Reportageblase

Randnotizen zur TV-Reportage „In der Welt des Tangos“ von Julia Leiendecker

Auf EinsFestival läuft derzeit eine Reportagereihe mit dem Titel „Musikmilieus“. Das mutet bewusst soziologisch an, verspricht jedoch vor allem in Bezug auf den Beitrag zum Tango leider viel zu viel. Wie so oft bei Nullachtfuffzehn-TV-Reportageformaten fehlt der nötige Tiefgang, um die vollmundige Head inhaltlich auszufüllen. Aber gerade weil der Beitrag derart an der Oberfläche vor sich hindümpelt und bis zum Erbrechen wiederholt bemühte Klischees abbildet, ist Frau Leiendecker natürlich ein Fall für’s Tangolazarett.

Warum ich mir überhaupt die Mühe mache, drüber zu schreiben? Als Journalistin ärgert mich das. Oberflächlichkeit ist ein Begriff, der sich für mich mit dem Tango schlecht verbindet. Sämtliche Mythen, die im Verlauf der Geschichte um ihn herumgewoben wurden, propagieren Tiefgang, Sinnlichkeit, Innerlichkeit, Emotion. Drama, Baby, Drama. Und Jahr um Jahr poppt wieder irgendwo in der Tiefe des unterbeschäftigten deutschen JournalistInnensumpfs ein Menschlein auf, das meint, das Rad nochmal neu erfinden und sämtliche Klischees zum Tango wieder aus dem Keller herholen zu müssen, in dem der berühmte Mensch an der Bartmaschine steht. Erotik – check! Pensionierte Deutschlehrerinnen – check! Das will das RTL-II-verwöhnte Fernsehpublikum über die Mattscheibe flimmern sehen!

Worum geht es? Im Prinzip ist die Ausgangsidee nicht ohne Reiz: Leiendecker spannt eine Art tanzgeografisches Dreieck zwischen Saarbrücken, Seinajöki und Buenos Aires.

Silvina und Guillermo Böttcher, AG Tango Saarbrücken

Silvina und Guillermo Böttcher, AG Tango Saarbrücken

Sie startet bei Silvina und Guillermo Böttcher in Saarbrücken.
Das TanzlehrerInnenpaar hat sich ohne Zweifel mit ihrer Academia de Tango und der AG Libertango deutschlandweit sehr um den Tanz verdient gemacht und ist schon lange im Geschäft. So sind sie auch bemüht, dem Sistema Dinzel, das sie unterrichten, hierzulande Popularität zu verschaffen. Saarbrücken als Ausgangspunkt für die Reportage, so klein Stadt und Szene auch sein mögen (verglichen mit den Metropolen), ist nicht ohne Reiz: die Grenze ist nah und viele Tänzerinnen und Tänzer aus Frankreich und Luxemburg tummeln sich hier auf den Tanzflächen. Die Milongas weisen sicherlich ein wesentlich bunteres Kulturgemisch auf als dies in vergleichbar großen Szenen irgendwo in der Provinz der Fall sein mag.

Hier treffen wir z. B. Christiane Jortie, eine pensionierte Schulleiterin aus Frankreich. Und ein Pärchen, deren Namen ich schon wieder vergessen habe, nennen wir sie Charly und Franziska. Auch im Rentenalter. Denen folgen wir nach Hause, damit wir wissen, wie die so leben, und dann nach Buenos Aires. Aufregung – ein Traum wird wahr: Tango tanzen in Buenos Aires! Dann gibt es noch Silvina und Guillermo, die beiden gebürtigen Argentinier, die das Schicksal nach Deutschland verschlagen hat und die in Seinajöki in Finnland einfach mal das weltgrößte Tangofestival angucken wollen. Das hat in den Augen von Tango-Argentino-Fans ohnehin etwas Obskures, denn der Finntango wird ganz anders getanzt, Schritte, Körperhaltung und Rythmen sind ganz verschieden. Irgendwie volkstümlicher. So erleben die beiden denn auch das Festival. Seinajöki: robust, volkstümlich. Hier findet der Tango in Holzpantinen auf Heuböden alter Bauernhöfe statt. In Argentinien: ah – Eleganz, der eingestaubte Glanz leicht heruntergekommener Jahrhundertwendesalons und Erotik! Check!

Punchtango, Jahrhundertwende

Foto: wikimedia commons

Jahrhundertwende ist dabei das Stichwort: was wir im Film durchgängig zu sehen bekommen, ist offenkundig ein RentnerInnensport. Alle Beteiligten sind im fortgeschrittenen Alter, auch Silvina und Guillermo sind nicht mehr ganz taufrisch. Damit wir uns nicht falsch verstehen: das ist beileibe kein Vorwurf, denn die reifen Tänzerinnen und Tänzer mit langer Tanzerfahrung gelten im Tango schließlich als sowas wie gut gelagerter Wein oder luftgetrockneter Schinken: vollmundiger, versierter, vertrauenerweckender. Und die Intention der MacherInnen wird deutlich: den Alltag ganz normaler Menschen porträtieren, so ganz schick filmemacherinnenmäßig. Bloß, so ein paar junge wilde Tänzerinnen und Tänzer hätten ja vielleicht nicht geschadet. Die haben schließlich auch einen Alltag. Denn so kontrastreich fallen die Biografien von Charly und Franziska und Christiane nicht aus, ehrlich gesagt.

Während wir Christiane zu Hause besuchen, fällt ein ziemlich harter Satz im Off, beinahe im Vorbeigehen. So im Sinne von „Die Nähe und Emotion, die Christiane zu Hause von ihrem Mann nicht mehr bekommt, holt sie sich halt beim Tango. Die beiden leben zwar unter einem Dach, aber haben sich nichts mehr zu sagen.“ (Paraphrasiert, ich hab nicht mitgeschrieben.) Dann sieht man die beiden stumm in einem gigantischen, geschmackvoll und teuer eingerichteten Esszimmer ihre Suppe löffeln. Und schwupps – Schnitt, schon sind bei einem ganz anderen Thema, bloß nicht in die Tiefe gehen. Schade, denn hier tat sich der Riss in der glänzenden Tangohülle auf, den zu verfolgen in der Reportage sich gelohnt hätte. Der Riss ist die Souture, diese Schwelle in die Parallelwelt – die guter Dokumentarfilme – aber auch in den Subtext, der auf der Milonga zwischen den Zeilen bzw. Noten der vielzitierten Tangopoetik mitläuft: Er zeigt die Brüchigkeit dieser schönen Glitzerwelt, die ganz und gar auf Ersatzbefriedigung hinausläuft. Und seien wir ehrlich: wir alle kennen dieses Gefühl.

Symptomatisch dafür – und damit wird das Urthema des Tangolazaretts verhandelt – ist die Ereignislosigkeit der Beziehung zwischen Christiane und ihrem Mann. Christiane holt sich ihr Drama, den Glanz und die Erotik woanders – in der Tangoszene. Wie so viele andere neben ihr… Die Anonymität und Unverbindlichkeit des Kontaktes im Tanz ist so schön leicht und schnell herzustellen. Nichts muss man dafür leisten, zehn Minuten Nähe, Schweben, fern vom Alltag und – schwupps – schon kann man sich wieder entziehen, bevor’s brenzlig werden könnte. Emotionen im Dutzend billiger. Hier ist jede Frau ein Vamp mit Schlitz im Kleid und jeder Mann ein weltgewandter väterlicher Dandy, der die Frauen versteht und nonchalant übers Parkett schiebt. Wie trügerisch das ist, wird einem spätestens dann klar, wenn man morgens aufwacht und feststellt – „Wie, der Tango, das ist gar nicht das richtige Leben?“ und sich allein im Bett rumdreht, um nochmal die Katze unter der Bettdecke zu knuddeln.

Auch hier gibt es Ausnahmen: nicht wenigen Paaren ist es gelungen, über die gemeinsame Freizeitbeschäftigung ihre Beziehung zueinander zu vertiefen, die Nähe, die sie im Alltag miteinander verbindet, sinnlich auch im Tanz zu leben. Und natürlich gibt es immer wieder Paare, die sich in der Szene kennen- und liebengelernt haben. Und deren Beziehung auch jenseits der Milonga funktioniert… Silvina und Guillermo sind sicherlich ein gutes Beispiel dafür, mein Lieblingspaar sind natürlich Susanne und Torsten. Beide Paare jedoch beschäftigen sich beruflich mit dem Tango, leben davon, zumindest zum Teil. Für sie ist die Szene mithin auch durchaus professionelle Realität und nicht nur Projektion.

Doch hüpfen wir mit Frau Leiendecker lieber schnell über diese Kluft, die sich da vorhin geöffnet hat und in das gelobte Land, nach Argentinien, die Heimat dieser ganzen schwarzhaarigen Schönheiten und heißblütiger Milongueros. Das sind die, die den Tanz wirklich verstehen. Die haben den ja schon mit der Muttermilch eingesogen. Das ist authentisch. Das ist ganz anders als hier hin Deutschland. Viel volkstümlicher. Moment. Klingt da etwa eine Paralle zum Finntango auf? Na sowas! Geht die Filmemacherin etwa drauf ein. Nein! Soviel zum hochtrabenden Reihentitel des Reportageformats. Nicht überall, wo Soziologie draufsteht, ist auch welche drin….

Foto: Elke Koepping, El Caminito, Touristenviertel La Boca in Buenos Aires

Foto: Elke Koepping – El Caminito, Touristenviertel La Boca in Buenos Aires

Christiane blüht auf in Buenos Aires. Sie bringt die entscheidenden Vorteile all jener TangotouristInnen mit, die dort seit einigen Jahren die Milongas verstopfen und sich ausschließlich dem Tanz widmen können. 1. Sie ist Rentnerin, das heißt, sie hat unendlich viel Zeit. 2. Sie war Schulleiterin und hat Geld wie Heu. Also bleibt sie flugs ein paar Wochen länger, natürlich ohne ihren Mann, und vertanzt ganze lange Nächte und Wagenladungen an Schuhen, einfach weil sie es kann. Tagsüber geht sie shoppen – die Tangoschuh- und -modeindustrie blüht vor Ort. Schlussletztlich überlegt sie, sich vor Ort eine Wohnung zu kaufen. Is ja alles so billig da. Hören wir etwa kritische Untertöne über diese Art imperialistisch-europäischer Konsumhaltung in Bezug auf das staatsbankrotte Entwicklungsland Argentinien? Nein, die hören wir nicht! Setzen, Frau Laiendecker, 6!

Parallel ist da noch die Geschichte von Charly und Franziska (wie auch immer sie wirklich heißen mögen). Die reisen derweil nämlich auch in die Stadt am Río de la Plata. Und auf die Frage, ob der Charly nicht eifersüchtig ist, wenn die Franziska da in den Armen eines anderen über die Tanzfläche schwebt, antwortet Charly sinngemäß sowas wie, nee, das findet er ja ganz toll, dass die Franziska da so eine Erfahrung machen kann, weil die Tänzer in Argentinien, die wissen ja Bescheid. Die können das ja richtig, mit dem Tanz. Und so eine Erfahrung, das gefällt ihm doch gut für sein kleines Frauchen. Erst wollte sie ja nicht mit, näch, aber langsam erwärmt sie sich dann doch für diese ganze Fremdheit und Exotik da. Puuuhhh. Die Kolonialzeit lässt grüßen. Der „reiche“, „weiße“ Europäer kauft ein kleines bisschen 10-Minuten-Glück für seine Frau, damit die auch mal was erlebt. Beinahe so, als würd’ er ihr den Gigolo finanzieren und dann gönnerhaft auf der Bettkante sitzen und zusehen, wie sie’s treiben. Na, wer’s mag…

Und dann schwiemelt die Off-Sprecherin gleich noch was über Latinos rum, Heißblütigkeit und so. Wo sich den Argentiniern vermutlich die Scham-Haare kräuselten, wenn sie wüßten, was die da redet und wären sie’s nicht eh schon, gekräuselt, mein ich. Schließlich bilden die sich was ein auf ihre europäische Abstammung und die ganze kulturelle Tradition des alten Kontinents.

Langer Rede kurzer Sinn: Es ist nicht so, als könnte man sich die Doku nicht ansehen. So schlecht ist sie nicht. Aber sie ist ganz einfach kalter Kaffee. Und hüpft irgendwann derart wild zwischen Seinajöki und Buenos Aires hin- und her, dass man völlig die Orientierung verliert. Klaro, 45 Minuten sind verdammt wenig Zeit. Dann ist das an der Länge des Films gemessen vielleicht auch einfach ein bisschen zuviel Holz: all diese Locations und unterschiedlichen Szenen und Städte. Ganz abgesehen davon, dass sich Autorin und Regisseurin weder in das Thema eingearbeitet noch tiefer darauf eingelassen haben. So ganz in RTL-II-Manier – „Lasst uns mal eben in den Puff fahren und die Kamera draufhalten, sowas will das Publikum sehen.“ Das ist einfach schlechtes Handwerk. Und dafür zahl ich am End‘ auch noch Gebühren…

Für die, die’s interessiert: Samstag, 16.02.2013, 11.10 Uhr, „In der Welt des Tangos“ auf EinsFestival.

Wer keinen Fernseher hat, kann übrigens über zattoo auch live im Internet gucken, das als Tip am Rande.

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Über ekoepping

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