Soll’s ein Tänzchen mehr sein? – Miettänzer in Berlin

Darfs ein Tänzchen mehr sein?

Fotos: Torsten Moebis

Das Internet macht’s möglich: schon zwei Monate vor seinem Entstehen wird ein Artikel, der in der Tangodanza erscheinen soll, im Netz avisiert, sein vermutlicher Inhalt auf das Lebhafteste diskutiert. Emotionen kochen hoch, Befindlichkeiten, die zum Alltag auf der Milonga gehören, werden thematisiert, kritisiert, zurecht gerückt und in einem neuen Lichte besehen. Ein Politikum, nein: ein Skandalon! Der Auslöser: Die Berliner Tanzlehrerin und Veranstalterin Ines Moussavi bot im Rahmen ihres „Ladies Easter“ Workshops Anfang April 2010 den Teilnehmerinnen die Möglichkeit, für das abendliche Milongavergnügen Tänzer gegen Bares zu engagieren. Und sie war bei weitem nicht die Erste: seit fünf Jahren existiert in Berlin die Agentur „Be my Dancer“, die diskret Tänzerinnen und Tänzer zur Miete vermittelt. Taxitänzer – mehr als nur eine Dienstleistung?

Ein bisschen verloren sehen die beiden aus, wie sie da am Ausgang des „La BerlINESa“ stehen, schon im Mantel. Gabi ist 54 und kommt aus einer mittelgroßen Kleinstadt in Franken, Julian ist knapp halb so alt und aus Berlin. Gabi hat den Sprung ins kalte Wasser gewagt und Julian für eine Stunde engagiert, 30 Euro kostet sie der Spaß. So ganz geheuer ist ihr die ganze Situation aber noch nicht, das sieht man ihr an. Keine Rettung naht, nein, es hilft nichts – die beiden ziehen los zur Freitagsmilonga im „Tango tanzen macht schön“ in Kreuzberg. Eine andere Teilnehmerin am „Ladies Easter“, die die beiden auf der Milonga beobachtet, wird später in einem Gastbeitrag des Blogs „Tangoplauderei“ notieren: „Sie hat so ausgesehen, wie ich mich immer fühle, wenn ich bei meinem Tangolehrer eine Einzelstunde nehme. Es ist kostbare Zeit, weil der Herr sich so total nach der Dame richtet und sich selbst so komplett zurück nimmt, aber dennoch schaut, dass die Dame sich entfalten darf. Und diese Dame hat sich entfaltet. Ganz sanft – ich habe den beiden länger zugeschaut, weil es mich so fasziniert hat.“

Aufforderung zum Tanz

Darf’s auch ein Tänzchen mehr sein?

Für Sonntagabend wird Gabi dann noch einen weiteren Tänzer buchen – Oliver. Oliver unterrichtet im „La BerlINESa“ und ist auch in der Kartei der Agentur „Be my Dancer“ zu finden. Auch er ist noch sehr jung, 23, Gabi sieht das pragmatisch, „mir ist ein jüngerer Tänzer fast lieber, denn Tanzen macht glücklich und man guckt dann auch glücklich – das könnte missverstanden werden. Bei einem jüngeren Mann muss ich keine Angst haben, dass der auch sonst noch was von mir will.“ Es ist ein klarer Deal: Tanzen mit Mietvertrag, die Bedingungen sind eindeutig vertraglich festgelegt. Aljoscha, der sich am ersten Abend des „Ladies Easter“ zusammen mit den anderen Taxitänzern vorstellte, wollte sie dann aber doch nicht buchen – der sähe ein bisschen aus wie ihr Sohn, gesteht sie, das könne sie nicht. „Eine gewisse Grundscheu“ hätte sie anfänglich überwinden müssen, die Taxitänzer anzusprechen, wie sie sagt, denn „es ist schon ein bisschen im Hinterkopf, dass ich mir da jetzt ‚einen Mann kaufe‘ und das will ich ja im eigentlichen Sinne nicht“.

Ines Moussavi hat die Hürden für die Workshopteilnehmerinnen allerdings wohldurchdacht niedrig gehalten: Teilnehmerinnen und Taxitänzer wurden von ihr zum Auftakt des Workshop-Wochenendes zu einem gemeinsamen Abendessen in familiärer Atmosphäre in ihr gemütliches Wilmersdorfer Loft eingeladen, wo auch die Workshops stattfinden. Nach dem Erstkontakt hatten alle interessierten Teilnehmerinnen die Möglichkeit, ein ebenso zwangloses wie unverbindliches Tänzchen mit den Taxitänzern zu wagen, um deren Führungsqualitäten auf Eignung zu prüfen. Wie sie auf die Idee mit den Taxitänzern kam? „Bei einem Ladies-Event in Buenos Aires, das ich mal mitgemacht habe, ist mir aufgefallen, dass es da eine Menge Taxitänzer am Abend gab. Es sind halt auch ein bisschen ältere Semester, so wie ich, um die 50, bei diesen Workshops dabei und die tun sich dann schon deutlich schwerer, in einigen Milongas aufgefordert zu werden. Das Problem fand ich mit Taxitänzern sehr erfolgreich behoben.“ Ausschlaggebend für die Auswahl der Taxitänzer im „La BerlINESa“, die sich auf einen Aufruf in einem Internetforum bei ihr gemeldet haben, seien weder gutes Aussehen noch Alter gewesen, sondern, „dass sie begeistert tanzen, noch nicht mal unglaublich gut, und dass sie bereit sind, sich auf jemanden einzulassen, d. h. den Frauen einfach Spaß bereiten, die sie mieten.“

Kein Sekt für Miettänzer

Ob Sekt oder Selters –
der Tänzer zahlt selbst

Anders als dies in Buenos Aires praktiziert wird, war es Ines jedoch wichtig, dass die Taxitänzer von ihren Kundinnen nicht noch die Getränke und den Eintritt für den Abend bezahlt bekommen, „das fänd ich dann einfach zu gigolomäßig, 30 Euro die Stunde ist auch eine Menge Geld. Ich hab meinen Teilnehmerinnen zudem die Option angeboten, sich eine Taxitänzer-Stunde zu teilen.“ Eine führende Frau hat sich auf ihren Aufruf hin übrigens auch gemeldet, Simone. Für sie sei es eine Selbstverständlichkeit gewesen, eine führende Frau mit vorzuschlagen, sagt Ines. „Ich persönlich tanze supergerne mit Frauen“, auch wenn es wohl nach wie vor – vor allem in der älteren Generation – Berührungsängste gäbe. Sie empfindet es jedoch als sehr angenehm, „die folgen oft selbst und können sich eigentlich sehr viel besser einfühlen, was man als Folgende so braucht“.

Milonguero der Herzen -Frauen sind einfach die besseren Männer

Foto: Mala Junta

Simone hat in Berlin als Führende schon so etwas wie Legendenstatus erreicht, denn sie gewann 2010 den ersten „Milonguero der Herzen„-Contest im Mala Junta, einem Ball mit Damenwahl, bei dem die sich zum Wettbewerb antretenden Herren einer Prüfung auf Herz und Nieren unterwerfen, welcher von ihnen denn die Frauen am aufmerksamsten mit ihrem Tanz beglückt. Simones Kür zum „besten Tänzer“ ließ die Männer aber echt ganz schön alt aussehen, also änderten die Veranstalter für den zweiten „Milonguero der Herzen“-Ball flugs das Regularium: Frauen durften danach nur noch außer Konkurrenz als Führende in Erscheinung treten.
(In meinen Augen eine doofe und diskriminierende Entscheidung, die erfreulicherweise zwischenzeitlich revidiert wurde. Der letzte Ball fand übrigens im März 2012 statt, ob weitere folgen, ist derzeit nicht bekannt.)

Simone, die selbst länger folgt als führt, findet Ines‘ Idee mit den Taxitänzern prima, „Berlin hat ja nicht so einen guten Ruf. Für Leute, die von außerhalb kommen, ist es oft sehr anonym auf den Milongas und wenn dann auch noch Frauenüberschuss herrscht, sitzen die Tänzerinnen da wie auf der Stange.“ Zu ihrer eigenen Überraschung wird sie am nächsten Tag von einer Dame als Taxitänzer(in) gebucht, eigentlich wollte sie am Kennenlernabend nur mal neugierig vorbeischauen. Muss wohl doch was dran sein, an diesem „Milonguero der Herzen“-Ding…

Gabi hat sich den Frauentechnik-Workshop von Ines gezielt im Internet ausgesucht, um sich mehr Tanzpraxis anzueignen, denn sie steht noch relativ am Anfang, was den Tango betrifft. Ihr Freund hat sie ermutigt, das Angebot mit den Taxitänzern zu nutzen. Mit ihm tanzt sie zu Hause Standard/Latein, aber an den Tango kommt er irgendwie nicht ran, das ist nicht seine Musik. Einen Übungspartner habe sie, aber der sei verheiratet – mit dem könne sie nicht abends einfach ausgehen, erklärt Gabi. Stundenlang auf der Milonga zu sitzen und nichts passiert, das kenne sie, das wolle sie in Berlin nicht auch noch erleben. In der kleinen Tangoszene ihrer Heimatstadt kämen im Grunde nur Paare auf die Milonga. „Ich bin halt dann mit der Bardame am Tresen gesessen, hab mir das alles interessiert angeguckt und dann bin ich wieder gegangen.“

Allein kann's an der Bar ganz schön einsam werden, wenn kein freier Tänzer in Sicht ist

Allein kann’s an der Bar ganz schön einsam werden, wenn kein freier Tänzer in Sicht ist

Roland Waizenegger, der vor rund zwei Jahren in Berlin die Agentur „Be my Dancer“ gegründet und im vergangenen Jahr auch Tango-Tänzer in seine Kartei aufgenommen hat, kennt das Problem. Von einer Kundin habe er einmal eine super Rückmeldung bekommen, „Die wollte sich das ganze männliche Elend nicht mehr antun – und dann diese Tanz-Blind-Dates, was sie da schon alles gehört hat. Sie wollte einfach nicht die ganze Zeit rumsitzen und womöglich noch jemanden auffordern – ‚und wenn der dann mitkriegt, dass meine Fähigkeiten noch nicht so toll sind, dann werde ich in dessen Augen ja gleich von der Frau zum Neutrum gewandelt‘. Sie bucht jetzt regelmäßig bei mir und sagt sich ‚ich gönn mir das jetzt einfach mal.“

Gemerkt hat er aber auch, dass das Thema ‚Taxitänzer‘ ein regelrechtes Minenfeld darstellt. Das Tanzen ist emotional stark besetzt, vielleicht auch gerade deswegen, weil der Tango so nah geht und diese Nähe eine Vertraulichkeit schafft, die auch Verletzungen bereithalten kann. Das zeigt auch die Diskussion im eingangs erwähnten Blog „Tangoplauderei“, eine Tänzerin schreibt dort in einem Kommentar: „Ich möchte immer eine persönliche Verbindung zwischen mir und meinem Tanzpartner spüren, die sich aus freien Stücken und nicht gegen Bezahlung ergibt. … Ich möchte gefragt werden, damit ich sicher sein kann, dass er diese Runde und diese Tangos wirklich mit MIR tanzen möchte und nicht aus Höflichkeit oder dem Unvermögen, auch mal nein sagen zu können, denn dann habe ich die Hoffnung, dass wir einander das geben können, was ich im Tango suche.“ Andere Frauen wiederum fühlen sich in ihrer Attraktivität bestätigt, wenn sie regelmäßig aufgefordert werden. Der Umkehrschluss des geknickten Selbstbewusstseins nach einem Abend ohne Tänze schwingt darin schon mit, auch wenn das Nicht-Aufgefordertwerden in kaum einem Fall auf die mangelnde Attraktivität einer Tänzerin zurückgeführt werden kann. Frauen und ihr Selbstbewusstsein…

Heute abend: kein Führungskräftemangel dank Eigeninitiative

Selbst ist die Frau: kein Führungskräftemangel – dank Eigeninitiative

„Beim Thema ‚Taxitänzer‘ geraten die Geschlechterrollen ein bisschen durcheinander“, vermutet Roland Waizenegger, „eine Frau will begehrt werden und erwartet einfach, dass sie aufgefordert wird. Jetzt den Männern hinterher zu rennen, also nein, das kriegen ja die anderen mit. Dann gehen sie lieber gar nicht tanzen.“ Aber auch für die Männer sei diese Umkehrung der Verhältnisse nicht immer leicht zu verkraften, ihn habe schon so manche Anfrage eines Tänzers ereilt, ob er sich die Tänzerinnen denn vorher angucken könne. „Nein, sag ich denen dann, die können Sie vorher nicht angucken. Die Frauen gucken SIE an, aber nicht andersrum. Viele können sich das gar nicht vorstellen, zu jeder Frau charmant zu sein, das sozusagen als Dienstleistung zu begreifen.“ Die Frauen, die die Dienste seiner Agentur in Anspruch nehmen – anders als in Buenos Aires nicht überwiegend Berlin-Besucherinnen, sondern durchaus auch Einheimische – sind seiner Erfahrung nach im übrigen gerade nicht die Mauerblümchen vom Dienst, sondern selbstbewusste, gutverdienende und alleinstehende Geschäftsfrauen ab 40, die sehr wohl begriffen haben, dass ihnen sein Service nicht nur schöne Erlebnisse, sondern auch Zeitersparnis bringt: kein lästiges stundenlanges Herumsitzen mehr, Tanzgenuss pur, Streicheleinheiten für die Seele in der Hetze des Alltags, der oft schon grau genug ist – was soll man sich auch noch auf der Milonga frustrieren lassen. Ran an den Mann, kann ich da nur sagen… Taxi gefällig, meine Damen?

Die Agentur „Be my Dancer“ in Berlin sucht laufend interessierte Taxitänzer für ihre Kartei in den Bereichen Tango Argentino und Standard/Latein. Bedingung: Gepflegtes Auftreten und Spaß daran, anderen Menschen einen schönen Abend zu bereiten. Bewerbungsformular und Kontaktdaten… Auf der Website finden sich für interessierte Kundinnen die Profile der derzeit buchbaren Taxitänzer. Die Bezahlung der Tänzer erfolgt ganz im Sinne einer Dienstleistung per Rechnungslegung über die Agentur – Peinlichkeiten bei der Geldübergabe (ganz anders als auf den Fotos zu diesem Artikel…) sind mithin ausgeschlossen.

Ines Moussavi von „La BerlINESa“ hat nach wie vor das „Ladies Easter“ im Programm, die Buchung von Miettänzern bietet sie allerdings nicht mehr an. (28.03.-01.04.2013)

Dank an Sabrina Schicke, die das Fotoshooting während ihrer Milonga im Pavillon am Friedrichshain (Berlin) möglich machte (die Milonga existiert nicht mehr). Ganz großen Millegrazie-Dank an die willigen Models Anja Brietzke und Manfred Lohe. Das war ein tolles Shooting! Sorry, Mädels, diesen Mann könnt ihr leider nicht mieten…

Weiterführende Links zum Thema:
Tänzer mieten in Buenos Aires mit „Tango Chérie
Oder den „Tango Taxi Dancers“
Oder den „Bailarines des Tango“
Ein überraschend gut recherchierter Artikel zum Thema in der Brigitte…
Dokumentarfilm aus dem Jahr 2010 von Carmen Eckhard, „Taxi Tänzer – Vom Tango umarmt“

Erstveröffentlichung: Tangodanza No. 3-2010, S. 26–28

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2 Antworten zu Soll’s ein Tänzchen mehr sein? – Miettänzer in Berlin

  1. tangocherie schreibt:

    Nice informative article. And Danke for the link!

  2. Pingback: Mit Führungspotenzial | Tangolazarett

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