie bei ihrem Tun. Zugleich wird man das merkwürdige Gefühl nicht los, als würde man dieses Bild kennen, etwa aus einem alten französischen Film, den man vor langer Zeit einmal im Fernsehen gesehen hat. So zeigt die „Fotonovela Marty y Carlos“ von 1960 eine junge Frau und einen Mann in einer Abendstimmung vor dem Hintergrund einer historischen Brücke oder eines Brunnens, beleuchtet von Straßenlaternen, die an das Paris der Jahrhundertwende erinnern. Sie, blond, Pferdeschwanz, modisch gekleidet, er lässig mit Kippe und schwarzem Rollkragenpullover. Was ist die Geschichte zu diesem Bild? Haben sie sich gerade an diesem Platz verabredet und überlegen, was sie jetzt unternehmen sollen? Besprechen sie ein wichtiges Problem? Sind sie ein Paar, ineinander verliebt gegen den Willen ihrer Eltern? Unwillkürlich kommen hier Filme der Nouvelle Vague in den Sinn.

Dennoch tut sich eine merkwürdige Anomalie in diesen Inszenierungen auf, die als nagendes Störgeräusch im Hinterkopf verharrt, eine Art „Bildrauschen“. Denn deutlich ist zugleich: es ist keine Straßenansicht von Paris, es ist Buenos Aires und auch die Protagonisten sind keine französischen Schauspieler, sondern haben etwas spezifisch Argentinisches, das sie mit in die Inszenierung nehmen, ohne dass man sogleich den Finger darauf legen könnte. Sie imitieren eine Welt des Films, sie sind ein Abbild, kein Duplikat, lediglich eine genau beobachtete Nachbildung mit kleinen Abweichungen. Dieser Bruch macht die Inszenierung umso interessanter, denn in gewisser Weise ist das Bild aus der Distanz der seit seiner Erstpublikation verstrichenen Jahre zugleich historisches Zeugnis einer vergangenen Ära Argentiniens, die darin auf immer und ewig eingefroren scheint. Besonders frappierend kommt dies zum Ausdruck, wenn das Bild selbst bewusst inszenierte ikonische Zitate enthält, die als Zeichen für die selbstgewählte Identität der Stadt Buenos Aires als Hafen- und Einwandererstadt stehen.

Etwa in Bild 14 der Ausstellung, „Abschied“ von 1962, auf dem Hafen- und Werftanlagen zu sehen sind, während sich ein Paar im Vordergrund voneinander verabschiedet. Offenkundig ist es der Mann, der abreist. Ist er Seemann? Verlässt er Argentinien für immer oder tritt er nur eine längere Reise an? Ist die Frau seine Geliebte oder seine Schwester? Ganze Geschichten lassen sich um diese eine Szene entwickeln.

Einige wenige reine Stadtaufnahmen sind gleichfalls in der Ausstellung zu sehen, etwa La Boca bei Nacht von 1960, Aufnahmen von der Avenida Corrientes und vom Obelisken, die ungewöhnliche Perspektiven zeigen oder die Monumentalität der Architektur und zugleich eine gewisse Unbelebtheit suggerieren. Sie zeigen einen Blick auf eine Stadt, die sich selbst einige Bedeutung beimisst. Zurück bleibt ein schwebender Eindruck, der magisch eine arbeitsame, hoffnungsfrohe Vision der Zukunft verheißt. Wer Buenos Aires aus heutiger Zeit kennt, begibt sich in diesen Bildern auf eine faszinierende Reise zurück in eine Zeit vor Militärdiktatur und Staatsbankrott.

s/w-Foto: Bildausschnitt aus Fotonovela George Friedmann - Die Liebe zum Fliegen

Foto: George Friedmann, argus fotokunst – Die Liebe zum Fliegen (um 1960)

Ein Höhepunkt der Ausstellung ist sicherlich die Bildserie „Die Liebe zum Fliegen“ von 1960. Die Bilder atmen förmlich den Geist des Films „Casablanca“ aus dem Jahr 1942, doch sind es nicht Ingrid Bergmann und Humphrey Bogart, die sich im Flugzeughangar voneinander verabschieden, während im Hintergrund undurchdringlicher Nebel aufzieht, sondern ein namenloser Mann und eine namenlose Frau. Vielleicht verabschieden sie sich ja auch gar nicht? Er trägt die Uniform eines Flugkapitäns, sie einen Mantel, die blonden Haare zu einem Knoten geschlungen.

Vielleicht ist sie ja eine Stewardess und die beiden haben ein Verhältnis, haben sich ein paar Minuten füreinander gestohlen, auf dem Weg zu dem Flugzeug, das sie in unbekannte Gefilde tragen wird. Deutlich wird, dass die Szene „Casablanca“ nur zitiert, denn die sichtbaren Propellerflugzeuge sind recht große Passagiermaschinen und deutlich jüngeren Datums. Mode und Frisur der Frau im Mantel erinnern an Evita. Ist das so, dass der Stil der bereits 1952 verstorbenen argentinischen First Lady tatsächlich noch so stark die Gesellschaft beeinflusst, dass er als Ideal in den Frauenzeitschriften um 1960 gehandelt wird? Ich kann die Frage selbst nicht fachkundig beantworten, dafür fehlt mir das Vergleichsmaterial aus anderen argentinischen Zeitschriften jener Zeit, doch natürlich trägt auch z. B. Kim Novak in Hitchcocks „Vertigo“ aus dem Jahr 1958 eine ähnliche Frisur. Aber vielleicht haben die ja in anderen Teilen der Erde auch einfach nur Evita kopiert…

Genau dieses Spannungsfeld aus Inszenierung und Überhöhung, in dem sich die Bilder Friedmanns bewegen, ist es, das auch den Galeristen Norbert Bunge fasziniert. „Es ist eine fremde Welt, die sich in den Bildern zeigt, nicht die Realität. Mich interessiert die abgebildete Ästhetisierung menschlicher Gefühle von Trauer bis Freude. Bei jüngeren Fotografen fehlt mir persönlich die Emotion, die sind mir zu kalt. Vor allem die technische Perfektion und die fotografische Auffassung Friedmanns finde ich spannend“, erzählt er in einem kurzen Gespräch während der Ausstellungseröffnung. Norbert Bunge, der die Galerie argus fotokunst seit nunmehr 17 Jahren betreibt und im Mai seine 100. Ausstellungseröffnung feiert, lernte Friedmanns Werk leider erst im Todesjahr des Fotografen (2002) kennen, in einem Umweg über das Werk von Max Jacoby, der 1957 nach Berlin zurückkehrte und hier bis zu seinem Tod im Jahr 2009 lebte. Jacoby erlernte in Argentinien bei Friedmann sein fotografisches Handwerk. Beide waren Teil einer Gruppe, die sich „La Carpeta de los Diez“ nannte, ein loser Zusammenschluss herausragender Fotografinnen und Fotografen aus Südamerika, die die fotografische Ästhetik der Zeit prägten.

Auffallend ist neben der bereits erwähnten technischen Perfektion, die auch heute noch die Herstellung gestochen scharfer Prints von den Groß- und Mittelformat-Negativen Friedmanns erlaubt, wie Bunge versichert, die herausragende Kunstfertigkeit Friedmanns beim Umgang mit natürlicher und künstlicher Beleuchtung. Licht und Schatten, die Inszenierung von Vorder- und Hintergrundszenarien, das Arrangement des Personals in vorhandenen „Kulissen“, das Spiel von Sonnenstrahlen, die durch Blätterdächer hereinfallen, der diffuse Charme von Straßenlaternen, etc., legen die Interpretation nahe, die offenkundige Künstlichkeit oder sogar Überhöhung der Szenerie, um nicht zu sagen: das darin durchscheinende Pathos, seien bewusst erzeugt. Damit rückt das Abgebildete einerseits in die Ferne: die durchschnittliche Leserin der Frauenzeitschriften, in denen diese Fotonovelas erschienen, dürfte wohl einen ganz gewöhnlichen Alltag als Arbeiterin, Sekretärin, Krankenschwester oder Hausfrau gehabt haben. So hatte sie die Möglichkeit, sich von ihrem eigenen Leben zu entrücken, sich hineinzuträumen in die abenteuerreiche und irgendwie bedeutungsvollere Bildwelt der sogenannten „besseren“ Gesellschaft, die auch Hollywood zu der Zeit auf Zelluloid einfing.

George Friedmann, argus fotokunst – Feine Gesellschaft (um 1960)

Foto: George Friedmann, argus fotokunst – Feine Gesellschaft (um 1960)

Die filmische Ästhetik der Fotografien ist unterschwellig melodramatisch, mit sehr ausdrucksstarken Protagonistinnen und Protagonisten realisiert, die sich etwas zu sagen haben, deren Worte sich über Blicke, Gesten, Berührungen übertragen und damit den Betrachter oder die Betrachterin über das Bild hinaus mit der Bildstimmung „anstecken“ und eine Nähe zum fotografierten Subjekt suggerieren. Denn anders als in Hollywood produzierte Filme lagen die Fotoromane von Friedmann näher an der Realität der Leserin. Sie zeigten bekannte Orte aus dem Stadtraum von Buenos Aires, die jedermann und jederfrau zugänglich waren. Durch die Einbindung in ein fotografisches Narrativ erhielten diese alltäglichen Orte jedoch eine Überhöhung, die sie den Alltagsräumen regelrecht enthoben, diese zu einem idealeren, einem erträumten Ort werden ließen.

Man muss sich in diesem Zusammenhang in Erinnerung rufen, in welcher Zeit die ausgestellten Bilder entstanden: zwischen den 50er und 70er Jahren. Juan Perón gab 1955 bei einem Militärputsch die Regierung ab und um das Jahr 1960 herrschte eine Art instabiler Demokratie peronistisch beeinflusster Regierungschefs, bis 1963 war dies Frondizis, das Erstarken der rechten Militärs fand erst ab 1966 statt. Die Bilder bewegen sich historisch gesehen also zwar in einer Zeit politischer Instabiliät, jedoch gesellschaftlich relativer Freiheit noch weit vor dem Beginn der bis in alle Bevölkerungskreise hineinreichenden Angst vor den repressiven Militärdiktaturen der 70er. Gerade dieser Kontext ist es, der mich persönlich fasziniert, denn er erzählt viel über eine Zeit, in der historisch gesehen der Tango als Gesellschaftstanz an Bedeutung verlor. Wer sich gerne mit der Geschichte Argentiniens beschäftigt, wird sicherlich vom Besuch der Ausstellung profitieren.

Noch ein kleiner Tip beim Ausstellungsbesuch: da die Bilder nur mit Nummern versehen sind, empfiehlt es sich, sich die Preisliste aushändigen zu lassen, die die Jahreszahlen der Entstehung der Fotografien enthält und ihre Titel. Das ermöglicht viel größere Rückschlüsse auf den Kontext ihrer Zeit. Auch gibt es bereits aus dem Jahr 2003 einen Katalog, den die Galerie argus fotokunst mit einer kleinen Biografie und Fotografien Friedmanns ausgestattet hat. Er ist nicht teuer und wird auf Anfrage sicherlich auch gerne gegen Überweisung per Post verschickt.

Zur Galerie-Website geht’s hier….

Einige Beispiele der Reportage-Fotografie Friedmanns finden sich hier…

Und hier sind noch mehr Eindrücke der Fotonovelas zu finden…

„Fotonovela Argentina. Fotografien aus Buenos Aires“, noch bis 11. Mai in der Galerie argus fotokunst, Marienstr. 26, 10117 Berlin-Mitte, geöffnet von Mittwoch–Samstag, 14 bis 18 Uhr

„Fotonovelas – Ausgewählte Arbeiten von George Friedman“, 4. Mai – 30. Juni 2013, Forum für Fotografie, Schönhauser Str. 8, 50968 Köln, geöffnet Mi–Fr von 14 bis 18 Uhr und Sa/So ab 12 Uhr. Zur Website…

 

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