Wenn Tangoschuhe laufen lernen

Unterwegs in den Schuhwerkstätten von Buenos Aires

Fotos: Torsten Moebis

Manchmal beschleicht einen das Gefühl, eine Milonga sei ein geheimer Treff von Fußfetischisten. Alle Blicke der Umsitzenden richten sich auf die Füße der Tanzenden. Der eine oder andere Blick wandert taxierend nach oben und wieder zurück: wie nebenbei werden noch Kleidung und Schuhwerk geprüft und abfällige Bemerkungen in Richtung der Tischnachbarin geäußert. Dann kleben die Augen wieder an den Füßen. Wo hat sie bloß die Schuhe her? Die sehen ja toll aus… Aber die Tänzerin, meine Güte!

Das richtige Schuhwerk entscheidet mit über Top oder Flop des Abends: sitzen die Schuhe bequem, hat die Tänzerin oder der Tänzer einen guten Stand? Und ganz wichtig: vermitteln sie das persönliche Fashion-Statement des Trägers, respektive der Trägerin?

Eine, die sich täglich intensiv mit dieser Frage beschäftigt, ist Susanne Stukenberg. Seit 2005 importiert sie Tangokleidung und Schuhe aus Buenos Aires, zwei Jahre später entwickelte sie unter dem Markennamen „Nosolotango“ ihre eigene Schuhlinie, die sie seitdem erfolgreich vertreibt, bis Mitte des Jahres 2012 in einem eigenen Ladengeschäft.

Susanne Stukenberg, Foto: David Heerde

Rund 1000 Paar Tanzsneakers, Herren- und Damenschuhe nach ihren Entwürfen gingen hier jährlich über die Ladentheke. 2009 traf sie Torsten Moebis, der gelegentlich Milongas veranstaltet und vor allem: beim Tango fotografiert. Zwar war es nicht die sprichwörtliche Liebe auf den ersten Blick, aber auf den zweiten eine der wenigen ernsthaften Liebesgeschichten, die der Tango schreibt – 2011 haben sie geheiratet. In der Zwischenzeit hat Torsten jede Menge Schuhe fotografiert: Produktfotos für Susanne, aber auch einfach so. „Ich hab mir ein paar Modelle rausgepickt, die ich schick fand und versucht, im Foto die Schuhe eine Geschichte erzählen zu lassen. Es hat mich gereizt, die besonderen Farben oder die besondere Form des Schuhs herauszuarbeiten“, erzählt Torsten.

2009 reiste er auch zum ersten Mal zusammen mit Susanne nach Buenos Aires und begleitete sie in die Werkstätten ihrer Schuhproduzenten. „Mich interessierte zum einen, das Handwerk im Detail abzubilden, aber auch das Umfeld, die zum Teil sehr einfachen Arbeitsverhältnisse, die man so aus Europa nicht kennt. Man sieht da einfaches, bodenständiges Handwerk“, sagt er. Eine Form von Nostalgie sei es auch, die ihn umtreibe, in unserer hektischen, hochtechnisierten Welt zu sehen, wie so ein einzelner Schuh in unzähligen Einzelschritten noch ganz individuell angefertigt werde. „Da wird das Leder aus einer Vielzahl von Rollen rausgezogen, wandert in die Werkstatt, jemand schneidet es auf einem Riesenblech in Stücke und auf einmal kommen da Riemchen raus und plötzlich ist eine Sohle da – das fasziniert mich, wie handgemacht so ein Schuh ist. Den ganzen Tag tönt dazu aus irgendeinem Knatterradio Tangomusik, diese Atmosphäre wollte ich mit meinen Bildern einfangen.“

Der Weg, den so ein Schuh vor sich hat, bevor er Nosolotango heißt, ist lang: am Anfang steht Susannes Entwurf, danach fertigt der Modelista eine technische Zeichnung an, eine Art Schnittmusterbogen für den Schuh, nach der sich die Werkstätten bei der Herstellung richten, damit jeder Schuh gleich aussieht. „Jede Werkstatt hat ihren eigenen Modelista. Die technische Zeichnung verbleibt damit im Eigentum der Werkstatt“, erklärt sie. Zu ihrem Bedauern, denn sie finanziert die Zeichnung und die Idee zum Schuh ist ihre, aber der Erwerb der Rechte an der Zeichnung würde im Endeffekt das Produkt noch einmal verteuern. Und so muss sie, wenn sie die Werkstatt wechselt, weil diese zu unpünktlich geliefert hat oder ihre Qualitätsstandards nicht halten konnte, auch jedesmal neue Zeichnungen anfertigen lassen.

Das Material finanziert sie vor, zum Teil besorgt sie es selbst, „um die Kontrolle zu haben, sonst erzählen die mir noch, ‚die Farbe und das Material gibt es nicht’, wo ich hinterher genau weiß, die hatten keinen Bock das zu besorgen.“ Auf Grundlage der technischen Zeichnung wird ein Prototyp gefertigt. Erst wenn dieser von Susanne abgesegnet ist, wird der Schuh in Serie gefertigt. Die einzelnen Arbeitsschritte orientieren sich an der Sohle: das benötigte Leder wird mit Schablonen ausgeschnitten, mit den Riemchen vernäht und um die Sohle herum auf dem Leisten genagelt und geklebt, erst am Schluss kommt der Absatz dran und die Verzierungen.
Am Prototypen können noch Details wie Applikationen verändert werden. Susanne achtet hier vor allem auf die saubere Verarbeitung von Nähten und Kleberändern, aber auch, wie sie in dem Schuh steht. „Es gibt Modelle, da steht man perfekt drin. Da ist der Absatz richtig zentriert. Wenn das nicht der Fall ist, ist der Schuh einfach wackliger“, sagt sie. Das Vertrauen in die Qualität der handwerklichen Produktion beruht für Susanne auf der langen Zusammenarbeit mit den Werkstätten, sagt sie, Fehler schließe das dennoch nicht aus.

Im Stadtviertel Boedo wird alles verkauft, was für das Schuhhandwerk benötigt wird, auf der Avenida Boedo liegt ein Geschäft am anderen. „In dem einen gibt es nur Nägel für die Absätze, im anderen nur Absätze, im nächsten Schnallen in allen Größen und Formen und dann gibt es die Häuser, in denen man zusammengerollt die Häute kaufen kann“, erzählt Susanne. „Von Häuten mit einem bestimmten Muster oder von einer bestimmten Farbe gibt es dann vielleicht nur eine oder zwei. Da kann man 12 Paar Schuhe draus machen und das war’s.“ So erklärt sich leicht, dass die Schuhe oft in Kleinstserien produziert werden, die nicht nachbestellt werden können.

Das liegt aber auch daran, dass die Werkstätten geringe Kapazitäten haben. Die Handwerksbetriebe in Buenos Aires sind klein, oft im Erdgeschoss von Wohnhäusern untergebracht und haben maximal zehn feste Mitarbeiter. „Die schaffen es einfach nicht, 200 Paar von einem Modell zu produzieren, das sind keine Fabriken. Das wäre aber auch ein großes Risiko für mich. Ich müsste die Menge vorfinanzieren und auch über einen längeren Zeitraum bei mir lagern. Das bindet zuviel Kapital.“ So ist einer ihrer Pläne für die Zukunft, den Fernabsatz der Schuhe auszubauen, d. h. die Internetbestellung und -kaufabwicklung zu vereinfachen. Darüber müsse sie sich aber erst sehr genaue Gedanken machen, sagt sie. Ihr anderer großer Plan ist die Entwicklung eines alltagstauglichen Schuhs, der zwar die tangoüblichen Anforderungen erfüllt, aber auf der Straße getragen werden kann, „Haute Couture“ sozusagen. Wer weiß – vielleicht richten sich dann bei der nächsten Berliner Fashion Week die Blicke der Zuschauerinnen und Zuschauer, genau wie auf der Milonga, nach unten – auf die Füße der Models.

Dieser Artikel entstand im Zusammenhang mit einer Fotoausstellung von Torsten Moebis unter dem Titel „Wenn Tangoschuhe laufen lernen“, die bis zum 29.02.2012 im „Nosolotango“-Store in Berlin-Mitte zu sehen war. Die Ladenräume hat Susanne Stukenberg zwischenzeitlich aufgegeben. Sie stellt ihre Produkte derzeit regelmäßig im Tangotanzenmachtschön in Kreuzberg aus und hat Showrooms in Hamburg im Tango Ático und in Hannover im Club de Tango.

Erstveröffentlichung: Tangodanza No. 1-2012

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2 Antworten zu Wenn Tangoschuhe laufen lernen

  1. 1silvana schreibt:

    Reblogged this on Die Welt im Spiegelkabinett.

  2. Pingback: Reportageblase | Tangolazarett

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