Den Koffer voller Lieder

Miguel-Garderobe2

Foto: Carmelo Naranjo

Die argentinische Botschaft in Berlin widmet dem Schauspieler und Sänger Miguel Levin zu seinem 30. Bühnenjubiläum eine Ausstellung in ihren Räumen

Wer in der kommenden Woche zufällig während des Tages am Wittenbergplatz vorbeikommt – sei es auf der Jagd nach dem perfekten Winterschlussverkaufs-
schnäppchen im KaDeWe oder nach der perfekten Currywurst mit Pommes am Büdchen von Fritz & Co. (heißen die eigentlich noch so?) -, sollte unbedingt einen Abstecher in die unmittelbar an der Kleiststraße gelegene Argentinische Botschaft machen. Nur noch bis zum 4. Februar sind dort Fotos und Artefakte aus dem wilden Bühnenleben von Miguel Levin zu bewundern. Mit einem leisen Lächeln bezeichnet er sich selbst als „Mantelfeti-schisten“ und wer ihn schon einige Male auf der Bühne gesehen hat, weiß, dass er sich ohne schon beinahe nackt fühlt. Und vielleicht ist es der Mantel, in dem sich seine Art Chansons und Tangos zu interpretieren wie in einem theatralem Destillat ausdrückt: schlichte Eleganz ist darin zu finden, aber auch genau die richtige Prise Extravaganz, die er zu seinem Markenzeichen gemacht hat.

Miguel Levin ist einer, der sich in Berlin behauptet hat. „Ich hatte Glück“, sagt er rückblickend, „ich habe dafür aber auch hart gearbeitet.“ Er ist 1961 in Argentinien als Sohn eines während der Nazizeit emigrierten jüdischen Deutschen geboren, 1983 kehrte er mit seiner Familie nach Deutschland zurück. Damals war er 22 Jahre alt und sprach kein einziges Wort Deutsch. In seinem Geburtsland hatte er zuvor eine Schauspielaus-bildung abgeschlossen, in Berlin musste er sich nun einen neuen Freundes- und Wirkungskreis erschließen. „Ich kannte niemanden und ich war neu hier in Berlin“, erzählt er. Sein Vater wohnte damals an der Kurfürstenstraße, „im alten Westen“. Seine erste Begegnung mit der Berliner Schwulenszene ließ daher auch nicht lange auf sich warten. Nach und nach erweiterte sich sein Bekanntenkreis, 1984 traf er seinen ersten Freund.

Es gab viele erste Male in dieser Zeit für Miguel: Seinen ersten Auftritt hatte er 1983 bei Kostas, wie er sich gerne erinnert, im legendären Terzo Mondo. Es folgten weitere spanischsprachige Theaterabende, kleine Theaterrollen in renom- mierten Häusern, Soloprogramme. Er hatte Erfolg – nicht den großen, glamourösen Erfolg des bekannten Film- und Fernsehstars. Aber er setzte sich durch, noch dazu in einer Fremdsprache. „Ich war hartnäckig“, sagt er heute. „Ich habe alles selbst gemacht: mich um Gastspiele gekümmert, Fotos und Demobänder organisiert, Verträge geschlossen.“

Das Jahr 1989 dann war auch für Miguel Levin eine Art Wendejahr: neben einer Hommage an den schwulen spanischen Dichter Federico García Lorca begann er zu singen und sich auf das musikalische Erbe Argentiniens zu besinnen, das ihn bis heute nicht loslässt: den Tango. Die beiden Genres Gesang und Schauspiel hat er seitdem zu einer ganz eigenen Form verschmolzen, zu einer Art theatralem Chanson. Im selben Jahr spielte er seine erste Frauenrolle: die Titelrolle in einer biografischen Annäherung an die Bühnenlegende Sarah Bernhardt. Es sollte nicht seine letzte bleiben. 2001 etwa entwickelte er ein Theaterstück über Marlene Dietrich, zu deren 100. Geburtstag, das auch zahlreiche Chansons enthielt. „Auf der Suche nach einer verlorenen Seele“ wurde für ihn zu einem seiner meistgespielten Stücke, nicht nur in Berlin, sondern auch in den neuen Bundesländern, wo er häufig gastiert.

Foto: Jonathan Diaz

Foto: Jonathan Diaz

Gerade die alternden Filmdiven haben es ihm angetan. „Deren Widersprüchlichkeit fasziniert mich. Die Durchgeknalltheit und Launenhaftigkeit auf der einen Seite und ihre Reife und Lebenserfahrung auf der anderen Seite. Die haben einfach etwas erlebt“, sagt er. Anders als in der klassischen Travestie nähert er sich den Rollen psychologisch, von innen nach außen. „Ich versuche ihre Persönlichkeit zu erfassen, danach gestalte ich die Figur.“ Privat habe er wenig Divenhaftes an sich, im Gegenteil, sagt er. „Ich bin ein sehr bescheidener Mensch“, fügt er hinzu. Wenn er jedoch auf der Bühne die glänzenden schwarzen Federn an seinem Anzug zur Seite streicht und erbebend die letzten Noten von „Nur nicht aus Liebe weinen“ preisgibt, dann ist er mindestens so sehr Diva wie Zarah Leander.

In der aktuellen Ausstellung sind zahlreiche Fotografien aus unterschiedlichen Phasen seines Bühnenschaffens zu sehen nebst Bühnenkostümen und Plakaten. Die argentinische Botschaft würdigt mit der Retrospektive anlässlich seines Bühnenjubiläums, dass er sich nicht nur konsequent und in seiner Heimatsprache mit seinem Herkunftsland beschäftigte, sondern im Laufe der Jahre zahlreiche Verbindungsstellen zur deutschen Kultur fand, mit der er sich immer wieder auch auf der Bühne auseinandersetzte.

Die Ausstellung ist leider schon vorüber, aber Miguel hat mir neue Auftrittstermine für 2014 geschickt, diesmal tritt er im Wilde Oscar auf. Das ist klasse, weil man da auch gut essen kann. Einfach ein schönes Ambiente für einen gelungenen Abend. Premiere ist am 30. Januar, weitere Vorstellungen: 31.01., 06.03., 10./11.04., 03./04.07., 09./10.10. und 04./05.12.2014, jeweils 20.00 Uhr. Einlass ab 18.00 Uhr. Tickets: 10/13 EUR unter 030/479 974 47 oder bei Eventim.

Im Jahr 2005 hatte ich erstmals das Vergnügen, auf Miguel zu treffen, ein längerer Artikel auf tangokultur.info war das Ergebnis.

Erstveröffentlichung: Siegessäule Nr. 1-2013, S. 13 „Mit Vollgas unterwegs“

Advertisements

Über ekoepping

Journalistin
Dieser Beitrag wurde unter Fotografie, Mode, Musik, Queer Szene abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s