Jenseits ausgetretener Tangopfade

CD-Rezension

Cover der CD Maldito Tango von Daniel Melingo (2008)

 

Melingo: Maldito Tango
Label: Mañana / Naive
VÖ: 04.04.2008

 

Man merkt es ihm an, er hat keine große Lust, über seine Arbeit zu reden, er lässt lieber die Musik für sich sprechen. So bewegt sich Melingo auch auf „Maldito Tango“ wieder weit jenseits ausgetretener Tangopfade – musikalisch wie auch auf Ebene der Texte passt es in keine Schublade. Für das Album suchte Melingo ganz bewusst andere Formen der Poesie: Er eignete sich Werke bekannter argentinischer Dichter an, die nicht mit der tradierten Struktur der Tangolyrik arbeiten.

Diese Unkonventionalität spiegelt sich in der Musik: da wabert hier eine Posaune und dort eine Klarinette als Schimäre durch den Sound. Eine singende Säge gesellt sich zum Kamm und im Hintergrund zwitschern Vögelchen, alles wohl eingebettet in kraftvolle, erdige Melodien, die von seiner Stimme in Form gebracht werden. Das Album ist nicht so ungestüm wie sein Vorgänger „Tangos Bajos“, aber atmosphärisch so dicht, dass man es nicht so schnell wieder vergisst. Einzelne Stücke sind durchaus tanzbar, wenn dies auch vordergründig nicht in der Absicht des Albums liegt, das irgendwo zwischen musikalischer Burleske und Tangochanson angesiedelt ist.

„Maldito Tango“ ist in meinen Augen das Beste, was zur Zeit im Bereich neukomponierter Tangomelodien auf dem Markt zu haben ist.

Zum Interview mit Daniel Melingo

Erstveröffentlichung: Tangodanza No. 34, Ausgabe 2-2008

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Das Tango-Panoptikum des Señor M.

Daniel Melingo im Interview (2008)

Daniel Melingo im Roten Salon der Volksbühne, Foto: Torsten Moebis (2008)

Foto: Torsten Moebis

Übersetzung aus dem Spanischen: Katrin Wilke

Er ist das Enfant Terrible der Tangomusikwelt. Seine tiefe Stimme schwingt sich irgendwo zwischen den Reibeisenorganen von Paolo Conte und Adriano Celentano ein, begleitet von einer gewaltigen Portion Schalk im Nacken. Wie bei vielen anderen für ihre Innovativität geschätzten Tangomusikern seiner Generation (Gustavo Santaolalla von Bajofondo Tangoclub, Eduardo Makaroff von Gotan Project oder auch der Formation La Chicana) liegen seine musikalischen Anfänge in der Rockmusik der 80er Jahre. Bevor ihn der Tango unwiderruflich in seinen Bann zog, spielte er bei in Argentinien mittlerweile in den Rockolymp aufgestiegenen Bands wie „Los Twist“ oder „Los Abuelas de la Nada“. Seine Bühnenshows sind legendär und das ideale Podium für diesen Selbstdarsteller par Excellence. Im Vorfeld zu seiner Europa-Tournee im März/April 2008 und der Veröffentlichung seiner neuen CD traf Tangodanza den exzentrischen Musiker in Berlin zum Interview und zum exklusiven Fototermin auf der Milonga im Roten Salon der Volksbühne.

Daniel, du hast als Rockmusiker angefangen, was trieb dich zum Tango?

DM: Nicht mich trieb es zum Tango, der Tango zog mich magisch zu sich hin, das ist ein kleiner Unterschied. Musikalisch war er mir schon früher nah, in der Musikbranche kannte man mich aber zunächst als Rockmusiker. Es war dann nur eine Frage der Zeit, zum Tango zu kommen.

Daniel Melingo im Interview - Foto: Torsten Moebis (2008)

Daniel Melingo im Interview – Foto: Torsten Moebis (2008)

 

Heißt das, dass du schon in deinem Elternhaus viel Tango mitbekommen hast?

DM: Ja, auf jeden Fall. Meine ganze Familie ist sehr musikalisch, vor allem mütterlicherseits finden sich hier jede Menge Texter, Tänzer und Milongueros und natürlich auch Tango-Aficionados, vor allem meine Onkel, die professionell in dem Metier arbeiten.

Cristòbal Repetto sagt, dass er dir sehr viel verdankt, weil du ihn entdeckt hast – ihr habt auch sehr viele Duette zusammen gesungen. Was hat dich an ihm interessiert?

DM: Wir haben uns auf der Straße in Buenos Aires kennen gelernt. Repetto mochte meine Musik damals schon und ich habe ihn dann bald in meine Shows integriert. Seine Phrasierung, die hohe Stimme, das ist einfach ein sehr kurioser und sehr spezieller Kontrast zu meiner sehr tiefen Stimme.

Repetto hat in einem Interview erzählt, seine Stimme habe zu ihm gefunden, er hätte sie nur noch herauslassen müssen. Wie war das bei deiner Stimme, war die schon immer ein Teil von dir?

DM: Cristòbal und ich haben sehr unterschiedliche Wege in unserem beruflichen Leben eingeschlagen und auch nach unterschiedlichen Dingen gesucht – bei mir war es eher umgekehrt, dass ich im Verlauf meines beruflichen Lebens nach der Stimme gesucht habe, die zu mir gehören könnte.

In welchem Lebensabschnitt hast du diese Stimme gefunden?

DM: Meine Anfänge als Protagonist in der Tango-Szene lassen sich etwa zehn Jahre zurückdatieren. Ich hatte einige Jahre in Europa gelebt, fern von Buenos Aires und bei meiner Rückkehr entschieden, dass es auch musikalisch eine Veränderung für mich geben musste. Ich habe zwar schon immer komponiert, aber ich habe dann angefangen, auch Tangos zu komponieren. Der Prozess ist so zu sehen, dass sich aus der kompositorischen Arbeit eine Figur entwickelte, die auch eine bestimmte Stimme hatte. Mich an diese Figur des Tangosängers heranzutasten, ist eine ganz bewusste, vorsätzliche Arbeit. Seit zehn Jahren beschäftige ich mich überhaupt erst mit lyrischem Gesang und lerne ständig dazu. Dieser Prozess kostet mich sehr viel Arbeit. Früher habe ich einfach gesungen, ohne darüber nachzudenken.

Daniel Melingo im Interview, Berlin 2008, Foto: Torsten Moebis

Foto: Torsten Moebis (2008)

 

 

Welche Ausdrucksmöglichkeiten siehst du im Tango eher als z. B. in der Rockmusik?

DM: Zum einen hatte ich im Bereich der Rockmusik nicht diese exponierte Rolle, die ich im Tango gefunden habe. Dort war ich nur Komponist und Musiker unter vielen. Hier stehe ich im Mittelpunkt. Für mich eröffnet sich im Tango eine ganze Ausdruckswelt mit vielen Facetten, das habe ich in der Rockmusik als begrenzter empfunden.

 

Eine Rockband namens Pasados des Rosca hat eine Rockversion von „Narigon“ eingespielt, die auch auf YouTube zu sehen ist („Narigon Trastocado“ = in Unordnung gebrachtes „Narigon“). Was hältst du davon?

DM: Ich fühle mich natürlich geschmeichelt, um nicht zu sagen, geradezu bestätigt, dass auch die Rocker zu meiner Tangomusik finden. Die Intoxicados („Die Vergifteten“) übernehmen auch viel aus meinem Repertoire und haben mich zu ihren Konzerten eingeladen. Im Grunde ist das ja auch ein Teil meiner Biografie, ich finde das sehr gut, dass hier so eine Art Grenzüberschreitung zwischen den Genres stattfindet.

 

Der Weg zurück nach Argentinien und zum Tango, könnte man das auch als einen Weg zurück zu bestimmten kulturellen Wurzeln begreifen, nach der langen Zeit im Ausland?

DM: Klar, auf jeden Fall. Um mit Gardel zu sprechen, die „Nostalgia“, die Sehnsucht zurückzukehren, hat für mich in einer Rückkehr zu den Wurzeln Gestalt angenommen.

In deinem Video zu „Narigon“ sind neben der Statue von Gardel auch noch andere Tango-Devotionalien zu finden. Du hast zwar mal in einem Interview gesagt, dass du den Tango entstauben möchtest, fühlst du dich trotzdem mit seinen Wurzeln verbunden?

DM: Das finde ich heute schon sehr problematisch, dass viele junge Leute Piazzolla kennen, aber Gardel nicht, die Verbindung zu den Wurzeln muss es eben auch geben. In dem Video münden die ganzen emblematischen Orte des Tango, La Boca, Casa Rosada und das Denkmal von Gardel, das in Chacarita steht, auf einem einzigen Platz zusammen, das finde ich witzig.

Offizielles Video zu Narigón

 

Hat das mit einer gewissen ironischen Distanz zum historischen Tango zu tun, die sich in deiner Musik findet?

DM: Es ist Teil meiner Persönlichkeit, auf eine zärtliche Art ironisch zu sein.

„Maldito Tango“ wirkt in der Instrumentierung sehr viel zurückhaltender als „Tangos Bajos“, aber auch deine Stimme wirkt sehr viel intimer, näher am Zuhörer dran. Was steht für dich für eine Entwicklung dahinter?

DM: Das hat sich so ergeben. Tangos Bajos ist einfach schon zehn Jahre her, da hat natürlich auch bei mir eine Entwicklung stattgefunden. Das hängt mit einem gewissen Reifungsprozess zusammen, den ich mit dem Tango durchlaufen habe. Die früheren Alben sind viel „ausgekotzter“, spontaner, das neue Album ist gereift. Ich habe mich vom Schmerz, vom Leiden für das neue Album inspirieren lassen. Ohne Schmerz kommt man gar nicht erst darauf, sich die Fragen zu stellen, zu denen man die Antworten sucht. Natürlich steht beides auch in enger Verbindung, das Leiden und die Tangokultur und der Topos des sich „Entliebens“ des „desamor“, der sehr stark mit dem Tango in Verbindung steht, mit dem ich mich aber eigentlich gar nicht so gerne beschäftige. Ich finde gerade im Leiden auch die Freude. Der Schmerz macht mich fröhlich.

 

Daniel Melingo, Foto von Torsten Moebis - Berlin 2008

Foto: Torsten Moebis

Das erinnert mich an ein Bild aus dem Video zu „Narigon“: Du tanzt als Comicfigur mit dem Tod und fällst am Ende ganz unspektakulär um. Was für eine Bedeutung hat das Bild für dich?

DM: Es ist ein Weg, über sich selbst zu lachen und damit natürlich auch den ganzen Rest der Welt, was auch bedeutet, über den Tod lachen zu können.

 

Das neue Album wurde bei Mañana in Paris verlegt, dem von Eduardo Makaroff gegründeten Label. Kennst du Makaroff noch aus deiner Vergangenheit als Rockmusiker?

DM: Wir kennen uns schon seit fast 30 Jahren, noch aus alten Zeiten in Buenos Aires bei der Band „Los Twist“, wir haben damals in den 80ern schon eine andere Art von Tangos gespielt. Ursprünglich sollte auch die Neuinterpretation eines Stückes auf das neue Album, das noch aus diesem Repertoire von „Los Twist“ stammt, das ist aber aus den unterschiedlichsten Gründen wieder weggefallen. Es ist für mich ein großes Glück, dass ich mit meinen ganzen Publikationen bei diesem Label aufgenommen wurde. Makaroff ist auf mich zugekommen und hat mich bei der Auswahl der Stücke unterstützt. Er hat mich insgesamt aber eher als Mentor unter seine Fittiche genommen, als dass er direkt in den Schaffensprozess involviert gewesen wäre.

 

In deiner Musik kommt eine große Offenheit zu anderen Stilen zum Ausdruck, du spielst mit der Volksmusik, modernen Strömungen, hast auch zusammen mit Repetto für das Album „Supervielle“ eine neue Version von „Leonel el Feo“ eingesungen. Wie war die Zusammenarbeit mit Gustavo Santaolalla?

DM: Gustavo hat mich eingeladen, an dem Stück mitzuwirken. Santaolalla ist einfach ein legendärer Protagonist des rock nacional in Argentinien. Ich mag ihn sehr, wir haben ähnliche Geschmäcker und eine vergleichbare musikalische Biografie.

Wie findest du denn diese ganzen Neotango-Projekte?

DM: Ich nehme gerne an diesen Projekten teil, wenn ich dazu eingeladen werde. Das ist mir nicht unbedingt musikalisch fremd. Aus einer rein ästhetischen Entscheidung heraus verwende ich aber bei meiner Musik keine elektronischen Elemente.

An welchen Projekten arbeitest du denn zur Zeit?

DM: Ich bin an verschiedenen nicht unbedingt unbedeutenden Filmprojekten musikalisch beteiligt und habe auch schon einen beträchtlichen Teil der Kompositionen für ein neues Album entwickelt. Bis das Album erscheint, kann aber noch viel passieren!

 

Zur Webseite von Daniel Melingo

Zur Rezension von Maldito Tango

 

Erstveröffentlichung: Tangodanza No. 34, Ausgabe 2-2008

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Cristóbal Repetto im Interview

Interview: Elke Koepping, im November 2005

Konzert mit Cristóbal Repetto im Jazzclub Quasimodo in Berlin 2005

Cristóbal Repetto live im Quasimodo Berlin
Foto: Torsten Moebis (2005)


Viele argentinische Künstler, die kürzlich in Deutschland gastiert haben, haben erst relativ spät mit dem Tango angefangen, wie kommt bei dir diese frühe Liebe zum Tango zustande?

Cristóbal Repetto Der erste Kontakt mit dem Tango war für mich Roberto Goyeneche. Dann erst habe ich angefangen, Musik zu suchen, die diese traditionelle, kreolisch beeinflusste Musik mit dem Tango verbindet, also die Musik vom Land mit der der Stadt. Zum ersten Mal habe ich dann mit 16 angefangen Tangos zu singen, also 1996.

Hast du die Stücke auf der CD selbst ausgewählt?

Cristóbal Repetto  Es sollten Songs von großer Bedeutung sein, zugleich mit sehr poetischen Inhalten. Ich fühle, auch wenn diese Tangos sehr alt sind, dass sie trotzdem immer noch Aktualität besitzen. Das, was sie ausdrücken, bleibt das selbe. Der Tango „Acquaforte“ z. B. ist sehr aktuell, er steht für die Kraft der unteren Klassen.

Ist dir der politische Anspruch in deiner Musik wichtig?

Cristóbal Repetto  Argentinien ist ein Land, das sich im Vergessen übt. Mit meiner Musik will ich das verhindern. In gewisser Weise bin ich also politisch aktiv, wenn ich dazu beitrage, dass das Volk nicht vergisst. In meinen Songs kommt nicht die heutige Politik zur Sprache, aber ich habe ein großes Interesse daran, einmal mit zeitgenössischen Künstlern zu arbeiten, aktuelle politische Texte zu singen.

Die Auswahl der Stücke auf der CD ist ungewöhnlich, diese Tangos sind einem größeren Publikum eher unbekannt. Hast du dich selbst auf Recherche begeben?

Cristóbal Repetto  Ich habe mit der Academía Nacional de Tango in Buenos Aires Kontakt aufgenommen, und Material aus einer großen privaten Sammlung zusammengestellt. Da die Aufnahmen sehr sehr alt waren, hatten wir Probleme, die Texte zu übertragen. Das war eine sehr mühsame Arbeit, denn der Klang der alten Platten war sehr schlecht. Mein großes Ziel ist es, dass der Tango auf den großen Festivals vertreten ist, dass er so populär wird wie Popmusik.


Offizielles Video zu „Perfume“ von Bajofondo Tango Club

 

Du arbeitest auch mit Bajofondo Tango Club zusammen. Ist das für dich ein gangbarer Versuch, den Geist der heutigen Jugend in den Tango hineinzubringen?

Cristóbal Repetto  Teils ja. Dieses Ziel habe ich auch. Ich wünsche mir, daß die jungen Leute die alten Tangos anhören und dadurch lernen, auch den alten Menschen zuzuhören. Bei Bajofondo habe ich sehr gerne mitgemacht, das hat viel Spaß gemacht. Es ist aber nicht grundsätzlich meine Welt, die elektronische Musik ist nicht mein Hauptinteresse.

Auf dem Konzert hast du deine 90-jährige Großmutter erwähnt, heißt das, in deinem Leben gibt es wichtige ältere Menschen?

Cristóbal Repetto  Ja, ich habe das Glück, dass meine beiden Großmütter noch leben, die eine ist 90 und die andere 94. Sie sind immer total gerührt, wenn ich diese alten Tangos singe. Für mich hat das sehr viel Bedeutung, denn das war die Musik, die sie selbst gehört haben, als sie 15 Jahre alt waren. Meine Mutter und meine Großmütter sammeln alle Zeitungsausschnitte über mich. Wenn ich dann von einer langen Reisen nach Hause zurückkomme, zeigen sie mir ihre Sammlungen.

Hast du dich eigentlich mit dem Tango nur als Musikform beschäftigt, oder auch mit dem Tanz?

Cristóbal Repetto  Ich bin ein ganz schlechter Tänzer!

Also zurück zu deiner Stimme: ist dir das irgendwann mal bewusst geworden, dass du einen außergewöhnlichen Tenor singst oder hat dich jemand darauf aufmerksam gemacht?

Cristóbal Repetto  Das war im Jahr 2000, da habe ich es selbst entdeckt. Meine Stimme befand sich in einer Veränderungsphase, der eigentliche hohe Klang war natürlich schon immer da. Ich habe in mich hineingeschaut und diese Stimme einfach losgelassen, es war auch für mich eine totale Überraschung, daß ich das kann. Sie passt sehr gut zum Klang der Strohgeige, Javier Casalla ist tatsächlich der einzige Musiker in Argentinien, der sie spielen kann.

Die Songs, die du ausgewählt hast, wurden die ursprünglich auch von Tenören gesungen oder hast du sie den Anforderungen deiner Stimme angepaßt? Was mir auffiel: Es ist kein Tango von Gardel dabei, was doch eigentlich naheliegen würde.

Cristóbal Repetto  Ich singe keine Tangos von Gardel, um diesen direkten Vergeich zu vermeiden. Für mich ist es wichtig, daß meine Individualität in den Stücken zum Ausdruck kommt. Die Stücke habe ich zum Teil für meine Stimme transponiert.


Cristóbal Repetto live 2005 in Paris

 

Schreibst du auch selbst Songs?

Cristóbal Repetto  Ja, ich schreibe auch. Diese Stücke sind noch nicht auf der Debut-CD zu finden, aber auf meiner nächsten werden sie vertreten sein, die etwa im November 2006 beendet sein soll. Ich schreibe über mein Leben, mein Heimatdorf und wie die Leute dort leben. Daniel Yaría komponiert einige Original-Stücke für mich, aber ich werde auch selbst versuchen, einige Lieder zu komponieren. Es werden noch Stücke von Mercedes Simone, Azucena Maizani und Milongas vertreten sein, die von Musikern aus meinem Dorf arrangiert werden.

Was wünschst du dir für dich und deine Musik in der Zukunft?

Cristóbal Repetto Ich wünsche meiner Musik, dass sie überall auf der Welt gehört wird und dass die Leute, die sieh hören, etwas damit verbinden. Außerdem möchte ich gern Künstlern aus dem argentinischen Hinterland helfen, nach Buenos Aires zu kommen, damit sie ihre Musik auch in der Stadt vorstellen können. Eines meiner größten persönlichen Anliegen ist es, dass meine Band zusammenbleibt, denn die musikalische Chemie zwischen uns funktioniert sehr gut und wir kommen auch privat gut miteinander aus.

Das Interview wurde am 01.11.2005 in Berlin geführt (mit Simultanübersetzung)

 

Zum Artikel über das Konzert von Cristóbal Repetto hier im Tangolazarett
Zur Facebook-Seite von Cristóbal Repetto

Erstveröffentlichung des Textes in der Ausgabe 12/05 auf tangokultur.info

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Goldkehlchen und die drei Gitarristen

Cristóbal Repetto live in Berlin (im Oktober 2005)

Konzert mit Cristóbal Repetto im Jazzclub Quasimodo in Berlin 2005

Foto: Torsten Moebis (2005)

Mit Leidenschaft veröffentliche und editiere ich Artikel auf Wikipedia. Kürzlich fiel mir auf, dass unglaublich viele meiner Tangotexte dort verlinkt sind und zitiert werden, insbesondere die Musiker*innen-Interviews, die ich im Laufe der Jahre geführt habe. Da das Archiv von tangokultur.info online nicht mehr zugänglich ist, habe ich beschlossen, diese Texte durch Veröffentlichung hier im Blog wieder lesbar zu machen. Dieser Text über Cristóbal Repetto wurde im März 2006 veröffentlicht, das Konzert fand im Oktober 2005 statt.

Was der argentinische Produzent Gustavo Santaolalla musikalisch auch anfasst: es wird zu Gold, ganz wie beim legendären König Midas. Weltweit bekannt ist seine Entdeckung Juanes, eher tangoweltweit, aber auch unter Clubgängern bekannt der Bajofondo Tango Club. Seine jüngste Entdeckung heißt Cristóbal Repetto und eine Entdeckung für Tangofans ist er wahrlich. Repetto war im Sommer im Rahmen der Konzerttournee von Bajofondo in Deutschland und Österreich für einen kurzen Gastauftritt bereits live zu bestaunen, im Januar nun erschien auch in Europa sein Debut-Album, daran schließt sich im März 2006 eine Konzerttournee an. Aus diesem Grund veranstaltete die Deutsche Grammophon (Universal) Anfang Oktober 2005 ein Promo-Konzert mit Repetto im Berliner Jazzclub Quasimodo, quasi als Appetithäppchen.

Es ist offensichtlich, Herr Repetto wird professionell vermarktet, so lässt jeder einzelne PR-Text keinen Zweifel daran, dass man im Management auf den Nostalgiezug aufzuspringen gedenkt. Da fallen Namen wie ‚Gardel’ in einem Atemzug mit dem Repettos, und um auch das junge Publikum zu erwischen, denn er ist selbst mit seinen 26 Jahren noch erstaunlich jung, wird er als ‚jugendlicher Individualist’, als Hippie unter den Tangosängern gefeiert, und es wird ihm ‚dieses gewisse Etwas’ attestiert, das viele rebellische Rocker anziehend mache. Schluck. Da vergeht einem direkt die Lust, ins Konzert zu gehen.

Es kommt noch besser: Die Geschichte seiner Entdeckung im kleinen Provinzstädtchen Maipú bringt Tränen der Rührung in die Augen des noch ungläubigen Lesers. Nicht nur, dass er am 9. Juli geboren ist, dem Nationalfeiertag in Argentinien, nein, schon immer liebte er die Folklore seines Landes, begann als Sechzehnjähriger zu singen und belegte bereits ein Jahr später, 1996, den 3. Platz bei einem Tangowettbewerb seiner Stadt, in dessen Jury immerhin Eladia Blásquez, Guillermo Fernandez und Adriana Varela vertreten waren. Prompt wurde ihm durch Zufall auch noch die Ehre zuteil, im selben Jahr mit Mariano Mores auf einer Bühne zu stehen – langhaarig und in roten Turnschuhen, ganz selbstvergessen über der Ehre, die ihm da zuteil wurde.

1998 geht Repetto nach Buenos Aires, um Musik und Journalismus zu studieren, gerade achtzehnjährig. Er nimmt Unterricht in Komposition und Gesang und verschafft sich innerhalb kürzester Zeit einen respektablen Ruf als Tangosänger in den Traditionslokalen der Stadt. Daniel Melingo nimmt ihn unter seine Fittiche, die Karriere Repettos scheint durch nichts mehr aufzuhalten. Nach einem Auftritt im Kabelfernsehen nimmt Gustavo Santaolalla Kontakt zu ihm auf und bittet ihn um Mitwirkung beim Bajofondo-Album. Und schon befindet sich Cristóbal Repetto rund um den Globus reisend wieder. Traumhaft. Das scheint alles ‘too good to be true’.

Konzert mit Cristóbal Repetto im Jazzclub Quasimodo in Berlin 2005

Cristóbal Repetto live im Quasimodo Berlin
Foto: Torsten Moebis (2005)

Erstaunlich unprätentiös, allen PR-Bemühungen zum Trotz, die sein Bauernburschen-Image recht platt zu zementieren suchen, tritt dieser irgendwie in der globalen Tangoszene viel zu schnell bekannt gewordene Sänger am 1. Oktober in besagtem Berliner Jazzclub schüchtern auf die Bühne und verkörpert leibhaftig all das, was die Pressetexte uns glauben zu machen suchen: Natürlichkeit, eine beinahe kindlich zu nennende Naivität, einen hohen Grad an musikalischer Professionalität und mit einer Stimme, die vermittels einer Zeitmaschine direkt aus den goldenen Zwanzigern zu uns herübergereist zu sein scheint. Ein für heutige Verhältnisse außergewöhnlicher Tenor mit außergewöhnlich viel Ausdruckskraft.    Wohltuend die Tatsache, dass er bewusst stilistisch nicht in die Gardel-Kerbe haut, da gibt es keinen perfekt sitzenden Anzug und auch keine zurückgegelten Haare oder sonstige Nostalgie-Accessoires. Auch macht er durch die Auswahl der Stücke, unter denen sich keines von Gardel befindet, deutlich, dass er vermeiden will, in diese Schublade gesteckt zu werden.

Cristóbal Repetto ist noch sehr jung, ein im landläufigen Sinne nicht unbedingt schöner, aber interessant aussehender Mann mit einem kleinen Bauchansatz, der an Babyspeck erinnert, eher unscheinbar denn ein Frauenschwarm-Typ. In unbewussten Momenten stolpert er auch schon mal ungeschickt über Stuhlbeine und benimmt sich insgesamt so, als stünde er mit den Gegebenheiten der dinglichen Welt ständig auf Kriegsfuß. Solange, bis er das Mikrofon in die Hand nimmt und zu singen beginnt. Mit seinen großen dunklen Kulleraugen und den fragend hochgezogenen Augenbrauen sieht er dabei den ganzen Abend ein wenig aus wie ein verschrecktes Häschen – die ausgebeulte Hose, die an ihm viel zu groß wirkt, ein fahrig um den Hals geknotetes Tuch, das sein Monogramm trägt und ein Jackett, das zwar durchaus passabel aussieht, aber wie auf Wunsch an der linken Ecke einen rührenden kleinen Fleck aufweist, alles passt so gut zu seinem Image, dass es beinahe inszeniert erscheint. Wäre da nicht dieser intensive junge Mensch, der dies alles vollkommen authentisch verkörpert.

Der Abend beginnt und endet mit dem wunderbaren Javier Casalla, der heutzutage der einzige Mensch in Argentinien zu sein scheint, der auf der ungewöhnlichen Cornet-Violine (Strohgeige) spielen kann. Kein Wunder, das Instrument wirkt sehr eigen – man kann es in etwa als Kreuzung zwischen Grammophon und Violine beschreiben –, doch sein Sound harmoniert ungewöhnlich gut mit der Stimme Repettos. Auch Casalla war bereits mit Bajofondo im Sommer auf Tournee und ist auf deren Alben als Musiker vertreten. Im zweiten Stück ‚Se va la vida’ tritt die Strohgeige in einen unvergleichlichen Dialog mit der schmelzenden Stimme Repettos, der die Wörter eher lässig dahin nuschelt denn besonders betont. Beide Musiker demonstrieren hier ihre außerordentliche Spielfreude: es scheint, als übernähmen die Instrumente (so es zulässig ist, die Stimme als ein Instrument zu beschreiben) voneinander die Melodie.

Javier Casalla bei den Bajofondo-Konzerten in Berlin, Foto: Tom Gonsior (August 2005)

Javier Casalla bei den Bajofondo-Konzerten in Berlin
Foto: Tom Gonsior (August 2005)

Zu ‚Se va la vida’, das auch das 17. und letzte Stück sein wird, tritt auch das außergewöhnliche Gitarrentrio auf die Bühne, das Repetto bereits bei der Einspielung seines Debut-Albums unterstützte: Daniel Yaría, Javier Amoretti und Martín Creixell. Zwar bin ich im ersten Augenblick versucht zu unterstellen, sie seien nach Aussehen und Kleidungsstil ausgesucht worden, um dem Image Repettos zu entsprechen, denn alle drei sehen eher aus wie Rockmusiker mit halblangen Haaren (bzw. Glatze) und Second-Hand-Klamotten, doch ihre Fähigkeiten auf der Gitarre stehen außer Zweifel, ebenso wie ihr harmonisches Zusammenspiel.

‚Cantando’, das leichtfüßig daherkommende dritte Stück des Abends, widmet Cristóbal Repetto seinen beiden Großmüttern, und wieder will man seinen Ohren kaum trauen, doch die Einfachheit und Offenheit, mit der er diese unglaublichen Sätze über die Rampe bringt, überzeugt und auch Nicht-Hispanier spüren, dass er jedes Wort genau so meint, wie er es sagt. Dabei sollte man beileibe nicht dem Irrglauben verfallen, dieser Mann sei einfach dümmlich oder naiv – beim Interview am nächsten Tag wird deutlich, dass Cristóbal Repetto nicht nur auf einfache Weise besonnen und zugleich intelligent das sagt, was er ausdrücken will, sondern dass jeder Satz auch noch wie reinste Poesie wirkt, wie die Übersetzerin Claudia versichert. Außerdem scheint er auch noch eine gehörige Portion Sinn für Humor zu besitzen. Es ist schier unglaublich, aber man muss wohl tatsächlich davon ausgehen, dass dieser Mensch kein PR-Produkt, sondern ein ungewöhnliches Ausnahmetalent ist.

Zurück zum Konzert: Mit größter Präzision und Klarheit setzt Repetto seine Töne, und jede einzelne Note von Stück 4 ‚Por un cariño’ (Für ein Liebstes) tropft dem Zuhörer ins Unterbewusste, wo es irgendwo tief im Bauch nachhallt. Stück 5, ‚Allá en el Bajo’ (Draußen in der Gosse), ist eine Art aufgeregter Sprechgesang, bei dem sein ganzer Körper mitzubeben scheint. Dieser Mann lebt die Musik. Ein Meister ist er vor allem, was die gehauchten, verschwommenen Töne angeht, von Zartheit im mühelosen Wechsel mit großer Klangfülle. Wenn er singt ‚Wie ich Dich vermisse’, nimmt man jedes einzelne Wort für bare Münze. Zu den vier Zugaben schließlich, nach 17 Titeln des regulären Programms, umklammert er sein auf die Bühne mitgebrachtes Weinglas wie die lange verloren geglaubte Liebste. ‚La que murió en Paris’, zweites Stück auf seinem Debut-Album, sowie das erste bekanntere Stück (‚La Flor dem Illusion’) unter der Fülle vergessener Tangos, die er zu neuem Leben erweckt, beschließen das Konzert. Der kräftig gespielte Vals legt eine ordentliche Geschwindigkeit vor, und sicher nicht zum ersten Mal an diesem Abend zuckt es den Tänzern dank der rhythmisch versierten Gitarristen wie irre in den Füßen. Standing Ovations und frenetischer Jubel sind der Dank dafür.

Konzert mit Cristóbal Repetto im Jazzclub Quasimodo in Berlin 2005

Gitarristen Daniel Yaría, Martín Creixell
Foto: Torsten Moebis

Der Besuch der Konzerttournee von Cristóbal Repetto ist für jeden Liebhaber klassischer Tangos ein absolutes Muss. Die Verbindung ländlicher Folklore mit der städtischen Tradition des Tango gelingt dem Sänger wie auch seinen Musikern auf außerordentlich zeitgemäße Weise. Bezüglich des Debut-Albums sind wir in der Redaktion allerdings geteilter Meinung. Fest steht, dass es lange nicht in der Lage ist, die Ausdruckskraft einzufangen, die Repetto auf der Bühne besitzt. Die statuarisch wirkende Abmischung wird dem Live-Auftritt nie und nimmer gerecht.

Zum Interview mit Cristóbal Repetto hier im Tangolazarett

Zur Facebook-Seite von Cristóbal Repetto
Zum Wikipedia-Eintrag von Cristóbal Repetto. Ihr seid ausdrücklich aufgefordert, daran mitzuarbeiten und ihn zu verbessern – der ist nämlich ganz schön rudimentär!

Erstveröffentlichung des Textes in der Ausgabe 03/06 auf tangokultur.info

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Der Mensch ist der Mittelpunkt

Tango mit Rollstuhl

Foto: Torsten Moebis

Foto: Torsten Moebis

Der nachfolgende Text ist zwar schon über 7 Jahre alt, der dazugehörige Workshop im Rollstuhltango hat mich jedoch sehr nachhaltig beeindruckt. Insbesondere deswegen, weil es eine völlig eigenständige Tanzform ist, die ein ganz neues Bewegungsrepertoire erfordert. Das hält für mich bis heute eine große Faszination und einige Rätsel bereit.

„Fußgänger“ nennen sie sie – die, die wie selbstverständlich auf ihren beiden Beinen stehen und dabei nicht groß drüber nachdenken. Laufen kann man halt grad solang man denken kann. WENN man denn laufen kann.

Die anderen, die, die’s noch nie konnten – oder mal konnten, aber jetzt nicht mehr können –, die nennen sich Rollifahrer. Beinah liebevoll rückt da der Rollstuhl, das Hilfsmittel im täglichen Kampf gegen die Bewegungsnot, in lautmalerische Nähe zum allseits beliebten klebrigen Lutschklops.

Im November 2008 traf ich in Berlin anlässlich eines von der Fürst Donnersmarck-Stiftung initiierten Rollstuhl-Tango-Workshops Christiane Fürll, die „Fußgängerin“. Seit 1996 tanzt sie mit dem „Rolli-Fahrer“ Wolfgang Schneider, der aufgrund eines Unfalls querschnittsgelähmt ist. Beide unterrichten zusammen Rollstuhltanz und mit wachsender Leidenschaft „Rolli-Tango“, was niedlich klingt, aber mit harter tänzerischer Arbeit verbunden ist.

Vom „vier-beinigen Tier“ spricht die Autorin Monika Elsner allegorisch, wenn sie die Tangopaarung als solche in ihrer Bewegungsqualität beschreibt. Was aber, wenn zwei von den Füßen sich nur mittels zweier großer Räder und viel Schmackes im Arm über den Tanzboden bewegen können? Wird das poetische Tierchen dann zur rationalistischen zweifüßig-zweirädrigen oder gar zweirädrig-zweirädrigen Mensch-Maschine-Mutation? Christiane Fürll hat hierzu eine ganz klare Antwort parat. „Wir sind der Mittelpunkt, nicht der Rollstuhl. Der ist für uns nur ein Sportgerät.“

Christiane tanzt, solange sie denken kann, zunächst Ballett, dann konventionellen Turniertanz im Bereich Standard-Latein, 1987 kam der Rollstuhl-Tanz dazu. Im Jahr 1989/90 übernahm sie die Tanzgruppe des Rollstuhlsportclubs Frankfurt als Trainingsleiterin.

Wolfgang hatte nach einem Unfall im Jahr 1986, der zu seiner Querschnittslähmung führte, Schwierigkeiten, eine neue Sportart für sich zu entdecken und die er gemeinsam mit seiner Frau ausüben konnte. Auch hier ist wieder der Zufall im Spiel: Er wurde in der Klinik in Frankfurt behandelt, die an das Reha-Zentrum angeschlossen war, in welchem Christiane die Rollstuhltanzgruppe unterrichtete. 1995 kam es dann zu ersten gemeinsamen Tanzexperimenten, auch der Tango lag im Grunde schon in der Luft. „Ich habe zu der Zeit meinen ersten Tango-Workshop bei Gabriel Sala gemacht, zusammen mit meinem Papa, der großer Piazzolla-Fan war“, erzählt Christiane. 1998 erst entwickelte sie dann erstmalig zusammen mit Wolfgang eine kleine Tango-Choreographie vor Publikum. Wolfgang lacht. „Ich konnte damals mit der Musik überhaupt nichts anfangen, die war einfach nur schrecklich für mich. Wir haben uns natürlich feste Figuren ausgedacht – so wie wir das heute machen, einfach nur loslegen, da wär‘ ich damals wahnsinnig geworden!“

Christiane Fürll und Wolfgang Schneider beim Workshop im November 2007 in der Fürst Donnersmarck-Stiftung - Rollitango. Mit TeilnehmerInnen.

Foto: Torsten Moebis

Neben den Auftritten und dem Turniertanz unterrichten sie auch gemeinsam Rollstuhltanz und seit neuestem auch Kurse ausschließlich zum Thema Tango. Neben der jahrelangen tänzerischen Arbeit kommen ihnen in den Workshops auch ihre „Brotberufe“ zupass, denn beide arbeiten beinahe umfassend in allen Bereichen, die das Thema Körper/Wahrnehmung und Behinderung berühren. So hält Christiane als Physiotherapeutin und Medizinjournalistin auch Vorträge zum Thema und hat gemeinsam mit Wolfgang ein Buch im Jahr 2000 veröffentlicht, „Sexualität trotz(t) Handicap“ (leider vergriffen).

Wolfgang bietet Beratungen und Schulungen zu Mobilitätsfragen von Behinderten an, sei es gegenüber Privatleuten oder Firmen. Beide sehen speziell im Tango eine perfekte Ergänzung ihres Arbeitskonzeptes mit und im Umfeld von Behinderten: Musik und Tanz sprechen neben der körperlichen Bewegung auch die Gefühlsebene an und können so – neben dem Spaßfaktor – durchaus auch physio- und psychotherapeutischen Nutzen entfalten, wie Wolfgang ausführt. „Viele Rolli-Fahrer, je nach Behinderung, haben auch Probleme, sich selbst, ihren eigenen Körper zu spüren. Dem kommt der Tango sehr entgegen, weil man einfach stark in sich hineinhören muss.“

Christiane und Wolfgang sind ganz anders als konventionelle Tangolehrer in ihren Workshops in aller Regel vor die mehr als komplexe Aufgabe gestellt, die unterschiedlichsten körperlichen Voraussetzungen wie auch tänzerischen Vorerfahrungen der Teilnehmenden unter einen Hut zu bringen.

„Rolli-Fahrer sind natürlich nicht alles superfitte, bewegliche und niedrig gelähmte Menschen, die zufälligerweise im Rollstuhl sitzen. Es gibt einfach sehr viele Menschen mit multiplen Behinderungen, Skoliosen, verminderten Armfunktionen, etc. Darauf müssen wir im Workshop ganz individuell eingehen. Es ist für das Tanzen auch ein Unterschied, ob Du in einem handbetriebenen Rollstuhl oder im E-Rolli sitzt“, erklärt Christiane die Schwierigkeiten solch heterogener Anforderungen an die Workshop-Leiter.

Foto: Torsten Moebis

Foto: Torsten Moebis

Zudem sind für die Übersetzung des Tango in die Bewegungssprache des Rollstuhls, als Fortsatz des bewegten Körpers anstelle der Füße, Übertragungsleistungen notwendig, die sich in den Dimensionen des Raumes und auch des Tänzerkörpers als bewegtem Objekt im Raum, respektive seinem Kopf erstrecken: Die Schreitbewegung, das „caminar“ des Milongueros, mythisch von Alters her als die Essenz des Tango in Noten gemeißelt, wird zum „rodar“, zum lautlosen Gleiten und Fließen des beräderten Objekts. Dabei kommt die Gleitbewegung des Rollstuhls dem rhythmischen Fluss des Tango durchaus entgegen. Die taktbetont gespielten Stücke der Goldenen Ära erweisen sich mit ihren akzentuiert gesetzten Schrittpartien allerdings als weniger geeignet als das melodiöse Fließen von Tango Nuevo bis Neo- oder gar Elektrotango.

„Wir versuchen immer, relativ nah an den Figuren zu bleiben, die auch Fußgänger-Paare tanzen. Das klappt natürlich nicht immer“, vergleicht Christiane ihre Erfahrung in beiden Bewegungsbereichen, so ist nicht nur der Bewegungsradius des Rollstuhls wie auch des gesamten Paares auf der Tanzfläche ein wesentlich größerer, sondern auch die Dynamik eine andere, ganz abgesehen davon, dass die Führung zwischen den beiden Tanzenden aus praktischen Erwägungen ganz zwangsläufig fließend wechseln muss. „Bei bestimmten Figuren ist der Führungswechsel notwendig, damit Wolfgang stabil im Rollstuhl bleibt“, erklärt Christiane die für konventionelle Milonguero(a)s ungewohnte Konstellation.

Auch das Thema „Nähe“ gewinnt hier andere räumliche Dimensionen, da das frontal leicht versetzte Gegenüber in der Salonumarmung im Rollstuhltanz um beinahe eine ganze Körperbreite zur Seite versetzt und der Körperkontakt ausschließlich über die beiden rechten Körperseiten der Tanzenden hergestellt wird. Interessant ist hierbei, wie stark das Konzept der Oberkörperspannung im Tango tatsächlich trägt, denn auch über die größere Distanz und die seitliche Versetztheit hinweg ist es möglich, die Einheit der Bewegung, den Kontakt über die Zueinanderwendung der Oberkörper, des Solarplexus und mithin des Bauchgefühls-Zentrums herzustellen.

Foto: Torsten Moebis

Foto: Torsten Moebis

Damit nicht genug, sind auch andere Paarungen vorstellbar, nämlich zwei miteinander tanzende Rolli-Fahrer(innen), im Rollstuhltanz klassischerweise „Duo“ genannt – oder auch ein führender Fußgänger, kombiniert mit einer folgenden Rollifahrerin. So wie Andrea und Rolf aus Berlin-Lichtenberg, die im Frühjahr auf einem Workshop von Wolfgang und Christiane (Tango-)Blut geleckt haben.

Lange sahen beide keine Chance, ihrer Liebe zum Tanzen zu frönen, denn Andreas Behinderung aufgrund von Kinderlähmung im Kleinkindalter verstärkte sich zunehmend, so dass sie vorrangig auf den Rollstuhl angewiesen ist. Erst die stark auf Kontakt-Improvisation basierende Methode „DanceAbility“ des US-Amerikaners Alito Alessi, der ebenfalls Behinderte und Nichtbehinderte in Tanzworkshops zusammenbringt, eröffnete den beiden neue Dimensionen der tänzerischen Bewegung – wie sie sagen, hat die dort vermittelte Vielfalt der Bewegungsarten ihnen geholfen, sich auch im Kopf von den Bildern konventioneller Tanzbewegungen zu befreien.

Die zweistündige Einführung von Christiane und Wolfgang zum Tango Argentino, damals im Frühjahr, hat sie so begeistert, dass sie die Erfahrung vertiefen wollten, also suchten sie in Berlin nach einer barrierefreien Milonga. Sie fanden zunächst das „Tango-Café“ im „Radialsystem“, zwar nicht stufenlos zu erreichen, aber Solar Suntay, der Veranstalter, bot ihnen Tangounterricht in seinem barrierefrei erreichbaren Studio an. „Solar hat uns einige wichtige Impulse vermittelt“, sagt Andrea, „wir fangen jetzt gerade an, die Musik richtig zu hören.“

Zwangsläufig ist es aber für die meisten Tangolehrer schwierig, die beiden zu unterrichten, denn die Übertragung des Bewegungkanons des „Schreitens“ auf den des „Rollens“ jenseits einfacher Grundfiguren ist so ohne weiteres nicht möglich. Ein Tangolehrer hat im Zweifelsfall keine Ahnung von der Dynamik des Rollstuhls und müsste von der einen Formensprache auf die andere komplett neu denken: eine Schere, die sich im Kopf eines jeden tanzenden „Fußgängers“ aufmacht. Sie ist nur durch eigene Bewegungserfahrungen im Rollstuhl aufzufangen, so wie dies viele „Fußgänger“ tun, die mit Rollifahrern tanzen: sie können flexibel auf den Rollstuhl umsteigen und mal eben auch „Duo“ tanzen.

In gewisser Weise sind Christiane und Wolfgang als Tanzlehrer wie auch als fortgeschrittene Tänzer also Pioniere auf dem Gebiet des „Rolli-Tango“. Standard-Rollstuhltanzclubs gibt es im deutschsprachigen Raum schon seit einigen Jahren, es hat sich seit Beginn der 90er Jahre ein Bewegungskanon in den verschiedenen Standardtänzen etabliert, aber mit dem Tango Argentino be-(rollen)schreiten sie definitiv Neuland.

Beide hoffen, dass „sich die Tangoszene die Offenheit bewahrt“, so ihr Fazit, die sie dort in den letzten Jahren erlebt haben und wünschen sich vielleicht ein kleines bisschen mehr Bewusstheit seitens der Milongaveranstalter, dass es auch Menschen im Rollstuhl gibt, die gerne Tango tanzen (würden). Nicht allein an Größe fehlt es vielen Locations, sondern auch am Rollstuhlgerechten Aufgang, ganz zu schweigen von den Toiletten. „Hier in Berlin haben wir schon ordentlich nach einer Milonga suchen müssen, die für uns machbar ist.“ Gefunden haben sie immerhin das ebenerdig erreichbare Walzerlinksgestrickt sowie das Tangoloft und das Ballhaus Rixdorf, die beide mit einem Aufzug versehen sind, danach kommt erst mal lange nichts.

Liebe Veranstalter, wie rollstuhlgerecht ist eigentlich eure Milonga? Schon mal drüber nachgedacht?

Rollstuhltanz aus der Froschperspektive, Torsten Moebis in Action.

Voller Körpereinsatz: Fotograf Torsten Moebis in Action. Ort: Tangoloft 2007. Foto: Lorenz Kienzle

Christiane Fürll und Wolfgang Schneider sind über ihre Webseite dancetwo.de erreichbar, unterrichten jedoch derzeit leider keinen Rollstuhltango.

Die Fürst Donnersmarck-Stiftung gibt regelmäßig das Magazin „WIR“ heraus, über Themen, die Menschen mit Behinderung bewegen. Aktuelle und Archiv-Ausgaben können online eingesehen werden, und zwar hier…

Internationales Netzwerk von Alito Alessi, das über das Tanzen mit und ohne Behinderung weltweit informiert: danceability.com

Erstveröffentlichung: Tangodanza N0. 3-2008

 

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Tango Mobil

Zwei Apps erleichtern seit Neuestem die Tanzplanung in Berlin

Screenshot iPhone (privat)

Screenshot iPhone (privat)

Hoy Milonga Berlin“ und die „Tango App Berlin“ bereichern seit rund einem halben Jahr die Palette an Möglichkeiten, sich in der europäischen Tangohauptstadt milongamäßig zu orientieren. Das ist eine wunderbare Ergänzung zu den existierenden Datenbanken und Terminkalendern, die bislang online bzw. als Flyer oder Magazin erhältlich sind, insbesondere für Berlinbesucherinnen und -besucher, die mit leichtem Gepäck reisen.

Jede hat ein oder zwei entscheidende Vorteile, die für oder gegen ihre Nutzung sprechen. Ich vermute schwer, dass letztendlich subjektive Vorlieben entscheiden werden, mit welcher App ein Tänzer oder eine Tänzerin lieber agiert. Beide Apps sind übrigens sowohl für Apple-Geräte erhältlich als auch im Google Play Store.

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1. Hoy Milonga Berlin

Hoy Milonga Apps existieren für viele verschiedene Städte, neben Buenos Aires, New York und Berlin gibt es auch eine Hoy-Milonga-App für NRW. Die Internationalität der Entwickler führt dazu, dass auch Hoy Milonga Berlin in vier Sprachen erhältlich ist: Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch. Ein echtes Plus für Touristinnen und Touristen.

Entwickelt wurde die App ursprünglich in Buenos Aires von Héctor Villar. Bei einem Besuch entdeckte Jan-Henrik Schlottke aus Berlin die App und war so begeistert, dass er sie für Berlin übernehmen wollte. Da er aus der Branche kommt, also hauptberuflich als Administrator für Applikationen und Datenbanken arbeitet, stellte das für ihn technisch auch keine große Herausforderung dar. Gemeinsam mit Héctor hat er sie für die deutschen User angepasst und betreut sie seit ihrem Launch Anfang Juni 2014. Host ist nach wie vor Héctor in Buenos Aires, der als einzige Bedingung an die internationale Übernahme der App knüpfte, dass diese kostenlos und werbefrei bleiben muss und dass die Kontinuität der Datenpflege gewährleistet sein muss. Er greift auf die Datenbasis von tangokultur.info zu, hält die App aber auch mit Terminen und Informationen Up-to-Date, die ihm direkt übersandt werden – unterstützt von seinem alten Freund Uwe, der immer dann aushilft, wenn gerade Not am Mann oder Jan in Urlaub ist.

„Hoy Milonga Berlin“ ist im Vergleich zur Tango App Berlin schlanker, was die Datenbank angeht, sie zeigt tatsächlich nur die aktuellen Tanzevents an und zwar für sieben Tage. Auf den ersten Blick sieht die Nutzerin oder der Nutzer, welche Milongas in welchem Bezirk zum aktuellen Datum laufen, wann sie beginnen und wie hoch der Eintritt ist. Nähere Informationen zur Veranstaltung lassen sich mit einer Berührung erfassen. Und wer sich in der Stadt nicht gut auskennt, kann sich via GPS-Daten (sofern eine Internetverbindung besteht) direkt zur gewünschten Milonga-Location lotsen lassen. Das ist äußerst praktisch: die App greift direkt auf die geräteeigene Karte zurück und definiert dazu den eigenen Standort. Ein weiteres Plus ist darüber hinaus, dass sie offline verfügbar ist, also gerade für Reisende eine ideale Informationsmöglichkeit bietet, wenn sie sich gerade in Gebieten mit instabilem Netz bewegen.

Hoy Milonga Berlin ist das ideale Tool für alle Tänzerinnen und Tänzer, die einfach nur tanzen gehen und auf einen Blick alle wichtigen Informationen zu den Locations überblicken möchten.

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2. Tango App Berlin

Die Tango App Berlin wurde Anfang April 2015 gelauncht. Sie trägt nicht nur das Logo von tangokultur.info, sondern bildet auch alle berlinrelevanten Informationen in Sachen Tango ab, die online unter tangokultur.info zu finden sind. Das sind neben den Milongas (deren Listung identisch mit der in Hoy Milonga Berlin ist) auch Events wie Live-Konzerte, Festivals etc. Darüber hinaus finden sich im Eingangsmenü auch Links zu Workshops sowie zu den Neuigkeiten, registrierten Tangoschulen und Tangoreisen, d. h. die App ist im Prinzip die für die mobile Nutzung optimierte Anwendung der Webseite. Gegenüber der Online-Version des Terminportals hat die App aber darüber hinaus den Vorteil, dass sie auf englisch erhältlich ist. Ob in der englischen Version auch alle Newstexte tatsächlich auf englisch übersetzt abgebildet werden (und wie akkurat das dann ist), habe ich nicht geprüft.

Was ich persönlich als störend empfinde, ist, dass man über die GPS-Daten der Locations auf google maps weitergeleitet wird, was eine gewisse Zeitverzögerung bedeutet, gerade bei gedrosselter Internetverbindung. Die Kartenanbindung ist bei Hoy Milonga Berlin definitiv leichter zu navigieren und integriert sich nahtloser in die App. Auch die Installation der Google-Maps-App nützt hier wenig: aus der Tango App Berlin wird man erst mal ins Internet geschickt und muss dann wieder umständlich zurück zur App. Das bedeutet also auch: offline ist die App nutzlos. Dieses Feature gilt es sicherlich in Zukunft zu überarbeiten, um die App leichter bedienbar zu machen.

Darüber hinaus empfinde ich die Navigation als etwas umständlich: aus dem Eingangsmenü landet man zunächst in einem Wochentagsmenü, bei dem man sich für einen Tag entscheiden muss. Das ist unpraktisch, wenn einfach nur eine Milonga für den aktuellen Tag gesucht ist. Bei Hoy Milonga Berlin landet der Nutzer bzw. die Nutzerin gleich im aktuellen Tag. Weitere Tanztermine erschließen sich dort, im Gegensatz zur Tango App Berlin, durch Herunterscrollen. Das ist wesentlich bedienfreundlicher.

Abgesehen davon: wer fremd in der Stadt ist und sich nicht allein wegen der Lage der Milonga in relativer Nähe zur eigenen Unterkunft für eine Location entscheiden möchte, sondern einfach wirklich den „heißen Scheiß“, die angesagteste und interessanteste Milonga finden möchte, der oder die sollte sich bei der Facebook-Gruppe „Wo tanzt Du heute abend Tango in Berlin“ umsehen oder eine gezielte Frage abschießen. So lassen sich ja vielleicht sogar noch interessante Facebookkontakte knüpfen, die sich am Abend auf der Milonga womöglich privat vertiefen lassen….

 

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Spiel mit Genregrenzen

Die Berliner Sängerin Hanna Tiné im Porträt

HannaTiné Foto: c Sebastian Geyer, 2014

Foto: Sebastian Geyer, 2014

Ein Solo-Auftritt von Hanna Tiné lässt Tango- und Chansonfans selten unbewegt: die Sängerin und Gitarristin, die vor rund sieben Jahren den Tango als musikalische Ausdrucksform für sich wiederentdeckte, rührt an die uralte Sehnsucht, die auch den Tango umtreibt, tief in den Seelen all jener, die sich mit Leichtsinn ihrem Gesang ausliefern. Die „Queen of Klezmer“, Irith Gabriely, bescheinigte ihr als Teenager schon eine „2000 Jahre alte jüdische Seele“, und das mag der Grund für die bittersüße Schwere sein, von der auch ihre vielschichtigen Tangointerpretationen durchzogen sind.

Die Gitarre ist für Hanna dabei mehr als ein bloßes Begleitinstrument, sie ist ein gleichwertiger Dialogpartner für ihre Stimme. Komplexe Arrangements begleiten diese auf ihrer facettenreichen Reise vom dramatischen Tango Recital („Volver“, „El dia que me quieras“, „Malena“), über die Klassiker des Tango Nuevo („Loco“, „Yo soy María“) zu überraschenden Tango-Fusion-Hybriden aus dem Bereich der Weltmusik und des Chansons („An Englishmen needs time“ von Eartha Kitt, „La Foule“ von Edith Piaf, „Pata Pata“ von Miriam Makeeba).

Foto: Sebastian Geyer, 2014

Foto: Sebastian Geyer, 2014

Als Erzählerin führt Hanna durch den Abend und schlüpft von Stück zu Stück in unterschiedliche Charaktere, die einen sehr persönlichen Zugang zu ihrem gewissermaßen konzertant erzählten Tango erlauben. Ihre variationsreiche Stimme setzt sie fantasievoll und an den richtigen Stellen gekonnt frech in Szene. Mühelos wechselt sie von einer Stimmung in die andere: Ist es eben noch eine selbstbewusste, sehr klarsichtige María de Buenos Aires, mit der es der Zuschauer zu tun hat, so steht im nächsten Moment beinahe übergangslos die grandios komische Parodie eines italienischen Tenors auf der Bühne.

Sie spielt bewusst mit Genregrenzen und subvertiert damit das Leiden an der Welt, das der Tango in seiner Melancholie verinnerlicht hat. Fein nuanciert, mit dem richtigen Gefühl für Zwischentöne, deckt sie die Tragikomik auf, die in vielen alten Tangotexten verborgen ist, etwa in Tita Merellos „Se dice de mi“. Ohne Zweifel ist es ihr großes komödiantisches Talent, das solche Wechsel ohne Brüche in der Dramaturgie des Abends möglich macht.

Hanna Tiné sammelte bereits früh in ihrem Leben schauspielerische Erfahrungen auf der Bühne ihrer Geburtsstadt und das mag der Grund dafür sein, dass sie in der Lage ist, Musikalität und Theatralik zu einem derart feinmaschigen Netz während ihrer Auftritte zu verweben. Bereits im zarten Alter von 8 Jahren wird sie für erste Gesangspartien am Staatstheater Darmstadt angeworben (u. a. Werther, Das schlaue Füchslein). Etwa zeitgleich beginnt sie ihre instrumentale Ausbildung in klassischer Gitarre. Am Staatstheater übernimmt sie auch umfangreichere Schauspielpartien, u. a. an der Seite des zweifachen Grimme-Preisträgers Sebastian Koch („Das Leben der Anderen“).

Irith Gabriely, Foto: Hannelore Anthes

Irith Gabriely, Foto: Hannelore Anthes

„Ich fühlte mich damals sehr stark zum Theater hingezogen. Als Kind verbrachte ich meine gesamte Freizeit im Theater, meine Hausaufgaben machte ich in der Kantine“, erinnert sich Hanna Tiné. Später, als Jugendliche, zieht es sie hinter die Bühne, sie hospitiert in den Bereichen Regie, Dramaturgie und Öffentlichkeitsarbeit, doch ihre eigentliche Leidenschaft bleibt die Musik. Irith Gabriely, die damals erste Klarinettistin am Staatstheater Darmstadt ist, lockt Hanna Tiné in einen Klezmer-Workshop und ist von ihrem ausdrucksstarken Gesang und ihren Fähigkeiten an der Gitarre so begeistert, dass sie der Siebzehnjährigen spontan anbietet, mit ihr ein Klezmer-Duo zu begründen.

In den kommenden fünf Jahren folgen zahlreiche gemeinsame Auftritte in Deutschland und Israel. Parallel absolviert sie eine Gesangsausbildung und gestaltet erste Chanson-Programme. Eine sich anschließende langjährige berufliche Tätigkeit abseits der Bühne in London und ein Studium der Sozialwissenschaften verschaffen ihr als junge Erwachsene die notwendige Reife, um ihre Herangehensweise an die Musik mit der Bedeutung anzufüllen, die heute darin zu finden ist.

Vom Klezmer der frühen Jahre zu ihrer derzeitigen musikalischen Passion, dem Tango, erscheint der Schritt nicht allzu groß. Für Hanna Tiné gibt es zahlreiche Verbindungslinien zwischen Klezmer und Tango, eigene, biografische, aber auch Parallelitäten aus musikhistorischer Sicht. „Der israelische Klezmer wie auch der argentinische Tango wurden in ihrer Entwicklung sehr stark von musikalischen Einflüssen unterschiedlicher Volkskulturen geprägt. Freude und Leid liegen in beiden musikalischen Traditionen nah beieinander und beide sprechen die Emotionen auf sehr tiefgründige Weise an“.

Foto: Sebastian Geyer, 2014

Foto: Sebastian Geyer, 2014

Die Inspiration für den Wechsel in eine neue musikalische Richtung gibt Hanna Tiné im Jahr 2008 die Begegnung mit Marta Carrizo in Berlin. Die gebürtige Argentinierin war Solistin am Teatro Colón in Buenos Aires und engagiert sich heute in Berlin für die lateinamerikanische Oper. Wer sich im Bereich Gitarre und Gesang mit dem Tango beschäftigen will, ist bei ihr in den besten Händen. Etwa zeitgleich beginnt Hanna Tiné auch tänzerisch mit dem Tangounterricht, sie will die Musik, den Umgang mit der Dynamik und Rhythmik des Tangos, mit dem ganzen Körper erfahren. „Das mag damit zusammenhängen, dass ich mich als Jugendliche so stark für das Schauspiel interessiert habe“, erzählt Hanna Tiné. „Auch weil ich das Gefühl hatte, dass ich mit der Musik meinem Interesse am Spielen in jeder Hinsicht nachgehen kann, ob über den körperlichen oder den musikalischen Ausdruck.“ Seine Spannung, die innere Zerrissenheit, aber auch sein Potential Gegensätze zu vereinen, haben ihr Interesse am Tangotanz wie an der -musik bis heute nicht erschöpft.

Die emotionale Intensität, die die Beschäftigung mit dem Tango bisweilen annehmen kann, in einem Gespräch mit Hanna Tiné ist sie deutlich herauszuhören. Ebenso wie aus ihrer Musik. Einen Solo-Abend mit ihr sollten sich Fans des Tango Canción daher nicht entgehen lassen.

Zur Homepage von Hanna Tiné mit Klangbeispielen geht es hier…

Anstehende Live-Termine, z. B. am 26.06.2015, 19.00 Uhr in der Galerie world in a room in Schöneberg.

 

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Musical oder Grusical?

"Tanguera" on Tour, Foto: Herbert Schulze

„Tanguera“ on Tour, Foto: Herbert Schulze

Alle Jahre wieder in der Spielzeitpause der großen Bühnen tourt die eine oder andere Gastspielbesetzung großer Musicals durch die Lande. Im Sommer besonders beliebt: vermeintlich „heiße“ Gastspiele lateinamerikanischer Tourneetruppen. Dieses Jahr zur Abwechslung mal wieder: „Tanguera“, ein Tango-Musical aus Buenos Aires, das vor lauter Tangoklischees nur so strotzt. Für Tanzfans ist es auf jeden Fall einen Besuch wert, Menschen, die Piazzolla, Mosalini und sonstige Erneuerer der Tangomusik schätzen, sollten allerdings einen großen Bogen um das Stück machen. Im Jahr 2006 hab ich die Deutschlandpremiere des argentinischen Musicals in Hamburg gesehen und erinnere mich an das eine oder andere Detail mit Schrecken.

Die Show als solche ist perfekt inszeniert (Omar Pacheco), ein Ehrfurcht hervorrufendes, aufwändiges Lichtdesign (Ariel del Mastro) nebst großflächiger Projektionen am Bühnenhorizont im geschmackvollen, nicht folklorisierenden, aber auch nicht zu abstrakten Bühnenbild (Valeria Ambrosio) bietet genau den richtigen Hochglanz-Rahmen für mehr als 30 Tänzer (Choreographie: Mora Godoy, die u. a. schon in „Tango por dos“ tanzte). Vor denen möchte man samt und sonders in die Knie gehen und weinen, wenn man sich irgendwann mal in seinem Leben mit dem Erlernen dieses nicht ganz so einfachen Tanzes befasst hat. Im Gegensatz zur Tour im Jahr 2006 scheint diesmal auch ein Live-Orchester dabei zu sein, unter Leitung des Arrangeurs und Bandoneonisten Lisandro Adrover. Nicht dass das in irgendeiner Form die miese klischeehafte Komposition verbessern würde…

Klischeehafte Bordellszene par excellence,  Foto: Manuel Navarro

Klischeehafte Bordellszene par excellence, Foto: Manuel Navarro

Nicht verwechseln sollte man das Musical „Tanguera“ übrigens mit dem vom WDR mitproduzierten gleichnamigen Film aus dem Jahr 1989 mit Tangostar Silvana Deluigi in der Hauptrolle und Ausnahme-Bandoneonist Juan-José Mosalini an den Tasten und Knöpfen; auch der grandiose Soundtrack zu jenem Film hat so ganz und gar nichts mit der weichgespülten Muscial-Mucke zu tun, die in Hamburg zu Gehör gebracht wurde. Mit Verlaub – Muscial-Mucke der weniger erträglichen Kategorie, da gibt es schließlich solche und solche. Ich meine das hier durchaus als Beleidigung.

Ein optisches Highlight sind jedoch die fantastischen, gar nicht klischeehaften Kostüme, entworfen von Cecilia Monti, die gezielt dem Tourneepublikum mit der argentinischen Erotik einheizen sollen. Das gelingt, die knackigen Tänzerinnen-Ärsche und die bis zum Himmel reichenden Beine sind neben dem hervorragenden Tanzprogramm ein großer ästhetischer Genuss.

Nett anzusehen sind sie, die Tänzerinnen, Foto: Manuel Navarro

Nett anzusehen sind sie, die Tänzerinnen, Foto: Manuel Navarro

Ebenfalls positiv zu bewerten ist der Umstand, dass „Tanguera“ nicht einfach nur ein Potpourri aneinandergereihter Showtänze präsentiert, sondern den Versuch unternimmt, das Nummernprogramm mit Inhalt zu unterlegen. Kennt man die grandiose Operita „María de Buenos Aires“ von Astor Piazzolla, weiß man jedoch, dass dieser Anspruch scheitern muss, wenn das Buch von Anfang an auf eine materiell aufwendige Großproduktion zugeschnitten wird, besitzt der Autor oder die Autorin nicht das Format von Andrew Lloyd Webber. Letztlich ist die Story eine Mischung aus „West Side Story“ und „La Bohéme“, hat auch ein wenig was von „Porgy and Bess“, und würde darüber hinaus mit allen erdenklichen Tangoklischees und einer guten Prise Kitsch verquirlt. Nun ja, es soll zwar unterhalten, aber ich denke mir: unterschätzen die Produzenten nicht ihr Publikum? Schließlich unterhalten auch ein Brecht und ein Weill seit Jahrzehnten mit der „Dreigroschenoper“, ohne dass sich jemand über zuviel Intellektualität beschweren würde.

Der Inhalt von „Tanguera“ (Buch: Dolores Espeja und Diego Romay, der zugleich produzierte), der in neun Bildern aufgefächert wird, ist schnell erzählt: Giselle, ein hoffnungsfrohes junges, naives (französisches) Ding, wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit falschen Eheversprechungen vom fiesen Zuhälter und Drogenhändler Gaudencio nach Buenos Aires gelockt, wo sie – Na wo wohl? – klaro: im Bordell landet und die ganze Zeit Tango tanzen muss. Die Ärmste. Weil sie aber so großartig tanzt, liegen ihr sofort alle zu Füßen. Dann will sie mit dem guten, arbeitsamen Hafenarbeiter Lorenzo, der sie aufrichtig liebt, dem Sündenpfuhl entfliehen, was natürlich nicht funktioniert, weil Gaudencio dahinterkommt und Lorenzo im Zweikampf ersticht. Gäääähn.

Am Ende wird eine Brücke zum Anfangsbild geschlagen, der Ankunft von Giselle: ein Schiff kommt an, eine junge Frau schreitet die Gangway hinunter, direkt in die Arme von Gaudencio, das Spiel wiederholt sich, doch diesmal ist Giselle als ebenbürtige Partnerin an seiner Seite, abgebrüht, ein eiskalter Engel. Wenn sie ihrem Schicksal schon nicht entfliehen kann, nimmt sie es an und gestaltet es so, wie sie selbst am besten damit leben kann. Ein angenehm zeitgenössischer Gedanke.

 

 
Leider ermüdet das komplett ohne Worte auskommende Libretto, die Tanznummern nutzen sich zur Mitte hin ein wenig ab, wenn man denn genug Drehungen, Sprünge, Hakeleien und Erotik gesehen hat, doch gnädigerweise kommt das Ende der überraschend kurzen Show (unter 90 Minuten) schnell, so dass die kleine Durststrecke schnell überwunden ist. Immerhin: der fehlende Text bedeutet, dass sowohl Inhalt als auch Emotionen ausschließlich über den Tanz transportiert werden müssen, was gelingt, eine Leistung, die wohl der Choreografin Godoy zuzuschreiben ist. So gesehen trifft die Bezeichnung „Musical“ denn nicht so gut als viel mehr „Dansical“ oder auch „Tango-Ballett“, denn musikalische Glanzlichter gibt es leider wenige, wenn auch die jeweiligen musikalischen Stimmungen die Story gewissermaßen vorantreiben.

Arrangeur Lisandro Adrover, der bereits für „Tango Argentino“ verantwortlich zeichnete und als Musiker im Pugliese-Orchester spielte, verrührt leider den Tango zu einem durchgängig derart matschigen, zeitgenössisch-pseudo-ohrgefälligen Klangteppich ohne Höhepunkte, dass es nur so graust. Die eine oder andere bekannte Melodie scheint hervorzublitzen, säuft im orgeligen Musical-Kitsch aber sofort wieder ab. Die CD zur Produktion ist tunlichst zu meiden! Einzig wahrer und echter musikalischer Höhepunkt war 2006 die Sängerin Marianella Massarotti, die als eine Art Erzählerinnen-Figur durchs Geschehen führte, aber leider nur Gelegenheit hatte, drei Songs zum Besten zu geben – sie war diejenige, die das musikalische Ruder mit ihrer zu Herzen gehenden Stimme wirklich herumriss. Ob sie auch bei der diesjährigen Tournee mit dabei ist, weiß man nicht.

Trotz der fiesen Partitur ist die Show durchaus eine gelungene Abendunterhaltung in Kombination mit gutem Essen, Wein und einer schönen Milonga im Anschluss, für die sich auch eine etwas weitere Anreise lohnt.

Termine:
13.08.-24.08.2014 Hamburg, Staatsoper
21.10.-26.10.2014 Berlin, Admiralspalast
28.10.-02.11.2014 Zürich, Theater 11

Vorverkauf:
Telefonisch in Deutschland: 01805/2001 (0,14 €/ Min. a. d. dt. Festnetz, Mobilfunk max. 0,42€/ Min.)

Telefonisch in der Schweiz: +41 900 / 800 800 (CHF 1.19/Min. ab Festnetz).

>>>hier online sowie an allen bekannten Vorverkaufsstellen

Infos auf deutsch >>>hier

Informationen zur Show in englischer und spanischer Sprache: www.tanguera-musical.com

 

Erstveröffentlichung des Textes in leicht veränderter Form 09/06 auf tangokultur.info

 

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…kein bisschen leise

Ein Beitrag zum 29. Bühnenjubiläum von Stravaganza

 

Der Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie ist das „Kleine Haus“ im berühmten Ensemble des Architekten Hans Scharoun. Musikfreundinnen und -freunde von nah und fern veranlasste es noch heute ob des Wirkens Herbert von Karajans dazu, den Namen mit einem gewissen ehrfürchtigen Schaudern auszusprechen. Der Saal ist voll bis unter den Hutrand, tausend Plätze, ein gedämpftes Summen von Stimmgemurmel wie in einem Bienenschwarm.

Die Tangoformation YiraYira bringt die Masse mit flott gespielten Tangoklassikern schon mal in Schwung. Beim dritten Stück betritt von rechts ein Mann im Nadelstreifenanzug das kleine Stück Tanzteppich vor der Band, die Haare hat er zurückgegelt. Selbstverliebt und selbstvergessen tanzt er einen Tango mit sich selbst. Eine blonde Frau im hellblauen, weich fliessenden Kleid kommt von links auf ihn zugeschwebt – ein Raunen und erlöstes Seufzen wie nach langer spannungsvoller Wartezeit murmelt sich durch tausend Kehlen im Publikum. Unschlüssig spielt sie mit den Fingern hinter ihrem Rücken, spreizt sie wie ein Huhn, das den nächsten neugierigen Schritt auf den interessant vor ihr sich windenden Wurm plant. Sie umkreisen und bewegen sich schließlich leise lächelnd aufeinander zu, um mit ein bißchen zuviel Schwung und Ernsthaftigkeit dem Geschäft der Gancho- und Boleo-Produktion nachzugehen: Stravaganza.

Ulrike Schladebach und Stephan Wiesner sind Meister der minimalen Abweichung: der technisch hochperfektionierten und artistisch punktgenauen Abweichung von der Strenge des Tangoschrittes und seines damit verknüpften pflichtschuldig zu empfindenden hehren Tangogefühles. Diese winzige und doch bedeutsame Abweichung macht den Unterschied zwischen purer Tanzshow und mimisch-gestischer Interpretation auf.

Stravaganza - Ulrike Schladebach und Stephan Wiesner, Foto: Katja Schrader

Foto: Elke Schrock

Zweifellos, diese beiden dort im Kammermusiksaal tanzen Tango und doch mehr als das: sie tanzen Geschichten über das Leben, über Männer und Frauen, die Liebe und den Schmerz, kurz: sie tragen die Innenwelt der Tanzenden nach außen. Tosender Applaus und Jubelrufe prallen in wohlmodulierten Echos am Ende der Nummer von Wand zu Wand – Stravaganza haben offensichtlich ein echtes Fanpublikum angelockt, das sie sich in einem nun schon dreißigjährigen Wirken hart erarbeitet haben.

Seit 1999 füllen sie regelmäßig einmal im Jahr den Kammermusiksaal, kein leichtes Unterfangen, an diesem Abend erlebe ich ihn zum ersten Mal ausverkauft. Und doch nicht weiter ungewöhnlich für die beiden, die Liste ihrer Auftrittsorte und der Lobeshymnen in der Presse ist endlos: sei es im Varieté oder auf Tangofestivals (ein Höhepunkt: Montevideo 1996), als Gäste in diversen Spielfilmen und Dokumentationen über den Tango in den Neunzigern, als Tänzer in einer Schauspielproduktion des Nationaltheaters in Weimar oder in Maria de Buenos Aires an der Kieler Oper (1999) oder Gast-Choreographen der renommierten Deutschen Ballettcompagnie in Mecklemburg-Vorpommern.

Ohne Zweifel, dieses künstlerische Konzept ist aufgegangen und trägt sich selbst. Nicht ohne Kritik in der Tangoszene. Das nicht. Es gehört sich nicht, am geheimnisvoll glorifizierten Image der Tango-Leidenschaft zu kratzen. Gerade das ist es aber, was die beiden für viele wiederum sehr interessant macht.

Ich habe mich im Jahr 2005 für die Zeitschrift Tangodanza mit den beiden auf eine Reise in die Vergangenheit gemacht. Im Gepäck hatten sie eine kompromisslos eigene Tangophilosophie. Bedauerlicherweise kann ich das Gespräch nur auszugsweise wiedergeben, weil es in voller Länge den Rahmen sprengen würde. Es ist bis heute für mich eines der unvergesslichsten Interviews geblieben. Vor allem ihre Fröhlichkeit und Unbeschwertheit im Gespräch war ansteckend und transportierte für mich ganz viel von der Energie, die sie in ihre Auftritte und in ihren Unterricht legen. Nächstes Jahr feiern sie übrigens schon ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum…

Ein Gespräch aus dem Jahr 2005 – aber immer noch zeitlos aktuell aus meiner Sicht.

Ihr habt in diesen 20 Jahren viel gelernt, vor allem auch eure eigenen Manager zu sein. Tänzerisch habt ihr euren Zenit noch lange nicht überschritten, da ist noch jede Menge Lust zur Erneuerung zu sehen. Wo seht ihr euch selbst?

Ulrike: Eigentlich da, wo wir immer standen: zwischen sehr glanzvollen Welten und Zirkuszelten. Mit der Arbeit auf einem einsamen Dachboden – unserem Studio – oder mit 80 Tango-Leuten in irgendeiner Stadt. Wir sind nicht pur „Kammermusiksaal“ oder pur „Zirkuszelt“. Das ist das, was ich an dieser Arbeit sehr liebe.

Ungewöhnlich an euren Performances ist, dass ihr im Grunde nicht nur das Tangopublikum ansprecht, sondern euch auch andere Publikumsschichten erarbeitet habt.

Ulrike: 80% unserer Auftritte sind, würde ich sagen, außerhalb der Tangoszene. Wir müssen ja auch viel im Varieté-Bereich oder auf Galas so zwei-drei Nummern tanzen und dann muss es knallen. Es ist oft ein Milieu, wo der pure Tango gar nicht bestehen kann. Wir müssen immer unterhalten. Wir müssen schon eine Gratwanderung machen, da unser Programm für viele Veranstalter auch wieder zu abgründig ist. Es ist gar nicht so leicht, uns richtig unterzubringen.

Stefan: Es fehlt so ein bisschen die Schublade, in die man uns reinpacken kann. Das hängt natürlich von unserer eigenen Persönlichkeit ab, ohne dass uns dies immer so bewusst wäre.

Im Grunde reflektiert ihr durch eure Art zu tanzen schon den Tango. Könnte man auch sagen, ihr tanzt den „Subtext“ zum Tango?

Stravaganza - Ulrike Schladebach und Stephan Wiesner, Foto: Katja Schrader

Foto: Elke Schrock

Ulrike: Wir tanzen das, was hinter den Kulissen stattfindet, hat mal jemand gesagt. Das finde ich auch. Es ist nicht immer das, was die Leute vom Tango erwarten, das ist ganz klar. Wenn sich jemand mit Gedichten beschäftigt, wird der auch nicht immer nur drauf achten, schöne Reime zu machen, sondern geht auch irgendwann mal weiter. Daran liegt es auch, dass die Leute in der Tangoszene oft perplex sind und sagen, „Wo ist denn mein Tango?“.

Stephan: Ja, viele aus der klassischen Tangoszene sind irritiert, wenn sie bei uns „ihren Tango“ nicht entdecken. Es ist ja immer unheimlich schön, wenn man sehen kann, „Aha, die machen da auf der Bühne was, was auch ich mache oder gerne machen würde.“ Wir stellen das eigentlich eher auf den Kopf.

Ulrike: Wir benutzen ein ganz normales Schrittrepertoire.

Ihr habt einen unglaublich detaillierten Einsatz von Mimik und Gestik, wenn Ulrike hinter ihrem Rücken ihre Hand seltsam abspreizt, ist ja der hermetische Tangozauber schon aufgebrochen. Die Geste ist ein Kommentar.

Ulrike: Ja, das stimmt. Das ist wie im Schauspiel-Bereich, wenn man Körperübungen macht, also eine Bewegung anfängt und die immer wiederholt, und dadurch, dass man sie wiederholt, entsteht für einen selber eine neue Bewegung oder eine neuer Sinn. Wenn Stephan mir statt eines Ganchos 17 Ganchos zwischen die Beine setzt, kriegt es eine andere Bedeutung.

Stephan: Wobei wir’s dann nicht als Übung machen… (grinst)

Ulrike: Nein, das ist dann inszeniert. Und Mann und Frau sind eben nicht nur positiv und leidenschaftlich miteinander, Mann und Frau passen eigentlich nicht zusammen und deswegen entsteht eine Reibung oder Erotik oder auch eine Komik oder was Abgründiges. Das ist auch das, was ich toll finde am Tango, also nicht die glatte Fassade, sondern der Blick dahinter. Das sehe ich bei guten Tänzern übrigens immer. Also ein sehr tiefes Gefühl, welches ganz viele Gesichter haben kann.

Stephan: Leidenschaft hat ja auch eine dunkle Seite. Dieser Mythos um den Tango, was alles so schön und so positiv ist, das ist natürlich ein tolles Bild, aber wenn man abends auf eine Milonga geht, ist die Realität völlig anders. Viele Leute versuchen da was zu leben, was sie als Traum im Kopf haben. Aber die Realitäten, und das merken wir auch oft im Unterricht, sind unglaublich banal.

Ulrike: Ich glaube schon, dass dieses Berührende und dieses Innige und dieser klare Moment der Begegnung, dass dies alles sehr im Tango wohnt. Aber wenn man sagt, nur das darf es sein und das muss es sein, dann kommt man mit den Realitäten des Lebens, auch des Tangolebens irgendwie in die Quere, das passt einfach nicht. Ich hab’ auch ganz tolle Erlebnisse im Tango. Ich glaub, wenn man zum Ziel kommen will, nämlich zur Schönheit des Tanzes, dann muss man diese anderen Wahrheiten, die auch zum Leben gehören, mit einbeziehen, sonst passiert überhaupt nichts, sonst ist es nur Fassade.

Gibt es denn einen gewissen Rhythmus, in dem ihr neue Stücke entwickelt?

Ulrike: Wir müssen oft unter ganz komischen Bedingungen auf irgendeiner Silvesterparty auf rotem Teppich in irgendeiner Ecke eines Restaurants irgendwas abliefern oder auf goldenen Tischen tanzen, die uns hingestellt werden mit dem Argument, „Sie sind doch Profis, machen Sie mal.“ D. h. wir müssen unglaublich flexibel irgendwas daherzaubern und das prägt natürlich.

Stephan: Wir haben natürlich auch diese anderen Auftritte, neben Unterrichtsverpflichtungen, in der klassischen Tangoszene. Das ist dann immer so ein Eintauchen in eine andere Welt. Früher haben wir das eher weniger gemacht, aber es wird jetzt immer mehr. Viele denken, wir treten einfach nur auf.

Ulrike: … oder dass im Unterricht durch die Luft gesprungen wird.

Stravaganza - Ulrike Schladebach und Stephan Wiesner, Foto: Katja Schrader

Stravaganza 2014 – Auf weitere 29 Jahre… Foto: Katja Schrader

Stephan: Das ist natürlich Quatsch. Wir machen das, was für die Leute und auch für uns interessant ist. Nur das können wir auch verkaufen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass das, was wir in der Tangoszene machen, ziemlich polarisiert. Es gibt auch Leute, die sind so was von begeistert darüber, die sagen dann immer – endlich mal was anderes. Es gibt natürlich auch die, die sagen, das ist mir zu extrem, das ist nicht mein Ding. Ich glaube schon, dass wir ein bisschen spalten.

Ulrike: Es sind unheimlich viele Philister unterwegs, die sagen, so und so muss der Tango sein und das ist oft sehr kleinkariert. Lebendig sein, heißt für mich auch, übermütig sein, spielen, spielen dürfen, ohne dass jemand mit erhobenem Zeigefinger daneben steht. Tango hat viele Gesichter.

Habt ihr da graduelle Veränderungen in der Szene seit 1985 beobachten können?

Ulrike: Finde ich schon. Oft, wenn ich heute in einen Tangosaal hineinkomme, denke ich, mein Gott, ist hier eine Grabesstimmung, ich wechsle den Beruf.

Stephan: Das ist eigentlich klar, dass sich das verändert hat, weil damals gab’s überhaupt keine Reglementierungen, das war eine absolute Freiheit. Die Leute wussten auch gar nicht, wie’s richtig geht. Selbst die paar Argentinier, die sich hierher verirrten, wussten nicht, wie’s geht. Ich weiß noch, bei meinem allerersten Lehrer, da gab’s keine Base, der wusste auch gar nicht, was eine Base ist. Es spielte auch keine Rolle. Der hat irgendwie was gezeigt, so hin und her und kreuz und quer und wir fanden das alle aufregend, weil man das ja gar nicht gewohnt war zusammen zu tanzen.

Ulrike: Ich finde Chaos auch nicht gut. Es gibt ja inzwischen an jeder Ecke einen selbsternannten Tangolehrer, in irgendwelchen Fitness-Centern kann man Tango lernen. Jeder, der sich irgendwie knuffig fühlt mit dem Tango, denkt, ‚Es wird Zeit, dass ich dieses schöne Gefühl weitergebe‘. Sich auf den Tango einzulassen erfordert Geduld, Ausdauer und Präzision. Man muss trotzdem dabei atmen dürfen und auch seine Lebendigkeit ausdrücken können. Spiel und Form. Die Form ist natürlich enorm wichtig.

Zu den Anfängen zurück: 1985, wann und wie hat es mit Stravaganza begonnen?

Stravaganza - Ulrike Schladebach und Stephan Wiesner, Foto: Katja Schrader

Foto: Katja Schrader

Ulrike: Ich wollte mit meiner Schwester immer Tango lernen und es gab in der Tanzfabrik einen Carlos, der gab da Tangokurse. 1985 bin ich mit ihr hingegangen, da habe ich Stephan kennen gelernt und gleich sind wir aufeinander zugeströmt. (lacht) Durchaus auch mit einer gewissen Feindseligkeit, aber zielstrebig. Wir waren dann auch ein Paar. Ich war sehr verliebt in Stephan. Ich wollte erst vom Tango gar nichts mehr wissen, weil ich merkte, das schadet unserem Paarverhältnis. Dann habe ich aber gesagt, diesen Mann knacke ich nur, wenn ich mit ihm Tango tanze und hab’ mich ganz drauf eingelassen. Ich habe mein Studium beendet – Theaterwissenschaft – und dann kam der Moment, wo wir auf diesem Dachboden weitermachten. Es war erst mal sehr eckig, dort einen Alltag zu beginnen. Wir haben uns später getrennt, aber der Tango blieb.

Wie sieht denn Deine Geschichte aus, Stephan?

Stephan: Ich bin eher durch die Musik dahingekommen. Piazzolla war in Berlin, da kam ich zum ersten Mal mit der argentinischen Tangomusik in Berührung. Es gab auch ein paar Tänzer, die Workshops anboten. Dann bin ich auf diesen Carlos gestoßen. Zu der Zeit war er der einzige, der was angeboten hat. Eines Tages ging die Tür auf und Ulrike kam rein. Ich war schon ein halbes Jahr bei diesem Carlos. Es war dann so intensiv, dass es auf einer Schwelle stand, wo wir uns entscheiden mussten, was machen wir eigentlich damit. Es kamen Leute, die Unterricht haben wollten. Plötzlich hatten wir einen Kurs. Es kamen auch die ersten Anfragen für Auftritte. Dann die erste Reise nach Buenos Aires. Da waren wir sehr lange beim ersten Mal. 1989, drei Monate.

Ulrike: Wir waren zwar ganz frisch, gingen aber gleich zu Antonio Todaro und haben ihm gesagt, „Wir wollen übrigens nur Bühnentango lernen.“ (lacht) Dem war das egal, Hauptsache die Dollars kamen rein. Der war toll, wir haben heute noch Sachen von ihm, die richtig gut sind. Wir haben in Berlin auch mit Brigitte Winkler gearbeitet, sie war eine unserer ersten Lehrerinnen. Sie hat Bühnenprojekte gemacht, das war eine sehr schöne Verbindung, da durften wir gleich Muskeln zeigen. Wir arbeiten auch heute noch mit ihr zusammen.

Die Schlampenästhetik aus den Anfängen – hat sich damals schon so eine Art Grundgerüst etabliert, von dem man sagen kann, es existiert heute noch? So dieses ein kleines bisschen neben dem stehen, was die Argentinier immer ganz streng mit ihrem Tango machen?

Stravaganza - Ulrike Schladebach und Stephan Wiesner, Foto: Katja Schrader

Foto: Katja Schrader

Ulrike: Ja, immer. Wir haben uns ja ganz am Anfang überhaupt nicht an den Argentiniern orientiert. Wir waren der Tango. Es gab auch niemanden außer uns. Natürlich gab’s Leute, aber das waren alles Deutsche, die uns hassten. (lacht) Wir haben uns sehr innovativ gefühlt, auch sehr hip auf ’ne Art. Meine Kostüme sind auch heute noch anders.

Stephan: Das hängt wahrscheinlich auch mit der Tatsache zusammen, dass wir die einzigen waren, die mit diesem speziellen Interesse an den Tango herangetreten sind, nämlich den Tango zu lernen und dann als Mittel zu nehmen, um eigene Geschichten zu erzählen. Es gab keine Möglichkeit, sich zu orientieren. Wir konnten uns nur an uns selbst orientieren.

Ulrike: Wir waren in den ersten Jahren von einer unglaublichen Freiheit geprägt. Freiheit, Übermut, ein ganz großes Selbstbewusstsein. Und dieser Stress, der kam auch. Die anderen, die sagten, „Was Du da aber machst…“ und die Argentinier, die sagten, das wär‘ jetzt aber doch kein Tango…

Welche Rolle haben denn die Kostüme bei der Entwicklung eurer Ästhetik gespielt?

Ulrike: Kostüme haben höchstens auf dem Dachboden eine Rolle gespielt: wir hatten immer unglaubliche Trainingsklamotten an, wenig charmant. Ich tanze immer in Hosen und flachen Schuhen, das prägt meinen Tanz natürlich, er hat dadurch dieses Burschikose und Freche und jetzt habe ich ja auch ein Hosenkostüm –

Stephan: …eigentlich ist es ja umgekehrt, Du BIST burschikos und frech, deswegen trägst Du auch solche Sachen, eine andere Frau würde beim Training ein Kleid tragen.

Ulrike: Ich hab‘ extra für Dich heute ein Kleid angezogen!

Kann man sagen, dass ihr auf der Bühne nicht die Rollen an sich verhandelt, sondern dass ihr die Emotionen zwischen den Geschlechtern verhandelt?

Ulrike: Ja, eher so. Ich finde schon, dass wir über Grenzen gehen, ich hebe auch Stephan, dennoch sind wir sehr Mann und Frau. Ich kann auch mal ’ne lustige Nummer machen, wo ich als Mann auftrete, aber es ist nicht das, was ich in mir spüre oder was mich interessiert.

Stephan: Ich kann für mich sagen, dass ich eigentlich seit 20 Jahren meine Rolle behalten habe. Natürlich haben sich die Bewegungen verändert, aber im Prinzip bin ich dieser Rolle schon ziemlich treu geblieben.

Stravaganza - Ulrike Schladebach und Stephan Wiesner, Foto: Katja Schrader

Foto: Katja Schrader

Habt ihr Visionen?

Ulrike: Ich würde gerne Stücke machen. Das wäre für mich die nächste Station. Sich mit anderen Künstlern zusammen tun und in einem gemeinsamen Geist zu produzieren.

Stephan: Meine Hauptvision ist das, was ich in diesen 20 Jahren erfahren habe: dass wir immer besser tanzten. Das würde ich gerne noch 20 Jahre weiter so erleben. Und einen Trick finden, wie man es als Tänzer schaffen kann, seine Bewegung immer mehr zu verfeinern, seine Kondition zu halten. Das ist wirklich eine ganz große Kunst.

Was wünscht ihr euch?

Stephan: Ich wünsche mir in erster Linie, dass wir uns weiterhin gut bewegen können.

Ulrike: Mit Würde. Das finde ich ganz wichtig.

Am Ostermontag unterrichten Sie einen Workshop im Tangoloft in Berlin und im Mai gibt es weitere Workshops in der Wandelspielhalle in Kreuzberg.

Infos zu aktuellen Kursen, Workshops und Auftritten findet ihr unter: stravaganza.de

Stravaganza auf Facebook….

 

Erstveröffentlichung: Tangodanza No. 2-2005

 

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In Sachen Tanz allgemein

Im aktuellen Tanzraum Berlin-Magazin habe ich zwei überregionale Veranstaltungshinweise zum Tanz entdeckt, die mich hochgradig interessieren. Ich nutze also die Gelegenheit darauf hinzuweisen.

Zum einen sind es Veranstaltungen, die durch das Tanzfonds Erbe gefördert werden, das sich der Rekonstruktion berühmter Tanzaufführungen des 20. Jhs. verschrieben hat. Es gibt tänzerische Auseinandersetzungen mit Mary Wigman, den Tänzen von Anita Berber, aber auch die Rekonstruktion von Bauhaus-Balletten zu sehen, u. a. das Triadische Ballett von Oskar Schlemmer aus dem Jahr 1922 (das Video am Anfang des Artikels zeigt bereits eine filmische Rekonstruktion, nicht die Originalaufführung). Es lohnt sich, hier schon einige Monate im Voraus zu planen. Es gibt deutschlandweite Termine, z. B. vom 27.-30. Juni in der Akademie der Künste in Berlin. Es ist übrigens auch in München zu sehen. Hier das vollständige Programm zum Download.

Noch bis zum Juli 2014 ist im Deutschen Hygienemuseum in Dresden die Sonderausstellung „Tanz! Wie wir uns und die Welt bewegen“. Im Begleitprogramm zur ohnehin schon interessanten Ausstellung finden sich darüber hinaus Tanzfilme, ein Symposion, Veranstaltungen mit Gesellschaftstänzen, etc. Abgesehen davon ist es nicht einfach irgendeine Ausstellung mit statischen Objekten, sondern die Besucherinnen und Besucher werden an zahlreichen interaktiven Stationen der Ausstellung zum Mittanzen und -bewegen animiert.

Dresden ist ja traditionell, vor dem Krieg wie auch in der DDR-Zeit, eine Hochburg der sozialen Tänze gewesen. Zahlreiche in der Stadt erhaltene alte Ballsäle behergen mittlerweile auch gut frequentierte Milongas. Ein Ausflug lohnt also auch vor dem Hintergrund, dort tagsüber ein kulturell reichhaltiges Programm mit Ausstellungen und Schlösserbesuchen zu absolvieren und abends nach einem Abstecher in die Semperoper oder Staatsoperette mal eben die Tanzschuhe anzuziehen und zum Tango zu huschen.

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Das Ding mit der Wehmut

Tango-Wehmut

 

 

Horacio Salas
Tango. Wehmut, die man tanzen kann
Sachbuch / Comic
Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann 2010,
durchgängig illustriert von Horacio „Lato“ Santana
175 Seiten, als Hardcover, TB und Ebook
ISBN: 978-3-570-58021-9

 

Heute habe ich zufällig ein Kurzinterview mit der Märkischen Allgemeinen Zeitung (Online-Ausgabe) geführt, eine Art Expertinnen-Gespräch. Die Autorin des Artikels fragte mich nach Buchempfehlungen für Tanzunerfahrene und irgendwie stolperte ich beim Nachdenken darüber über dieses Werk. Das hatte ich schon völlig vergessen, vor mehr als 3 Jahren hab ich es für die Tangodanza rezensiert und war begeistert. Das ursprüngliche Hardcover wird mittlerweile zu horrenden Preisen gehandelt, im Taschenbuch ist es immerhin für rund 10 Euro zu haben. Sobald das Interview mit mir erschienen ist, werde ich natürlich verlinken! ;D

Argentinien war im Jahr 2010 Gastland auf der Buchmesse, ein schöner Anlass für Random House, eine Übersetzung von Horacio Salas‘ bereits im Jahr 1999 publizierter Tangogeschichte in hochwertiger Aufmachung auf den Markt zu werfen. In der Edition Elke Heidenreich steht das Buch Seite an Seite mit anderen Werken, die Musik(-geschichte) auf anspruchsvolle Weise mit Literatur verknüpfen. Interessant an „Tango. Wehmut, die man tanzen kann“ ist die durchgängige Kombination kurzer, leicht lesbarer Textpassagen aus Salas‘ Feder mit den schwarz-weiß Zeichnungen von Horacio „Lato“ Santana im Stile einer Graphic Novel – nur dass es sich eben nicht um einen illustrierten Roman, sondern um „Graphic Nonfiction“ handelt, also ein illustriertes Sachbuch.

„Tango. Wehmut, die man tanzen kann“, ist dem Grunde nach nichts anderes als eine Kulturgeschichte des Tangos von seinen Anfängen bis heute. Tiefere Erkenntnisse mag der langjährige Tango-Aficionado nicht aus ihr gewinnen, aber das ist auch nicht ihr Anliegen. Zu Beginn eines jeden Kapitels werden in chronologischer Folge historische Stationen und Persönlichkeiten, die den Tango geprägt haben, von Salas kurz umrissen. Lato knüpft mit seinen Zeichnungen daran an, greift jedoch in der Regel ein Detail auf, das er weiter ausführt. Kurze, übersetzte Passagen aus Tangotexten, die im Umfeld der skizzierten Epoche entstanden sind, werden zu den Illustrationen gestellt. Bild und Text verbinden sich auf diese Weise collagenhaft und erlauben dem Betrachter eine Annäherung an den Inhalt aus unterschiedlichen Perspektiven. Dazu öffnen sich unzählige Imaginationsräume zwischen den Zeilen, der Vorteil einer Herangehensweise, in der nicht alles bis ins Detail ausformuliert wird, sondern sich Bruchstücke zu einem facettenreichen Ganzen zusammenfügen.

Horacio Salas & Lato: Tango. Wehmut, die man tanzen kann

Ein Blick ins Buch, Screenshot der interaktiven Ansicht auf der Verlagsseite

So etwa in einer Illustration zum Kapitel über „Das Cabaret“ der zwanziger Jahre, in dem sich vor allem die französischen Animierdamen eines besonderen Status in Buenos Aires erfreut haben sollen. Ein zwielichtiger Typ mit Hut und Krawatte und einer Kippe, die ihm lässig aus dem linken Mundwinkel hängt, lehnt an einer französischen Bar und sagt zu einer aufgedonnerten Schönheit, „Baby, komm mit mir nach Buenos Aires“, woraufhin sie erwidert, „Pourquoi pas? Irgendwo muss ich ja leben, et puis, il est beau … ce mec.“ In einer kurzen Erläuterung führt Salas dazu aus, „Viele Französinnen folgen einem ‚Morocho‘ über den Großen Teich. Sie heißen Ivonne, Lulu, Renée oder Grisette. Die meisten bleiben in Buenos Aires. Wenn sie als Animierdamen ausgedient haben, trifft man sie hinter der Garderobentheke. Das Cabaret ist und bleibt ihr Lebensmittelpunkt.“ Dazu tritt als kurzes Schlaglicht ein Zitat aus Enrique Cadícamos „Madame Ivonne“: „Sie war die Königin des Quartier Latin und Muse der Dichter. Bis eines Tages ein Argentinier vorbeikam. Da war sie hin und weg.“

„Tango. Wehmut, die man tanzen kann“ nähert sich dem Tango solcherart auf erfreulich sinnliche Weise und auch der Humor kommt nicht zu kurz: Im Kapitel „Die heilige Mama“ relativiert Salas ironisch den häufig in Tangotexten dominierenden Machismo mit zahlreichen Belegen dafür, dass die größten Machos auch zugleich die größten Muttersöhnchen waren/sind. Das ist ein erfrischender Blick auf eine Tangogeschichte, die sonst ausschließlich aus männlicher Perspektive erzählt wird.

Alles in allem ist das Buch ein absolutes Muss für Comic-Fans, ein schönes und glücklicherweise preislich moderates Weihnachtsgeschenk für Tango-Anfänger, und auch für fortgeschrittene Tänzer ein vorzeigbares Sammlerstück, dem sich neue Aspekte abgewinnen lassen.

Horacio Salas aus der Feder von Comic-Zeichner LatoHoracio Salas, geb. 1938, gilt als einer der bedeutendsten Lyriker und Essayisten Argentiniens. Im Jahr 2010, als diese Rezension entstand, war er sogar Kultursenator der Stadt Buenos Aires. Er hat mehr als dreißig Bücher veröffentlicht, darunter ein Wörterbuch des Tango und ein Buch über die Poesie des Tango. Salas erhielt den Premio Municipal de Literatura und den Premio Nacional de Literatura. Er ist Gründungsmitglied der Academia Nacional del Tango, sowie Mitglied der Academia Porteña del Lunfardo und der Academia Argentina de la Historia. 1991 wurde er von der französischen Regierung mit dem Orden „Chevalier des Arts et des Lettres“ ausgezeichnet. 2003 übernahm er den Posten des Direktors der argentinischen Nationalbibliothek.

Horacio Santana, Comic-Zeichner "Lato" aus eigener FederHoracio Santana, alias „Lato“, geb. 1960 im Zamora, hat als Comic-Zeichner und Illustrator internationalen Stellenwert. Die Verbindung von Graphic Novel und Sachbuch ist ihm nicht unbekannt – so erschien im Jahr 2001 in den USA z. B. von ihm eine grafische Umsetzung anthroposophischer Theorien, „Rudolf Steiner and Anthroposophy for Beginners“.

Unter diesem Link kann man in den ersten Seiten des Buches blättern. Es ist übrigens mittlerweile auch als Ebook erhältlich, allerdings ist es aus meiner Sicht doch schöner, dieses wunderbar gestaltete Kleinod als tatsächliches Buch in Händen zu halten.

Erstveröffentlichung: Tangodanza No. 3-2010

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Mehr Schein als Sein

Szenenfoto "Cineastas / Filmemacher" des argentinischen Theatermachers Mariano Pensotti, Foto: Bea Borgers, kfda.be (2013)

Szenenfoto „Cineastas / Filmemacher“ des argentinischen Theatermachers Mariano Pensotti, Foto: Bea Borgers, kfda.be (2013)

Der argentinische Theatermacher Mariano Pensotti tourt zur Zeit mit seinem Ensemble „La Marea“ durch die europäische Festivalszene. Seine aktuelle Produktion „Cineastas – Filmemacher“, habe ich am 1.6.13 im Berliner HAU gesehen. Im Dezember ist die Grupo Marea beim Festival d’Automne in Paris zu sehen.

Bemerkenswert an diesem Stück ist nicht nur, dass ich mich durchgängig gut unterhalten gefühlt habe, sondern dass es viele kleine parallel laufende Weisheiten parat hält, die an die Zynismen des Alltags aus Woody-Allen-Filmen erinnern. Es ist fantastisch erzählt, beinahe filmisch genau und dabei realistisch in der Darstellungsweise, etwa im Gegensatz zu einer überhöhten oder verfremdeten Spielweise.

Pensotti montiert höchst unterschiedliche Lebensläufe von Frauen und Männern, die auf den beiden Bühnenebenen parallel ablaufen bzw. schnell nacheinander gesetzt werden. Dabei wird das mit Möbeln, Bildern, unzähligen Requisiten vollgestopfte Bühnenbild nach und nach leergeräumt, bis nur noch der nackte Raum übrigbleibt (die Parallelität der Szenen ist am obigen Bild gut zu erkennen). Das korrespondiert nicht zufällig mit der inhaltlichen Ebene: die Geschichte setzt an irgendeinem Punkt in den Lebenswegen seiner Protagonistinnen und Protagonisten an. Während dieser Zeit steuern sie auf eine Lebenskrise oder entscheidende Wende in ihrer Biografie zu. Ebensowenig zufällig sind es die Lebensläufe von Menschen, die im weitesten Sinne mit der Filmbranche zu tun haben.

mariano_pensotti_cineastas_2Ein kommerziell erfolgreicher Regisseur erfährt, dass er Krebs hat und will in seinem nächsten und damit letzten Projekt endlich alle künstlerischen Kompromisse, die er im Laufe seiner Karriere eingegangen ist, beiseite lassen und den idealen intellektuellen Film machen, den er schon immer mal machen wollte, aber nicht durfte. Dass das mit den Plänen seiner Produktionsfirma nur schwer zu vereinbaren ist, versteht sich von selbst. In dem Versuch, sich in diesem letzten Werk, das sein Nachlass sein soll, sein Memento für die Welt, zu verewigen, verliert er immer mehr den Kontakt zu sich selbst und seiner Umgebung. Insbesondere den direkten Kontakt zu seiner Frau und seinem Sohn, für die dieses Vermächtnis entsteht.

Eine junge lesbische Independent-Filmemacherin feiert Erfolge mit ihrem Erstlingswerk und erhält ein umfangreiches Vorschusshonorar für ihren nächsten Film. Sie freut sich, nimmt das Geld, lebt aus den Vollen mit ihrer Lebensgefährtin und verdrängt dabei, dass sie ja noch ein Buch abzuliefern hat. Als es ihr kurz vor Abgabe wieder einfällt, fällt ihr nichts ein. Sie hat einfach keine Idee.

Im Leben zweier erwachsener Brüder taucht plötzlich der verschollen geglaubte Vater wieder auf. Er war zur Zeit der argentinischen Militärjunta verschleppt worden und galt als tot. Nach mehr als 30 Jahren steht er wieder vor ihnen. Sie versuchen gemeinsame Erlebnisse nachzuholen, die ihnen in ihrer Kindheit wegen des Fehlens des Vaters verwehrt blieben. Und wachsen mehr und mehr als Familie zusammen. Eines Tages verschwindet der Vater wieder und auch dann ist nach wie vor nicht klar, ob er wirklich ihr Vater war oder ein Betrüger. Es ist den Brüdern aber mittlerweile egal, denn der Fremde war ihnen ans Herz gewachsen.

Pensotti bedient sich filmischer Techniken in der Inszenierung: er montiert Geschichten, verschränkt sie miteinander, lässt sie wieder auseinanderlaufen. Porträtiert Menschen, die für die Filmbranche arbeiten. Und entlarvt dabei auf äußerst hintergründige Weise die Heile-Welt-Romantik, die uns Hollywood (und auch alle anderen Filmindustrien dieser Erde) vorgaukeln möchte. Denn nach dem vermeintlichen Happy-End in den Lebenswegen der Protagonistinnen und Protagonisten bricht der nur kurz anhaltende Glückshöhepunkt in tausend Stücke. Zurück bleiben die vereinsamten Subjekte, einsam, nachdenklich, auf sich selbst zuückgeworfen, frustriert, innerlich so leer wie die Bühne am Ende. Aber sie sind auch auch ein Stück weit weiser und reifer. Wie im richtigen Leben sozusagen.

Die Spielweise, die ich mal als „argentinischen Realismus“ bezeichnen möchte, ist dabei für europäische Sichtweisen durchaus ungewohnt. Gerade in Deutschland ist das, was auf der Bühne stattfindet, oft hochgradig stilisiert, symbolisch überhöht, mit Bildern verbunden, die ein Durchdenken des Gesehenen auf vielen Ebenen erfordern. Pensotti und seine Truppe gehen hier sehr viel geradliniger an die Figuren heran. Vor rund 10 Jahren schon hatte ich Gelegenheit, ein Werk von ihm in Berlin zu sehen, auch Stücke anderer junger Theatermacherinnen und Theatermacher aus Argentinien.

Buenos Aires ist bekannt für seine überraschend große und interessante Offtheaterszene. (Auch der Tanz ist übrigens in der Offszene gut etabliert, ähnlich wie in Berlin, nur leider nicht so gut subventioniert…) Da ich mich wahrlich nicht rühmen kann, eine Kennerin der argentinischen Szene zu sein, hab ich seinerzeit mit Matthias Lilienthal ein Interview geführt. Damals war er noch frischgebackener Intendant des HAU in Berlin. Der Mann weiß jedenfalls, wovon er spricht, möchte ich mal sagen.

Zu dem Interview geht es hier…

Vom 11.-14. Dezember 2013 gastiert die Grupo Marea mit „Cineastas“ beim Festival d’Automne in Paris. Mehr Infos…

Und vom 4.-8. Dezember 2013 zeigen sie nochmal ihre Produktion“El Pasado es un animal grotesco“ aus dem Jahr 2010, ebenfalls in Paris. Mehr Infos…

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Der Tod und die Krise

Szenenfoto "Cineastas / Filmemacher" des argentinischen Theatermachers Mariano Pensotti, Foto: Bea Borgers, kfda.be

Szenenfoto „Cineastas / Filmemacher“ des argentinischen Theatermachers Mariano Pensotti, Foto: Bea Borgers, kfda.be

Junges argentinisches Theater im Berliner HAU (2004)

Im Rahmen des Metropolenprojektes Bueños Aires – Berlin bot das Theater Hebbel am Ufer (HAU) vom 6.-10. Oktober 2004 drei jungen argentinischen TheatermacherInnen Gelegenheit ihre Inszenierungen zu zeigen. Die künstlerische Leitung des HAU ist bezüglich der Auseinandersetzung mit argentinischen Themen nicht ganz unbeleckt.

Im November 2003 bereits beherbergte das HAU2 „Ex Argentina“, „eine künstlerische und ökonomiekritische Untersuchung zur Wirtschaftskrise in Argentinien im internationalen Kontext“ mit Gesprächen, Workshops, Filmen und Lesungen, die argentinische, deutsche und französische Künstler, Aktivisten und Theoretiker in einem gemeinsamen Forum zusammenbrachten. Die Auseinandersetzung mit der Krise – auch im übertragenen Sinne als Krise zwischenmenschlicher Kommunikation – war gleichermaßen in der diesjährigen Theater-Reihe verbindendes Element im Werk der Regisseure aus Bueños Aires.

Beatriz Catani / Mariano Pensotti: Los Muertos

Die Produktion „Los Muertos“ („Ein Versuch über die Repräsentation des Todes in Argentinien“ lautet der Untertitel) von Beatriz Catani und Mariano Pensotti endet mit einem Borges-Zitat, „Gottseidank ist das Sterben eine Gewohnheit, die die Menschen zu pflegen wissen“, den angeblich ein argentinischer Aufbahrungsunternehmer kalauernd zu seinem Firmen-Credo machte, wie dem Zuschauer berichtet wird. Die Produktion erzählt poetisch und philosophisch von der Inszenierung des Todes in Argentinien – und der Rekonstruktion einer über 20 Jahre alten Inszenierung des Theaterstückes „Los Muertos“ (nach Motiven der gleichnamigen Erzählung von James Joyce) durch einen der damaligen Darsteller – ohne den Rest der Besetzung.

Auf geniale Weise verschränkt sich die dokumentarisch angelegte Erzählung des Darstellers Alfredo Martin von den Schwierigkeiten bei der Rekonstruktion des Stückes nach so langer Zeit, mit Fragmenten der Spielhandlung, deren Rollen er abwechselnd übernimmt. Das verfremdete Spiel macht die Rollen durchsichtig und erlaubt Akteur wie Zuschauern die Reflektion über die Handlung. Die Durchbrechung der Schauspiel-Aktion durch dokumentarische Video-Einspielungen zum Thema Tod, Sterben und Theater in Argentinien sowie die betont sachlichen Erläuterungen eines live anwesenden Berichterstatters über das auf dem Bildschirm zu sehende Material wird zu einer sich potenzierenden Brechung der Brechung.

Mariano Pensotti, www.colihue.com.ar

Mariano Pensotti, http://www.colihue.com.ar

Sie gibt dem Zuschauer individuell Gelegenheit, die parallel laufenden dokumentarischen Akte im Lichte der jeweils anderen zu betrachten und so in Beziehung zueinander zu setzen. Damit wird einerseits die Reflektion über die Flüchtigkeit des Mediums Theater in Gang gesetzt – in Analogie zur Flüchtigkeit des menschlichen Daseins, dessen man doch in gigantischen Monumenten und Grabanlagen zu gedenken versucht – und andererseits das Nachdenken über ‚das Verschwinden‘ und ‚die Erinnerung‘.

Ist die Inszenierung des Todes gewissermaßen „ein Theater der abwesenden Körper“ und macht die gegenwärtig in Argentinien medial stark thematisierte Erinnerung an die Verschwundenen der Militärdiktatur Argentinien zu einem „Land der abwesenden Körper“, fragen sich die Produzenten im Programmheft – eine Frage, die die Aufführung nicht unbedingt beantwortet, sondern eher erneut stellt. „Der Tod und seine architektonische Darstellung“ in Argentinien ist in der Tat eine Idee, über die es sich nachzudenken lohnt, bedenkt man z. B. die Verehrung, die heute noch dem Grab Gardels zukommt oder gar seinem Bildnis in vielen Tangolokalen als Relikt eines tatsächlich seit Jahrzehnten abwesenden Körpers, der dennoch bis heute über seine Stimme weltweit präsent bleibt.

Für mich war das eine der intelligentesten und poetischsten Inszenierungen, die ich 2004 in Berlin gesehen habe. Zurück bleibt für mich allerdings noch eine unbeantwortete Frage: Kommen Theaterstücke eigentlich in den Himmel, wenn sie abgespielt sind?

Interview mit Matthias Lilienthal,
2003-2012 künstlerischer Leiter und Geschäftsführer des HAU

E: Sie haben in Ihr neues künstlerisches Gesamtkonzept für die Spielstätten, die als HAU 1-3 zusammengefaßt wurden, einige bestehende Strukturen nicht übernommen. Was hat Sie daran gereizt, den Kontakt zu den argentinischen Künstlern beizubehalten?

M: Daran hat mich gereizt, daß Bueños Aires eine der aufregendsten Theaterszenen ist, die die Welt hat. Wenn auch aus sehr unterschiedlichen Verhältnissen von Luxus sehe ich die Entwicklung von Deutschland und Argentinien zueinander analog. Ich glaube, daß die Krise hier ähnliche Strukturen produziert. Mich erinnert die Stresemannstraße mit ihren 26 leerstehenden Ladenlokalen an Bueños Aires. Der Neoliberalismus ist in Argentinien so durchgeprügelt worden wie in keinem anderen Land und das mit dem Ergebnis des Total-Crashs. Das stellt natürlich auch den weiteren Weg der Bundesrepublik in Frage.

E: Das heißt, daß Sie schon in Bueños Aires waren, also dort vor Ort die Strukturen auch ganz gut kennen?

M: Ja, ich war in den letzten fünf Jahren siebenmal da. Ich fand bei Theater der Welt 1999 in Berlin die Argentinier klasse. Dann hat mich 1999 die Fondacion Antorchas nach Bueños Aires eingeladen, für eine Jury zur Vergabe eines Preises an Theaterkünstler, Preisträger war damals Daniel Veronese. Gleichzeitig habe ich dort viele Sachen im Theater gesehen.

E: Ich habe den Eindruck, daß die Krise in Argentinien ganz anders auf dem Theater abgebildet wird als die Krise hier in Deutschland.

M: Ich finde schon, daß das argentinische und das deutsche Theater eine ähnliche Unfähigkeit besitzen, Gegenwart zu beschreiben. Argentinisches Theater kommt natürlich immer aus einer Tradition von Borges-Erzählungen, es hat eine bestimmte versponnene Realität. Was dann wiederum ein Publikum in Europa genießt. Die Entdeckung des argentinischen Theaters in den End-Neunzigern in Deutschland hatte auch was mit einer Genervtheit von einer bestimmten belgischen Postmoderne zu tun, zu der dieser somnambule argentinische Realismus ein Gegenmittel bietet.

E: Wird in Deutschland nicht mehr von der Krise geredet als eigentlich von ihr spürbar ist, ganz anders als in Argentinien?

M: Da wär‘ ich mir nicht so sicher.

Szenenfoto "Cineastas / Filmemacher" des argentinischen Theatermachers Mariano Pensotti, Foto: Bea Borgers, kfda.be (2013)

Szenenfoto „Cineastas / Filmemacher“ des argentinischen Theatermachers Mariano Pensotti, Foto: Bea Borgers, kfda.be (2013)

E: Sehen Sie in der Parallele zu Bueños Aires also so etwas wie eine Zukunftsvision für Berlin?

M: Ich glaube, daß die Zeit ökonomisch-sozialer Schutzräume in der Welt vorbei ist und daß man die argentinische Krise in Deutschland ernster nehmen sollte, als man das tut. Dieser wunderbare Film von Lucrecia Martel „La Ciénaga“ (Der Morast) – die Kuh, die langsam im Sumpf verschwindet, während sich die Porteño-Gesellschaft, die kein Trinkwasser mehr hat, betrinkt, ist eine Fortschreibung von Faßbinder-Fantasien der 70er. Ich finde, das ist von der bundesrepublikanischen Bourgeoisie heute nicht weit entfernt. Wir verbrauchen einen Wohlstand, den wir längst nicht mehr haben.

E: Gibt es eine positive Schlußfolgerung, die man aus den argentinischen Produktionen für sich ziehen kann für ein Umgehen mit der Krise oder wird da eigentlich kein Ausweg aufgezeigt?

M: Theater kann sehr präzise beschreiben oder sich an die Gegenwart annähern, es kann Denkmodelle, die man sich weigert zu denken, mal durchspielen und kann versuchen, falsche ideologische Blicke auf die Wirklichkeit zu zerstören, es kann aber keine Zukunftsmodelle entwerfen. Diese 70er-Jahre-Vorstellung von Claus Peymann, daß er gerne mal Bundeskanzler geworden wäre, ist eine Meinung, die ich durchaus nicht teile. Ich finde, daß es vielmehr unser Job ist, sich immer wieder polemisch zu sozial-politischen Dimensionen zu verhalten. Ich hätte in diesem Zusammenhang kein Besserwissertum.

Interessante Hinweise zu „Die Toten“ von James Joyce…

Theater Hebbel am Ufer (HAU) Berlin…

Und hier geht’s zu meinem Artikel über „Cineastas – Filmemacher“ von Mariano Pensotti, das 2013 im HAU zu sehen war…

Erstveröffentlichung: Tangodanza No. 3-2004

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Haargeschüttel

Bang your head!

Haare schütteln bis der Arzt kommt
Foto: Gunzendorf Live

Ich gebe gerne zu, als ich 19 war oder 21, da waren mir Paar- und Salontänze  suspekt. Das war was, was die Alten machten, sich gegenseitig übers Parkett schieben zu schauderhafter Schlagermusik und immer neben dem Takt. Auf der Kirmes, besoffen nach zig Schnäpsen. Oder Discofox. Da steigen ganz grausige Jugenderinnerungen vor meinem inneren Auge herauf. Das waren immerhin die 80er, da waren nicht nur die Klamotten und Frisuren schlimm. Der Discofox hat das alles sogar noch potenziert. Bis zum Jahr 1997 war ich also felsenfest davon überzeugt, dass Paartänze was für Spießer sind, nix für mich mithin. Ich hab mich schließlich immer für so eine Art Prototype der Antispießerin gehalten. (Das relativiert sich mit dem Alter…)

Mit 25 änderte sich diese Auffassung dann radikal, als ich den Tango für mich entdeckte. Da war dann im Grunde alles zu spät. Wie die meisten Tangovirusinfizierten ging es für mich jahrelang nur noch um den Tango. Und wie ich, an welchem abgelegenen Ort der Erde auch gerade befindlich, meine Droge Tanz beschaffen konnte. Der Anfang vom Ende oder so. Damals konnte ich mir auch nicht vorstellen, dass sich auch das irgendwann mal wieder relativieren würde.

Eine Geschichte der Tanzbegeisterung

Im Grunde habe ich, als ich mit dem Tango anfing, die Geschichte einer Tanzbegeisterung weitergeschrieben oder die Uhr weitergedreht. Vielleicht bin ich auch einfach erwachsener geworden. Oder einsamer. Oder ich hab in den Hochzeiten des Techno einfach keine guten Rockclubs mehr in Berlin gefunden. Das war jahrelang wirklich schwer. Da musste ich Alternativen in Erwägung ziehen, der Techno war keine. 1993 bin ich nach Berlin gezogen, erst in den letzten Jahren gibt es überhaupt wieder so etwas wie richtige Rockdiskos in der Stadt. Und die Freaks, die früher in solchen Schuppen rumgehangen haben – die gibt’s schon lange nicht mehr. Altersheim, vermute ich. Schleudertrauma und Alzheimer von zuviel Headbangen. Das war die erste Tanzbegeisterung, der ich gefrönt habe. Seit ich in Diskos ausgehen durfte. Mit 14 oder so fing das an. Meine erste Liebe: Hardrock und Metal und dazu immer schön die Haare schütteln. Mein damaliger Freund war auch so ein Langhaariger.

Ich erinnere mich, dass wir bis zum Abitur in der nordhessischen Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, recht viel unterwegs waren, wo immer sich eine Mitfahrgelegenheit mit älteren Kumpels, befreundeten Musikern oder sonstigen Freaks fand. Konzerte in Kassel, in der Eissporthalle, Deep Purple und die Scorpions oder im Musiktheater: Yngwie Malmsteem live. Das war so ein Konzert, das ich nie vergessen werde – oder Dortmund: Metallica, Ronnie James Dio, sogar Bremen, das Aladin gibt es immerhin noch. An Diskobesuchen in der näheren und ferneren Umgebung mangelte es nicht. Gefühlt waren wir jedes Wochenende irgendwohin unterwegs.

Green Goose Member Card

Goldene Metalzeiten – die Green Goose Member Card. Die Clubs in Nürnberg und Bamberg existieren noch.

Kassel, Homberg/Efze, Bad Hersfeld und sogar bis nach Fulda sind wir gefahren, das waren immerhin rund 100 Kilometer. Damals, wir schreiben das Ende der 80er Jahre, vor und zur Zeit der Wende, gab es noch die Green-Goose-Clubs. Rockclubs für die amerikanischen GIs – der in Fulda war am besten, aber Bad Hersfeld war auch okay, wenn man im Winter keine Lust hatte, nachts so weit über die vereiste B27 zu schlittern. Unsere Führerscheine waren ja noch ganz frisch.

Dann, das Studium in Erlangen: ein einziges HardrockerInnen-Paradies. Es gab einen Jugendclub, in dem ich zweimal wöchentlich anzutreffen war, das New Force (lange zu, offenkundig aber wieder eröffnet, siehe link), samstags wurde im E-Werk abgehottet. Ab und zu mal Bamberg oder Nürnberg oder Fürth. Die Liste an Rockclubs und –konzerten in der Region war lang, das Leben im goldenen Metal-Dreieck Bamberg-Nürnberg-Fürth wunderbar in Ordnung. Einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen hat bis heute jedoch ein Club in der Nähe von Bamberg, in Gunzendorf. Da war ich rund 20 Jahre nicht, ein bisschen was scheint sich verändert zu haben. Aber wenn ich auf der Website die Fotos von Gunzendorf 2013 ansehe, dann hab ich das Gefühl, dass es so anders als damals auch wiederum nicht sein kann.

Was mich nachhaltig beeindruckt hat, war, dass draußen an dieser riesigen Disko, die locker 500 Leute im großen Saal unterbrachte, eine fein geschwungene Neonröhre leuchtete. „Tanzpalast“ las ich bei meinem ersten Besuch aus diesem Leuchtkörper heraus. Passte ja irgendwie. Ich fasste es als eine Art ironischen Kommentar auf, zu der besonderen Art des veitsartigen Zappeltanzes, der im Inneren praktiziert wurde. Die Leuchtschrift markierte die Grenze zwischen der zivilisierten Welt im Inneren und der Natur, der kompletten dörflichen Einöde, in der dieser Schuppen gelegen war. Wohin das Auge blickte: überall nur Felder und Buschwerk.

Das Paralleluniversum der Coolness

Passierte man die Schwelle zu diesem Etablissement, befand man sich in einem Paralleluniversum. Dem der Coolness. Direkt am Eingang zum Wurmloch in die andere Dimension empfingen uns unsere Tourguides – Rockmusiker, die mindestens genauso viel Wumms und Spielfreude hatten wie die Angus Youngs, David Coverdales und Steve Vais der großen Plattenlabel. Nur waren sie eben nicht so bekannt. Und traten dort, in Gunzendorf, nicht mit ihrer eigenen Musik auf, sondern coverten die Songs der genannten Rockgrößen. Ich vermute jedoch, dass sie als Musiker in Coverbands ein doch ganz erträgliches Einkommen generierten und davon gut leben konnten.

Erst einige Besuche später wurde mir klar, dass dieser grell hellblau-weißlich leuchtende Schriftzug an der Fassade mitnichten „Tanzpalast“ in den Nachthimmel strahlte. Vielmehr stand darauf „Tanzaplast“. So wie „Hansaplast“. Das Ausmaß der Einsicht, die mich in diesem Moment überkam (nach einem hysterischen Lachanfall über die Genialität des Namensgebers, respektive der Namensgeberin), war überwältigend. Dieser Ort war eine Zuflucht. Ein Hort der Sicherheit und Geborgenheit in einer von Klängen aus der Konserve überschwemmten Welt. Hier existierte sie noch, die hand- und hausgemachte Musik. Hier wurde getrunken und geraucht, hier wurden die Haare geschüttelt und hier wurden schwarze Lederhosen und -jacken getragen. Dieser Club oder diese Disko, dieser vermeintliche Tanzpalast, war ein veritables Lazarett, in dem die von den Schmerzen des Alltags gerüttelte und geschüttelte Seele in nur einer Nacht wieder gesund gepflegt wurde. Einfach ein Tanzapflästerchen drauf – und bis du heiratest, ist alles wieder gut.

Culture Clash mit Schnittmenge

Headbanging Female

fotoAKL/Fotolia.com

In gewisser Weise treffen sich hier die beiden Welten, in denen ich mich zu Hause fühle oder fühlte. Gehe ich heute in einen Rockclub in Berlin, und mittlerweile gibt es sie zum Glück wieder, so als hätte man sich in der Stadt auf die guten alten musikalischen Werte zurückbesonnen (vielleicht sind aber auch einfach nur so viele junge AmerikanerInnen hergezogen, dass es sich schon wieder lohnt), fühlt sich das für mich wie ein Ausflug ins Pleistozän an. Ich bin mir immer nicht sicher, ob ich lachen oder weinen soll. Es ist eine gewisse Nostalgie im Spiel, aber irgendwie auch Mitleid. Denn die Welt, die ich da sehe, deckt sich in keiner Weise mehr mit der, in der ich heute lebe. Ich bin weitergegangen, habe Neues entdeckt, ohne das Alte völlig zu vergessen. Das nicht. Aber es nimmt einfach nicht mehr so viel Raum ein.

Ein Freund von mir aus Erlanger Zeiten, der oft auch mit in Gunzendorf war, pflegte mit einem Grinsen zu sagen, „Guck mal, da ist wieder so ein ewig Gestriger“. So ist das. Für mich ist es heute die Welt der ewig Gestrigen. Und ist das mit dem Tango nicht auch so? Wenn man an all die Leute denkt, die sich in die Szene stürzen, weil sie dort den gesuchten Ersatz für ihre unausgelebten romantischen Gefühle finden oder zu finden glauben? Oder jene, die gerne als „Tangopolizei“ bezeichnet werden, die der Ansicht sind, nur der historische Tango der 30er und 40er des vergangenen Jahrhunderts ist der wahre Tango?

Natürlich übertreibe ich maßlos im Namen der ironischen Überhöhung. Schließlich gibt es die für mich immer noch, diese eine Nacht – oder während des QueerTango-Festivals diese 4 aufeinanderfolgenden Nächte –, in denen einfach alles möglich scheint. In denen alle gut drauf sind, egal, wie scheiße das Wetter draußen ist. In denen alle großartige Tänzerinnen und Tänzer sind, egal, wie gut oder schlecht sie übers Jahr sonst so tanzen. Und in denen man bis zum Sonnenaufgang irgendwann gegen 4.00 Uhr in der Früh immer noch auf der Tanzfläche klebt, bis die Füße so weh tun, dass man wünscht, man hätte noch ein frisches Paar zu Hause im Regal, das man einfach anschrauben könnte, um am nächsten Tag ohne Schmerzen weiterzutanzen. Aber ohne Fleiß kein Preis und ohne Schmerzen ist es im Grunde ja auch nur halb so schön. Schließlich hat man dann am nächsten Festivaltag Grund zum kollektiven Jammern. Und ist nicht der Tango genau jenes „Tanzaplästerchen“, das in einer einzigen Nacht alle Wunden heilen und all die fehlenden Körperteile und Emotionen ersetzen kann, die der Alltag auf- oder abgerissen hat? Gunzendorf lebt…

Hier geht’s zur Website von Gunzendorf Live

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Audios für Musical&Co

Retro-Mikro vor Bühnenvorhang

Foto: freepik.com

Hauptberuflich bin ich ja Journalistin, spezialisiert auf Kultur allgemein, mit besonderem Interesse für den Bereich Tanz und Theater. Als Sprecherin habe ich in den letzten Wochen einige kleine Fingerübungen im Audiobereich produziert. Die Ausgangsidee war: mit einfachsten Mitteln im Internet sendefähige Podcasts oder Audio-Interviews herzustellen.

Zu diesem Zweck habe ich mit dem iPhone 4 GS experimentiert, das ja angeblich sogar hörfunktaugliche Soundqualität aufnimmt. Dazu gibt es auf Smartphones speziell für diesen Zweck zugeschnittene Aufnahme- und Schnitt-Apps, externe Mikros etc. Für die Kinder- und Jugendwebsite rund ums Musiktheater Musical&Co habe ich schon einige kleine Stücke produziert, die nachfolgend über Links abrufbar sind.

Einerseits ist das also eine kleine technische Spielerei, die auch immer wieder mit Tücken verbunden ist, technischen Fehlbedienungen meinerseits, Settings, die akustisch ungünstig sind (z. B. ein Open-Air-Interview an einer Stelle, an der gerade ein LKW an der Ampel hält…), Apps und technisches Zubehör, die nicht optimal auf die Situation abgestimmt sind, für die ich sie gerade brauche, so dass ich da immer noch auf der Suche bin, etc. etc. Es gibt also immer wieder was zu lernen.

Andererseits ist ein Hintergrundgedanke – wenn ich mal so weit bin, dass ich die optimale einfache Ausrüstung für jede Gelegenheit beisammen habe -, Kindern und Jugendlichen, die ja ohnehin ohne ihr Smartphone nicht mal mehr ins Bett gehen, die Möglichkeit zu geben, selbst mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen und mit geringen Anfangsinvestitionen, journalistische Grundlagen zu erlernen, während sie Spaß bei deren Ausführung haben. Das Ganze dann noch thematisch verknüpft mit Inhalten, die – sagen wir mal – „kulturell hochwertig“ sind. Halt nicht irgendein Quatsch.

Was das jetzt schon wieder mit dem Tango zu tun hat? Ganz einfach: eine der Audiodateien enthält ein Interview mit der Tanzwissenschaftlerin Mariama Diagne. Und am Institut für Tanzwissenschaft war ich unter der Leitung von Prof. Dr. Gabriele Brandstetter u. a. beratend tätig für ein Forschungsprojekt zum Tango… So sieht’s aus!

Hier könnt ihr nachfolgend die entsprechenden Artikel nachlesen und die Audios anhören:

Ball im Savoy, Komische Oper Berlin – Stimmen zur 2. Vorstellung

Beruf: Tanzwissenschaftlerin. Mariama Diagne im Gespräch

Himmelsmechanik – Eine Entortung, Librettistin Christiane Neudecker im Gespräch

Was auf die Ohren – Ein Besuch auf der Berlin Music Week 2013

Kinder-Hörspiele, die wir mit Schülerinnen und Schülern einer 5. Klasse produziert haben – aufgenommen mit dem iPhone bzw. iPad. Hörspiel – Selbst gemacht!

Beruf: Mobiler Toningenieur

 

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Mit Führungspotenzial

Der argentinische Tango, der sich als Gesellschafts- und Geselligkeitstanz nach wie vor auch in Deutschland wachsender Beliebtheit erfreut, ist voll von Geschlechterbildern, deren Grundprinzipien dem sozialen Gefüge des vergangenen Jahrhunderts geschuldet sind: der Mann führt, die Frau hat zu folgen. Sie ist ganz Hingabe, während er sie überlegen in komplizierte Schrittfolgen hinein- und hinausdirigiert, deren Bewegungsimpulse sie zu „spüren“ hat. Sie: Femme Fatale. Er: Mucho Macho. Erst seit wenigen Jahren existiert mit dem Konzept des „Queertango“ eine Gegenströmung zur historisch zementierten (Hetero)-Sexualisierung seiner Tanzrollen. Ein Überblickstext mit dem Fokus auf lesbischen Tänzerinnen aus dem Jahr 2009.

Die Tangowelt steht gemeinhin für all jenes, was uns modernen Menschen in unserer vernunftorientierten Arbeitswelt so fehlt: Sinnlichkeit, Leidenschaft, Dramatik. Und doch gehen jene fehl, die meinen, diese Begrifflichkeiten an überholten Rollenklischees festmachen zu können. Dass es anders geht, zeigt der Queertango, der zunächst das Zielpublikum „lesbisch, schwul, transgender“ avisiert; in zweiter Linie jedoch auch noch zusätzlich das „verqu(e)eren“ der geltenden Geschlechterordnung im Tango ausprobiert. Queertango wendet sich somit auch an heterosexuelle Tänzerinnen und Tänzer, die Interesse an einem gleichberechtigten Dialog im Tango haben.

Queertango, zwei Frauen

Foto: Astrid Weiske

„Diese unausgesprochenen Machtstrukturen existieren bei uns einfach nicht, ich hab den Eindruck, dass wir alle viel offener sind“, erzählt Christine, die derzeit einen Queertango-Anfängerkurs in Berlin belegt hat. Dass der Rollentausch im Tango Argentino nicht ganz so einfach funktioniert wie in der Standardvariante, liegt an der extremen Komplexität des Tanzes: Körperhaltung, Aufmerksamkeit und Schrittfolgen der Führenden und Folgenden im Tango unterscheiden sich derart gravierend, dass allein die spiegelbildliche Umkehrung einer bereits erlernten Tanzrolle nicht möglich ist.

Der Tango entstand bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den Armen- und Einwanderervierteln von Buenos Aires (Argentinien) und Montevideo (Uruguay). Die Mythen, die sich um ihn ranken, stammen aus der Sphäre der Rotlichtviertel mit ihren Bordellen und Kleinganoven, und aus eben jenem Grund galt der Tanz lange Zeit als nicht gesellschaftsfähig, als zu eindeutig erotisch, verrucht, mithin skandalös. Die Lust am Skandal reizte jedoch damals wie heute die Gesellschaft und so wurde in England eine salonfähige Variante entwickelt, die bis heute als „Europäischer Tango“ im Standardtanz gebräuchlich ist, in ihrem Variantenreichtum und der Möglichkeit zur Improvisation jedoch Meilen hinter dem argentinischen Tango zurückfällt.

Eine erste Hochphase der Tangobegeisterung hielt bis in die vierziger Jahre hinein weltweit an, der Tanz geriet seit den sechziger Jahren jedoch mehr und mehr in Vergessenheit – sogar in seinen Heimatländern. Erst Mitte der achtziger Jahre war die Zeit reif für seine zweite Renaissance, Hollywood-Schmachtstreifen wie „Dirty Dancing“ oder „Strictly Ballroom“ taten ihr übriges, um lateinamerikanische Tänze in der Gunst des Publikums ganz nach oben zu katapultieren. Die neu entfachte Leidenschaft der Europäer für den Tango wiederum wirkte sich als Frischzellenkur auf die beinahe ausgestorbene argentinische Tanzkultur aus, die den Tango als Exportschlager entdeckte und die Europäer als zahlungskräftige Tangotouristen. Eine neue Generation experimentierfreudiger Tänzer und Tänzerinnen wuchs heran, die heute in unzähligen Tangoshows auftreten und als „fahrendes Volk“ den Tango in Workshops und auf Festivals rund um den Globus transportieren.

Lexa Roséan auf der New Yorker Danceparade 2008

Apropos fahrendes Volk: Lexa Roséan und Gayle Gibbons Madeira
auf einem Wagen der New Yorker Danceparade 2008

‚Skandal‘ ist ein gutes Stichwort: Für die New Yorker Tänzerin Lexa Roséan wurden im Jahr 2007 die Regularien der argentinischen Tangoweltmeisterschaften geändert. Sie finden jährlich in Buenos Aires statt, weltweit können sich Tänzerinnen und Tänzer dafür in ihren Heimatländern qualifizieren. Die Teilnahme gleichgeschlechtlicher Tanzpaare war bislang nicht vorgesehen, zumindest bis Lexa sich mit ihrer Tanzpartnerin zu den amerikanischen Vorentscheidungen anmeldete. Lexa hat sich als führende Lesbe bei ihren Besuchen der Milongas (=Tanzabende) in Buenos Aires einen derart guten Ruf ertanzt, dass sie dort als „Mann ehrenhalber“ akzeptiert wird – „homo honoris causa“ sozusagen … Ein zweifelhaftes Kompliment, bedenkt man, dass sich auch darin eine Praxis der Ausgrenzung bemerkbar macht. Dieses Dilemma ist Lexa durchaus bewusst, doch baut sie auf die ‚Politik der kleinen Schritte‘. Im Folgejahr 2008 gewann sie mit Gayle Madeira die US-Vorentscheidungen zur Weltmeisterschaft in der Kategorie „Showtanz“ – für sie eine Genugtuung auf mehreren Ebenen. „Es ist meine Rolle innerhalb der schwullesbischen Gemeinschaft, als Lesbe draußen in der Welt bemerkt zu werden. Ich bin queer und ich gehe auf Hetero-Milongas als eine Lesbe, die den Tango liebt. Für mich ist das die perfekte Welt, wenn wir alle zusammen tanzen, Frauen mit Frauen, Männer mit Männern und Frauen mit Männern. Meine Psychoanalytikerin hat mir neulich gesagt, dass ich vermutlich dafür verantwortlich bin, hunderten von Frauen ihr erstes homoerotisches Erlebnis verschafft zu haben, indem ich mit ihnen getanzt habe und darauf bin ich wahnsinnig stolz. Ich finde, jeder Mensch sollte wenigstens einmal im Leben eine homoerotische Erfahrung gehabt haben.“

Spiel mit der Identität

Queertango und die Lust am Spiel mit der Identiät
Lexa Roséan und Gayle Gibbons Madeira, Foto: Kaipics New York

Als Pionierinnen in Sachen gleichgeschlechtliches Tanzen gelten in Deutschland Brigitta Winkler und Angelika Fischer aus Berlin, die allerdings ihren Tanz nie „queer“ nannten. Bereits in den achtziger Jahren mischten sie als Tangotouristinnen die argentinischen Tanzsalons auf. Anders als hier in Europa werden dort reine Frauenpaare auf der Milonga bis heute nicht gern gesehen. Die historische Entwicklung des Tanzes legitimiert interessanterweise den Tanz zweier Männer – sofern sie nicht schwul sind – eher als den zweier Frauen. Die Konsequenz war im Falle von Angelika und Brigitta der Rauswurf; was als künstlerische Darbietung unter dem Label „Travestie“ als Bühnenshow oder im Fernsehen in Ordnung geht, wird nicht unbedingt im Alltag akzeptiert… Den Begriff des Queertango haben später Marga Nagel und Ute Walter bekannt gemacht, die ebenfalls seit den achtziger Jahren aktiv sind. Sie riefen gemeinsam mit Felix Feyerabend im Jahr 2001 das erste Queer Tango Argentino Festival in Hamburg ins Leben.

Nach und nach folgten weitere Festivals weltweit, darunter auch im Sommer 2009 als Rahmenprogramm der World Out Games in Kopenhagen und – seit sechs Jahren – in Buenos Aires. Im Ursprungsland des Tanzes dürfen bis heute lesbische und schwule Tangotänzer auf Hetero-Veranstaltungen nicht offen gleichgeschlechtlich tanzen. Mariana Falcon, die Co-Initiatorin des dortigen Festivals, erzählt gerne auch die Anekdote, wie einmal eine Tangoschülerin wutschnaubend einen Kurs mit der Begründung verlassen habe, dass die Lehrerin ’ne Lesbe sei. Eine schlimmere Beleidigung ist der Tänzerin vermutlich nicht eingefallen…

Astrid Weiske Queertango Berlin

Astrid Weiske, Foto: Katya Valentini

Da die Queertango-Szene weltweit recht übersichtlich ist, ist es überall ähnlich schwer, regelmäßige wöchentliche Tanz-Veranstaltungen zu etablieren. Tangobegeisterten Lesben, die ihrer Passion nicht nur auf Festivals frönen, sondern regelmäßig ausgehen wollen, bleibt daher nur der Weg in die Hetero-Szene. Astrid Weiske, die regelmäßig Queertango-Kurse in Berlin anbietet, rät ihren Schülerinnen aus eigener positiver Erfahrung, genau das zu tun. Als führende Lesbe fand sie es selbst anfangs nicht leicht, Frauen auf der „Milonga“ aufzufordern. „Da kommen lesbische Urängste hoch: dass die Frauen denken, die will was von mir oder dass sie unangenehm berührt sind, wenn ich sie um einen Tanz bitte. Aber je mehr man sich im Tanz entwickelt, desto sicherer wird man auch in dieser Hinsicht.“ Wie auch Lexa und viele andere erfahrene führende Tänzerinnen, tanzt und unterrichtet sie zusammen mit heterosexuellen Trainingspartnerinnen – Lesben mit langer Tanzerfahrung sind bisher noch rar gesät, zumal es ja auch auf der Ebene des tänzerischen Ausdrucks und der kreativen Einstellung zwischen den Tänzerinnen „funken“ muss.

Astrid unterrichtet den Tango mit ständigem Führungswechsel, d. h. die Schülerinnen legen sich nicht per se auf eine Rolle fest. Sie versteht den Queertango damit auch als Abbild lesbischer und schwuler Lebenskultur, „wir wollen ja nicht unbedingt ein heterosexuelles Bild widerspiegeln – wir alle tragen Anteile beider Geschlechter in uns“, resümiert sie ihre Einstellung, die von vielen Queertango-Unterrichtenden so auch geteilt wird. „Die Tänzerin stellt sich quasi immer wieder in die Schuhe der anderen und versteht so viele Bewegungsabläufe besser. Die Folgende reagiert also nicht nur passiv auf Bewegungsimpulse, sondern kann auch etwas zurückgeben, aus dem wieder ein neuer kreativer Impuls für das Paar entsteht.“ Hanna, eine ihrer fortgeschritteneren Schülerinnen, die in Astrids Kurs nicht nur ihre Tanzpartnerin kennen-, sondern auch lieben gelernt hat, genießt es, je nach Stimmung in beiden Rollen tanzen zu können. „Es spricht mehrere Facetten meiner Persönlichkeit an, ich kann mit Identitäten spielen. Ich bin dann auch mal im Rock unterwegs und mache einen auf feminin. Oder wenn die Arbeit stressig war, dann klappt’s vielleicht auch nicht so mit dem Führen, dann lass ich mich mal fallen.“

Unlängst wurde auch in der Berliner Hetero-Welt im Tangostudio „Mala Junta“ eine führende Frau im Drag-Outfit mit Schiebermütze und Hosenträgern zum „Milonguero der Herzen“ (Milonguero = erfahrener Tangotänzer) gekürt. Daraus lässt sich im Grunde nur ein einziger Schluss ziehen: die Tangoszene braucht im Zuge eines Kampfes für mehr Gleichberechtigung in der Gesellschaft definitiv mehr Frauen in Führungspositionen!

Vom 24.–27. Juli 2014 findet das 4. Internationale QueerTango-Festival in Berlin statt, initiiert von Astrid Weiske im Jahr 2010, ein Jahr, nachdem der Artikel entstand. Sie hat an ihre Vision eines solchen Festivals für Berlin geglaubt und Recht behalten – schon im ersten Jahr seines Bestehens war es das bestbesuchte QueerTango-Festival weltweit. Das ist, so vermute ich, auch der Anziehungskraft der lebendigen Queer- und auch der großen Tangoszene der Stadt zu verdanken. Und gewissermaßen eine Liebeserklärung an Berlin, das sich bei Tourist_innen immer größerer Beliebtheit erfreut.

Für Infos zum Berliner QueerTango-Festival hier lang…

Zu Lexas Tangoblog geht es hier…

Rotterdam: www.queertango.nl

Stockholm: http://tangoportalen.com/tangoverkstan

London/Devon: www.gaytango.co.uk

Boston (USA): www.queertangoboston.com

Seattle (USA): http://queerseattletango.com/

San Francisco (USA): http://www.queertangosf.com/

Buenos Aires (ARG): www.tangoqueer.com

St. Petersburg (RUS): Queer Tango Festival St. Petersburg & Queer Tango Club

 

Erstveröffentlichung in: L-MAG Nr. 5-2009

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Das Schreibfaultier

60er Jahre Schreibmaschine

Foto: DeyZ-S/photobucket.com

Nichts ist zugleich leichter und schwieriger als das Schreiben. Unzählige miese Bloggerinnen und Blogger künden davon. Wenn es etwas gibt, das ich kann, dann ist das Schreiben. So unendlich Vieles aber kann dem Schreiben im Weg stehen. Und glaubt mir, ich spreche da aus Erfahrung…

Alle paar Wochen schrecke ich plötzlich hoch und denke, „Verdammt, wie lang ist jetzt eigentlich dein letzter Blogbeitrag her?!“ – nur um entsetzt festzustellen, dass in meinem wildbewegten Leben schon wieder 3, 5 oder 7 Wochen verstrichen sind, ohne dass ich auch nur im entferntesten darüber nachgedacht hätte, meine Social-Media-Aktivitäten zu pflegen. Was ja nahezu als tödliches Vergehen in der heutigen schnelllebigen Zeit gilt. Anders als meine Freundin Jana plane ich meine Beiträge nicht systematisch vor. Es gilt keinen gigantischen LeserInnenstamm bei Laune zu halten, sondern ich sehe das Blog als reine Spielwiese an. Als Aushängeschild meiner Arbeiten, das auch. Solche, die sonst vielleicht einfach nicht mehr gelesen werden, weil sie vor Jahren irgendwo in einer Zeitschrift erschienen sind und sich seitdem nie wieder jemand dafür interessiert hat. Obwohl sie gut und nach wie vor aktuell sind. Und vielleicht auch spannend zu lesen für einige Menschen, die sich speziell mit diesem Thema „Tango“ beschäftigen und die das seichte romantisierende Kitschzeugs über haben, das man sonst so in Blogs liest. Oder die ewigen historischen Abhandlungen über Orchester XY. Über deren sporadischen und zufälligen Besuch auf meiner Seite ich mich freue, ebenso wie über die angelegentlichen Hits über Suchmaschinen.

Diese Erkenntnis meiner Säumigkeit – „ups, ich muss mal wieder was ins Blog setzen, sonst liest ja hier keiner mehr mit“, führt bei mir regelmäßig aber auch dazu, darüber nachzudenken, was es mit dem Schreiben und mir ganz speziell – im Binnenverhältnis sozusagen –eigentlich so auf sich hat. Klaromat: Computertastatur, draufhauen, fertig. Außerdem hab ich eine schöngeistige Fächerkombination studiert und arbeite seit genau 10 Jahren als professionelle Journalistin. Das Handwerk oder die Mechanik ist also nicht das Problem. Wenn es etwas gibt, das ich kann, dann ist das Schreiben. Neenee, so leicht ist das eben nicht. Komische psychische Blockaden, ewiges Prokrastinieren, lieber ein Nickerchen einlegen oder dringend Fenster putzen müssen – unendlich Vieles kann dem Schreiben im Weg stehen. Und glaubt mir, ich spreche aus Erfahrung… Es gab viele und lange Phasen in meinem Leben, in denen ich einfach überhaupt gar keine Lust zum Schreiben hatte. Was ziemlich blöd ist, wenn man seinen Lebensunterhalt damit verdient, das muss ich schon zugeben…

Ich musste mich regelrecht an den Schreibtisch und die Tastatur zwingen. Was zu regelmäßigen nächtlichen Schreiborgien mit üblem Schlafentzug und echten Stresssymptomen ausartete, weil ich natürlich tagsüber die große Wäsche gemacht, sämtliche Fenster geputzt, lecker gekocht und eingekauft und noch einige minder interessante Krimifolgen im Fernsehen angesehen hatte, nur um UMGOTTESWILLENNICHTMITDEMSCHREIBENANFANGENZUMÜSSEN!!!

Während der Magisterarbeitsphase hab ich übrigens angefangen einen Krimi zu schreiben, nur um nicht an der Magisterarbeit weiterschreiben zu müssen. Same same but different mit der Doktorarbeit: ich hab diverse Online-Portale ins Leben gerufen und geschrieben bis mir die Fingerkuppen bluteten. Aber eben alle möglichen Texte AUSSER der Diss. Die meisten über Tango, by the way… Das war auch eine ziemlich erfolgreiche Strategie, muss ich sagen. Den Magister hab ich grad noch so hingekriegt, mit Verlängerung und üblem Heuschnupfen, Heulen, Zittern und Zähneknirschen, Red Bull und Kaffee. Das waren ja auch nur so rund 80 Seiten, das kriegt man in 6 Wochen hin, wenn das Material schon vorhanden ist.

Aber die Diss schreib ich seit 9 Jahren nicht. Was wirklich total bescheuert ist, denn ich hab großartige Thesen, die mich regelrecht inspirieren und oft beflügeln, sie NOCH weiter zu denken. Die auch noch kein anderer Mensch hatte, das wäre also ein regelrecht bahnbrechendes Werk. Die Leute würden sich einen Arm und ein Bein dafür ausreißen, es zu lesen. Ich krieg sogar Anfragen via Facebook, ob und wann sie denn publiziert wird, man würde gerne daraus zitieren. Dumm nur, dass ich das VERFICKTE Ding immer noch nicht ANGEFANGEN habe!! Meine Professorin war übrigens der Überzeugung, „Frau Koepping, Sie schreiben doch schnell, das ist bei Ihnen doch ratzfatz gemacht, machen Sie sich da mal keine Sorgen.“ Die hielt auch immer große Stücke auf mich und zeigte sich über so manchen Aufsatz regelrecht begeistert. Meine Professorin ist übrigens längst in Rente und vermutlich auch schon tot und begraben, eh ich die Arbeit jemals anfange. Wenn ich sie denn anfange. Das ist nämlich das eigentliche Problem. La Profesora hatte in Bezug auf die Schnelligkeit schon Recht. Sie hatte nur nicht einkalkuliert, dass ich einfach nicht damit anfangen würde. Jahrelang nicht. So ganz entschließen kann ich mich derzeit aber auch noch nicht, mit dem Thema ein für allemal abzuschließen und das Material zu entsorgen. Das war schon verdammt viel Arbeit, das alles zusammenzutragen. Ja, und es ist ja auch wirklich alles da. Kein Problem. Alles im Kopf schon fertig.

Das Gerüst steht, die Ideen sind nahezu messerscharf durchanalysiert und in Gedanken schon auf eine Conclusio hingezimmert. Ich müsste mich halt einfach mal hinsetzen und auf S. 1 anfangen und losschreiben. Ich bin zuversichtlich, dass ich das Ding in 2 Monaten fertiggeschrieben hätte. Ohne Scheiß. Egal wie. Eine akademische Karriere strebe ich nicht an und der Doktortitel bringt mich beruflich auch nicht notwendigerweise woanders hin als ich jetzt bin. Also: warum tu ich das nicht einfach? Augen zu und durch? Schließlich kann ich zur Zeit nicht mal die Ausrede anbringen, dass ich einen total stressigen Job habe und grad ÜBERHAUPT keine Zeit, mich auch nur ansatzweise mit der Diss zu beschäftigen.

Lange Zeit war einer der Gründe, dass ich mich soviel und so intensiv mit ihrem Thema beschäftigt hatte, dass ich am Ende schon gar keine Lust mehr hatte, das alles aufzuschreiben. War ja im Kopf schon fertig. Schien mir überflüssig, den ganzen Senf nochmal aus der Tube zu drücken, um ihn aufs Papier zu bringen. Sehr, sehr lange Zeit. Neuerdings hab ich doch wieder Lust an meinen Thesen bekommen, plötzlich bekamen sie andere, schärfere, ganz frische Konturen. Wie das passiert ist? Ich saß in einem Café mit einer entfernten Bekannten, der Freundin zweier Freundinnen. Ich hatte ihr bei einem Problem mit ihrem Fahrrad geholfen. Wir waren in einer Ausstellung und an einem sonnigen Tag spazieren. Sie lud mich auf einen Kaffee ein und wir sprachen über gescheiterte Projekte. Sie ist Filmemacherin. Und schafft es einfach nicht, ihren Abschlussfilm für die Filmhochschule auf die Reihe zu kriegen. Obwohl sie Stunden um Stunden an Material gedreht und jede Menge Geld investiert hat. Das ihr jetzt fehlt, um ein komplett anderes Projekt auch nur anzudenken. Den Abschluss sausen lassen: total blöde Idee. Eine echte Patt-Situation.

Ich erwiderte darauf ganz entspannt, dass ich mit der Diss diese Not gar nicht hätte. Im Grunde könnte ich sie halt einfach jetzt mal schreiben, da würde mir gar kein Zacken aus der Krone fallen. Es wäre aber auch kein Drama, es zu lassen. Und dann fragte sie mich, was denn das Thema sei. Und ich fing an zu erzählen. Und erzählte und erzählte. So richtig konnte ich mich schon nicht mehr an das Ausmaß meiner Thesen und Argumentationsketten erinnern, ist ja auch alles schon ganz schön lange her. Aber beim Reden erwärmte ich mich regelrecht. Ich glaub, ich hab sie ordentlich zugelabert. Und ich kriegte plötzlich Lust, an dem Thema weiter zu arbeiten. Vielleicht ist das ja ein guter Zeitpunkt, um wirklich damit anzufangen? Blöd nur, dass es keine reale Deadline gibt. Ich habe alle Zeit der Welt dafür. Das ist ein echtes Handicap. Denn dann kann ich ja auch erst mal Fenster putzen gehen. Das haben die nach dem Winter aber auch bitter nötig. Und ich will auch schon seit Jahren ENDLICH mal alle meine Zimmerpflanzen umtopfen…

Übrigens müsste ich jetzt eigentlich auch einen anderen Text schreiben. Einen, mit dem ich Geld verdiene. Dessen Thema ich total spannend finde. Es treibt mich seit einigen Wochen um. Kein langer Text. Im Grunde ist er auch schon angefangen, also die erste Hürde ist erfolgreich genommen. Aber zeitgleich hatte ich eben plötzlich die Idee zu diesem Text über das Schreiben. Und wenn ich sowas nicht sofort in die Tat umsetze, dann wird da nie was draus. Kenne ich schon, siehe oben. Das wird dann einfach noch eine weitere Idee, die ich ewig vor mir herschiebe. So ist das immer. Ich arbeite hochkonzentriert und sogar recht inspiriert an einem Text und plötzlich krieg ich 10 andere Ideen, was ich noch alles schreiben könnte. Als würde sich im Akt des Schreibens so eine Art Tor in eine andere Dimension auftun, aus der diese ganzen Ideen und ungeschriebenen Texte wie eine kreative Sturzgeburt einfach so rausfallen. Vielleicht ist das psychologisch dadurch erklärbar, dass ich sie in meinen Prokrastinier- und Totalblockadephasen zu lange unterdrückt habe und jetzt wollen die gehört werden? So wie unterdrückte Kindheitsängste? – Und dann ist es natürlich auch so, dass die Deadline noch nicht eng genug ist, um mich wirklich in Panik ausbrechen zu lassen. Ich lieg gut in der Zeit, immerhin noch 4 Tage bis zur Abgabe. Das klingt doch ganz gemütlich. (Abgesehen davon, dass ich morgen die Steuererklärung machen muss und noch ein zweiter Textauftrag wartet und ich diverse Termine nächste Woche habe und Donnerstag wegfahren will…)

– Jetzt hab ich es doch erfolgreich durch einen Blick auf Facebook geschafft, zwei ganze Stunden mit einer völlig anderen Beschäftigung zu vertrödeln, nämlich das ganze heutige Themenangebot von Spiegel Online einmal KOMPLETT durchzulesen UND diverse Einträge im Blog meiner Schwester, das ich grade erst entdeckt habe. Herrlich. Und jetzt ab ins Bett! Die Prokrastinier-Aufgaben des heutigen Tages habe ich mit Bravour nicht nur gemeistert, sondern übererfüllt: Einen Artikel vor mir hergeschoben durch das Schreiben eines anderen und diesen dann nicht beendet, weil ich irgendwo im Netz rumstöbern musste. Das finde ich so köstlich, dass ich mein Textfragment jetzt poste und einfach irgendwann daran weiterschreibe, wann es mir gerade so in den Kram passt… ;D

Bei Spiegel Online gibt’s übrigens die ideale Lösung aus der Krise…

 

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Abbilder vom besseren Leben

s/w-Foto: George Friedmann, Buenos Aires 1950, Blick auf den Obelisken

Foto: George Friedmann – argus fotokunst, Stadtansicht Buenos Aires (um 1950)

Noch bis zum 11. Mai 2013 ist in der Berliner Galerie argus fotokunst eine Auswahl von schwarz/weiß-Prints des Fotografen George Friedmann aus Buenos Aires unter dem Titel „Fotonovela Argentina“ zu sehen. Wer sich für historische Aufnahmen im Bereich der Mode- und Architekturfotografie interessiert, sollte sie sich nicht entgehen lassen, zumal die Galerie auch für Berlin-Besucherinnen und -Besucher günstig in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Friedrichstraße gelegen ist. Ab dem 4. Mai bis Ende Juni 2013 werden Bilder Friedmanns dann übrigens in Köln im Forum für Fotografie gezeigt.

Der gebürtige Ungar György Friedmann arbeitete seit 1927, als er im zarten Alter von 17 Jahren seine Karriere als Fotograf begann und seine Heimatstadt Miskolc in Ungarn verließ, u. a. in Paris für die Filmzeitschriften Pour Vous und für L’Intransigeant. Ab 1933 fasste er auch in den Filmindustrien von London und Hollywood als Standfotograf und Kameramann Fuß und machte sich als Reportage- und Reisefotograf für Magazine wie „Paris Match“, „Time“ oder „Life“ einen Namen. Im Jahr 1937 emigrierte er wegen des in Europa erstarkenden Faschismus, da er jüdischer Herkunft war und lebte ab 1939 in Argentinien.

Die Themen seiner später entstehenden Reportagen aus den Provinzen waren die ganz einfachen Menschen, das raue Leben der Gauchos und der Arbeiter in den Minen und Fabriken. Einige Beispiele seiner Reportage-Fotografie sind auf der Galerie-Website zu sehen, sie sind jedoch nicht Thema der gegenwärtigen Ausstellung. Vielmehr ist es der zweite fotografische Schwerpunkt Friedmanns, den Galerist Norbert Bunge diesmal in den Fokus nimmt. Friedmann produzierte nämlich auch ausgefeilte fotografische Inszenierungen, die in Frauenzeitschriften als Fotoromane erschienen, ein sehr beliebtes Genre der 60er und 70er Jahre. 1970 übernahm Friedmann die Redaktion des Magazins „Idilio“, bei dem er auch als Cheffotograf tätig war. „Idilio“ war ein Frauenmagazin mit Gesellschaftsreportagen, Modetipps und von sogenannten „Fotonovelas“, die der Ausstellung bei argus fotokunst ihren Titel gaben.

Jedes einzelne Bild scheint dabei eine ganze Geschichte zu erzählen, beinahe als wäre es ein willkürlich gewählter Ausschnitt aus einem Film. Dieser narrativen Annäherung an die Fotografie kommt sicherlich die langjährige Tätigkeit Friedmanns als Setfotograf und Kameramann zugute. Ihm gelingt dabei der Aufbau eines Spannungsfeldes, in dem sich der Betrachter, respektive die Betrachterin, als Voyeur oder Voyeurin in die Geschichte hineingezogen fühlt, so als stünde man nur wenige Meter entfernt von den Protagonisten und beobachte sie bei ihrem Tun. Zugleich wird man das merkwürdige Gefühl nicht los, als würde man dieses Bild kennen, etwa aus einem alten französischen Film, den man vor langer Zeit einmal im Fernsehen gesehen hat. So zeigt die „Fotonovela Marty y Carlos“ von 1960 eine junge Frau und einen Mann in einer Abendstimmung vor dem Hintergrund einer historischen Brücke oder eines Brunnens, beleuchtet von Straßenlaternen, die an das Paris der Jahrhundertwende erinnern. Sie, blond, Pferdeschwanz, modisch gekleidet, er lässig mit Kippe und schwarzem Rollkragenpullover. Was ist die Geschichte zu diesem Bild? Haben sie sich gerade an diesem Platz verabredet und überlegen, was sie jetzt unternehmen sollen? Besprechen sie ein wichtiges Problem? Sind sie ein Paar, ineinander verliebt gegen den Willen ihrer Eltern? Unwillkürlich kommen hier Filme der Nouvelle Vague in den Sinn.

Dennoch tut sich eine merkwürdige Anomalie in diesen Inszenierungen auf, die als nagendes Störgeräusch im Hinterkopf verharrt, eine Art „Bildrauschen“. Denn deutlich ist zugleich: es ist keine Straßenansicht von Paris, es ist Buenos Aires und auch die Protagonisten sind keine französischen Schauspieler, sondern haben etwas spezifisch Argentinisches, das sie mit in die Inszenierung nehmen, ohne dass man sogleich den Finger darauf legen könnte. Sie imitieren eine Welt des Films, sie sind ein Abbild, kein Duplikat, lediglich eine genau beobachtete Nachbildung mit kleinen Abweichungen. Dieser Bruch macht die Inszenierung umso interessanter, denn in gewisser Weise ist das Bild aus der Distanz der seit seiner Erstpublikation verstrichenen Jahre zugleich historisches Zeugnis einer vergangenen Ära Argentiniens, die darin auf immer und ewig eingefroren scheint. Besonders frappierend kommt dies zum Ausdruck, wenn das Bild selbst bewusst inszenierte ikonische Zitate enthält, die als Zeichen für die selbstgewählte Identität der Stadt Buenos Aires als Hafen- und Einwandererstadt stehen.

Etwa in Bild 14 der Ausstellung, „Abschied“ von 1962, auf dem Hafen- und Werftanlagen zu sehen sind, während sich ein Paar im Vordergrund voneinander verabschiedet. Offenkundig ist es der Mann, der abreist. Ist er Seemann? Verlässt er Argentinien für immer oder tritt er nur eine längere Reise an? Ist die Frau seine Geliebte oder seine Schwester? Ganze Geschichten lassen sich um diese eine Szene entwickeln.

Einige wenige reine Stadtaufnahmen sind gleichfalls in der Ausstellung zu sehen, etwa La Boca bei Nacht von 1960, Aufnahmen von der Avenida Corrientes und vom Obelisken, die ungewöhnliche Perspektiven zeigen oder die Monumentalität der Architektur und zugleich eine gewisse Unbelebtheit suggerieren. Sie zeigen einen Blick auf eine Stadt, die sich selbst einige Bedeutung beimisst. Zurück bleibt ein schwebender Eindruck, der magisch eine arbeitsame, hoffnungsfrohe Vision der Zukunft verheißt. Wer Buenos Aires aus heutiger Zeit kennt, begibt sich in diesen Bildern auf eine faszinierende Reise zurück in eine Zeit vor Militärdiktatur und Staatsbankrott.

s/w-Foto: Bildausschnitt aus Fotonovela George Friedmann - Die Liebe zum Fliegen

Foto: George Friedmann, argus fotokunst – Die Liebe zum Fliegen (um 1960)

Ein Höhepunkt der Ausstellung ist sicherlich die Bildserie „Die Liebe zum Fliegen“ von 1960. Die Bilder atmen förmlich den Geist des Films „Casablanca“ aus dem Jahr 1942, doch sind es nicht Ingrid Bergmann und Humphrey Bogart, die sich im Flugzeughangar voneinander verabschieden, während im Hintergrund undurchdringlicher Nebel aufzieht, sondern ein namenloser Mann und eine namenlose Frau. Vielleicht verabschieden sie sich ja auch gar nicht? Er trägt die Uniform eines Flugkapitäns, sie einen Mantel, die blonden Haare zu einem Knoten geschlungen.

Vielleicht ist sie ja eine Stewardess und die beiden haben ein Verhältnis, haben sich ein paar Minuten füreinander gestohlen, auf dem Weg zu dem Flugzeug, das sie in unbekannte Gefilde tragen wird. Deutlich wird, dass die Szene „Casablanca“ nur zitiert, denn die sichtbaren Propellerflugzeuge sind recht große Passagiermaschinen und deutlich jüngeren Datums. Mode und Frisur der Frau im Mantel erinnern an Evita. Ist das so, dass der Stil der bereits 1952 verstorbenen argentinischen First Lady tatsächlich noch so stark die Gesellschaft beeinflusst, dass er als Ideal in den Frauenzeitschriften um 1960 gehandelt wird? Ich kann die Frage selbst nicht fachkundig beantworten, dafür fehlt mir das Vergleichsmaterial aus anderen argentinischen Zeitschriften jener Zeit, doch natürlich trägt auch z. B. Kim Novak in Hitchcocks „Vertigo“ aus dem Jahr 1958 eine ähnliche Frisur. Aber vielleicht haben die ja in anderen Teilen der Erde auch einfach nur Evita kopiert…

Genau dieses Spannungsfeld aus Inszenierung und Überhöhung, in dem sich die Bilder Friedmanns bewegen, ist es, das auch den Galeristen Norbert Bunge fasziniert. „Es ist eine fremde Welt, die sich in den Bildern zeigt, nicht die Realität. Mich interessiert die abgebildete Ästhetisierung menschlicher Gefühle von Trauer bis Freude. Bei jüngeren Fotografen fehlt mir persönlich die Emotion, die sind mir zu kalt. Vor allem die technische Perfektion und die fotografische Auffassung Friedmanns finde ich spannend“, erzählt er in einem kurzen Gespräch während der Ausstellungseröffnung. Norbert Bunge, der die Galerie argus fotokunst seit nunmehr 17 Jahren betreibt und im Mai seine 100. Ausstellungseröffnung feiert, lernte Friedmanns Werk leider erst im Todesjahr des Fotografen (2002) kennen, in einem Umweg über das Werk von Max Jacoby, der 1957 nach Berlin zurückkehrte und hier bis zu seinem Tod im Jahr 2009 lebte. Jacoby erlernte in Argentinien bei Friedmann sein fotografisches Handwerk. Beide waren Teil einer Gruppe, die sich „La Carpeta de los Diez“ nannte, ein loser Zusammenschluss herausragender Fotografinnen und Fotografen aus Südamerika, die die fotografische Ästhetik der Zeit prägten.

Auffallend ist neben der bereits erwähnten technischen Perfektion, die auch heute noch die Herstellung gestochen scharfer Prints von den Groß- und Mittelformat-Negativen Friedmanns erlaubt, wie Bunge versichert, die herausragende Kunstfertigkeit Friedmanns beim Umgang mit natürlicher und künstlicher Beleuchtung. Licht und Schatten, die Inszenierung von Vorder- und Hintergrundszenarien, das Arrangement des Personals in vorhandenen „Kulissen“, das Spiel von Sonnenstrahlen, die durch Blätterdächer hereinfallen, der diffuse Charme von Straßenlaternen, etc., legen die Interpretation nahe, die offenkundige Künstlichkeit oder sogar Überhöhung der Szenerie, um nicht zu sagen: das darin durchscheinende Pathos, seien bewusst erzeugt. Damit rückt das Abgebildete einerseits in die Ferne: die durchschnittliche Leserin der Frauenzeitschriften, in denen diese Fotonovelas erschienen, dürfte wohl einen ganz gewöhnlichen Alltag als Arbeiterin, Sekretärin, Krankenschwester oder Hausfrau gehabt haben. So hatte sie die Möglichkeit, sich von ihrem eigenen Leben zu entrücken, sich hineinzuträumen in die abenteuerreiche und irgendwie bedeutungsvollere Bildwelt der sogenannten „besseren“ Gesellschaft, die auch Hollywood zu der Zeit auf Zelluloid einfing.

George Friedmann, argus fotokunst – Feine Gesellschaft (um 1960)

Foto: George Friedmann, argus fotokunst – Feine Gesellschaft (um 1960)

Die filmische Ästhetik der Fotografien ist unterschwellig melodramatisch, mit sehr ausdrucksstarken Protagonistinnen und Protagonisten realisiert, die sich etwas zu sagen haben, deren Worte sich über Blicke, Gesten, Berührungen übertragen und damit den Betrachter oder die Betrachterin über das Bild hinaus mit der Bildstimmung „anstecken“ und eine Nähe zum fotografierten Subjekt suggerieren. Denn anders als in Hollywood produzierte Filme lagen die Fotoromane von Friedmann näher an der Realität der Leserin. Sie zeigten bekannte Orte aus dem Stadtraum von Buenos Aires, die jedermann und jederfrau zugänglich waren. Durch die Einbindung in ein fotografisches Narrativ erhielten diese alltäglichen Orte jedoch eine Überhöhung, die sie den Alltagsräumen regelrecht enthoben, diese zu einem idealeren, einem erträumten Ort werden ließen.

Man muss sich in diesem Zusammenhang in Erinnerung rufen, in welcher Zeit die ausgestellten Bilder entstanden: zwischen den 50er und 70er Jahren. Juan Perón gab 1955 bei einem Militärputsch die Regierung ab und um das Jahr 1960 herrschte eine Art instabiler Demokratie peronistisch beeinflusster Regierungschefs, bis 1963 war dies Frondizis, das Erstarken der rechten Militärs fand erst ab 1966 statt. Die Bilder bewegen sich historisch gesehen also zwar in einer Zeit politischer Instabiliät, jedoch gesellschaftlich relativer Freiheit noch weit vor dem Beginn der bis in alle Bevölkerungskreise hineinreichenden Angst vor den repressiven Militärdiktaturen der 70er. Gerade dieser Kontext ist es, der mich persönlich fasziniert, denn er erzählt viel über eine Zeit, in der historisch gesehen der Tango als Gesellschaftstanz an Bedeutung verlor. Wer sich gerne mit der Geschichte Argentiniens beschäftigt, wird sicherlich vom Besuch der Ausstellung profitieren.

Noch ein kleiner Tip beim Ausstellungsbesuch: da die Bilder nur mit Nummern versehen sind, empfiehlt es sich, sich die Preisliste aushändigen zu lassen, die die Jahreszahlen der Entstehung der Fotografien enthält und ihre Titel. Das ermöglicht viel größere Rückschlüsse auf den Kontext ihrer Zeit. Auch gibt es bereits aus dem Jahr 2003 einen Katalog, den die Galerie argus fotokunst mit einer kleinen Biografie und Fotografien Friedmanns ausgestattet hat. Er ist nicht teuer und wird auf Anfrage sicherlich auch gerne gegen Überweisung per Post verschickt.

Zur Galerie-Website geht’s hier….

Einige Beispiele der Reportage-Fotografie Friedmanns finden sich hier…

Und hier sind noch mehr Eindrücke der Fotonovelas zu finden…

„Fotonovela Argentina. Fotografien aus Buenos Aires“, noch bis 11. Mai in der Galerie argus fotokunst, Marienstr. 26, 10117 Berlin-Mitte, geöffnet von Mittwoch–Samstag, 14 bis 18 Uhr

„Fotonovelas – Ausgewählte Arbeiten von George Friedman“, 4. Mai – 30. Juni 2013, Forum für Fotografie, Schönhauser Str. 8, 50968 Köln, geöffnet Mi–Fr von 14 bis 18 Uhr und Sa/So ab 12 Uhr. Zur Website…

 

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Soll’s ein Tänzchen mehr sein? – Miettänzer in Berlin

Darfs ein Tänzchen mehr sein?

Fotos: Torsten Moebis

Das Internet macht’s möglich: schon zwei Monate vor seinem Entstehen wird ein Artikel, der in der Tangodanza erscheinen soll, im Netz avisiert, sein vermutlicher Inhalt auf das Lebhafteste diskutiert. Emotionen kochen hoch, Befindlichkeiten, die zum Alltag auf der Milonga gehören, werden thematisiert, kritisiert, zurecht gerückt und in einem neuen Lichte besehen. Ein Politikum, nein: ein Skandalon! Der Auslöser: Die Berliner Tanzlehrerin und Veranstalterin Ines Moussavi bot im Rahmen ihres „Ladies Easter“ Workshops Anfang April 2010 den Teilnehmerinnen die Möglichkeit, für das abendliche Milongavergnügen Tänzer gegen Bares zu engagieren. Und sie war bei weitem nicht die Erste: seit fünf Jahren existiert in Berlin die Agentur „Be my Dancer“, die diskret Tänzerinnen und Tänzer zur Miete vermittelt. Taxitänzer – mehr als nur eine Dienstleistung?

Ein bisschen verloren sehen die beiden aus, wie sie da am Ausgang des „La BerlINESa“ stehen, schon im Mantel. Gabi ist 54 und kommt aus einer mittelgroßen Kleinstadt in Franken, Julian ist knapp halb so alt und aus Berlin. Gabi hat den Sprung ins kalte Wasser gewagt und Julian für eine Stunde engagiert, 30 Euro kostet sie der Spaß. So ganz geheuer ist ihr die ganze Situation aber noch nicht, das sieht man ihr an. Keine Rettung naht, nein, es hilft nichts – die beiden ziehen los zur Freitagsmilonga im „Tango tanzen macht schön“ in Kreuzberg. Eine andere Teilnehmerin am „Ladies Easter“, die die beiden auf der Milonga beobachtet, wird später in einem Gastbeitrag des Blogs „Tangoplauderei“ notieren: „Sie hat so ausgesehen, wie ich mich immer fühle, wenn ich bei meinem Tangolehrer eine Einzelstunde nehme. Es ist kostbare Zeit, weil der Herr sich so total nach der Dame richtet und sich selbst so komplett zurück nimmt, aber dennoch schaut, dass die Dame sich entfalten darf. Und diese Dame hat sich entfaltet. Ganz sanft – ich habe den beiden länger zugeschaut, weil es mich so fasziniert hat.“

Aufforderung zum Tanz

Darf’s auch ein Tänzchen mehr sein?

Für Sonntagabend wird Gabi dann noch einen weiteren Tänzer buchen – Oliver. Oliver unterrichtet im „La BerlINESa“ und ist auch in der Kartei der Agentur „Be my Dancer“ zu finden. Auch er ist noch sehr jung, 23, Gabi sieht das pragmatisch, „mir ist ein jüngerer Tänzer fast lieber, denn Tanzen macht glücklich und man guckt dann auch glücklich – das könnte missverstanden werden. Bei einem jüngeren Mann muss ich keine Angst haben, dass der auch sonst noch was von mir will.“ Es ist ein klarer Deal: Tanzen mit Mietvertrag, die Bedingungen sind eindeutig vertraglich festgelegt. Aljoscha, der sich am ersten Abend des „Ladies Easter“ zusammen mit den anderen Taxitänzern vorstellte, wollte sie dann aber doch nicht buchen – der sähe ein bisschen aus wie ihr Sohn, gesteht sie, das könne sie nicht. „Eine gewisse Grundscheu“ hätte sie anfänglich überwinden müssen, die Taxitänzer anzusprechen, wie sie sagt, denn „es ist schon ein bisschen im Hinterkopf, dass ich mir da jetzt ‚einen Mann kaufe‘ und das will ich ja im eigentlichen Sinne nicht“.

Ines Moussavi hat die Hürden für die Workshopteilnehmerinnen allerdings wohldurchdacht niedrig gehalten: Teilnehmerinnen und Taxitänzer wurden von ihr zum Auftakt des Workshop-Wochenendes zu einem gemeinsamen Abendessen in familiärer Atmosphäre in ihr gemütliches Wilmersdorfer Loft eingeladen, wo auch die Workshops stattfinden. Nach dem Erstkontakt hatten alle interessierten Teilnehmerinnen die Möglichkeit, ein ebenso zwangloses wie unverbindliches Tänzchen mit den Taxitänzern zu wagen, um deren Führungsqualitäten auf Eignung zu prüfen. Wie sie auf die Idee mit den Taxitänzern kam? „Bei einem Ladies-Event in Buenos Aires, das ich mal mitgemacht habe, ist mir aufgefallen, dass es da eine Menge Taxitänzer am Abend gab. Es sind halt auch ein bisschen ältere Semester, so wie ich, um die 50, bei diesen Workshops dabei und die tun sich dann schon deutlich schwerer, in einigen Milongas aufgefordert zu werden. Das Problem fand ich mit Taxitänzern sehr erfolgreich behoben.“ Ausschlaggebend für die Auswahl der Taxitänzer im „La BerlINESa“, die sich auf einen Aufruf in einem Internetforum bei ihr gemeldet haben, seien weder gutes Aussehen noch Alter gewesen, sondern, „dass sie begeistert tanzen, noch nicht mal unglaublich gut, und dass sie bereit sind, sich auf jemanden einzulassen, d. h. den Frauen einfach Spaß bereiten, die sie mieten.“

Kein Sekt für Miettänzer

Ob Sekt oder Selters –
der Tänzer zahlt selbst

Anders als dies in Buenos Aires praktiziert wird, war es Ines jedoch wichtig, dass die Taxitänzer von ihren Kundinnen nicht noch die Getränke und den Eintritt für den Abend bezahlt bekommen, „das fänd ich dann einfach zu gigolomäßig, 30 Euro die Stunde ist auch eine Menge Geld. Ich hab meinen Teilnehmerinnen zudem die Option angeboten, sich eine Taxitänzer-Stunde zu teilen.“ Eine führende Frau hat sich auf ihren Aufruf hin übrigens auch gemeldet, Simone. Für sie sei es eine Selbstverständlichkeit gewesen, eine führende Frau mit vorzuschlagen, sagt Ines. „Ich persönlich tanze supergerne mit Frauen“, auch wenn es wohl nach wie vor – vor allem in der älteren Generation – Berührungsängste gäbe. Sie empfindet es jedoch als sehr angenehm, „die folgen oft selbst und können sich eigentlich sehr viel besser einfühlen, was man als Folgende so braucht“.

Milonguero der Herzen -Frauen sind einfach die besseren Männer

Foto: Mala Junta

Simone hat in Berlin als Führende schon so etwas wie Legendenstatus erreicht, denn sie gewann 2010 den ersten „Milonguero der Herzen„-Contest im Mala Junta, einem Ball mit Damenwahl, bei dem die sich zum Wettbewerb antretenden Herren einer Prüfung auf Herz und Nieren unterwerfen, welcher von ihnen denn die Frauen am aufmerksamsten mit ihrem Tanz beglückt. Simones Kür zum „besten Tänzer“ ließ die Männer aber echt ganz schön alt aussehen, also änderten die Veranstalter für den zweiten „Milonguero der Herzen“-Ball flugs das Regularium: Frauen durften danach nur noch außer Konkurrenz als Führende in Erscheinung treten.
(In meinen Augen eine doofe und diskriminierende Entscheidung, die erfreulicherweise zwischenzeitlich revidiert wurde. Der letzte Ball fand übrigens im März 2012 statt, ob weitere folgen, ist derzeit nicht bekannt.)

Simone, die selbst länger folgt als führt, findet Ines‘ Idee mit den Taxitänzern prima, „Berlin hat ja nicht so einen guten Ruf. Für Leute, die von außerhalb kommen, ist es oft sehr anonym auf den Milongas und wenn dann auch noch Frauenüberschuss herrscht, sitzen die Tänzerinnen da wie auf der Stange.“ Zu ihrer eigenen Überraschung wird sie am nächsten Tag von einer Dame als Taxitänzer(in) gebucht, eigentlich wollte sie am Kennenlernabend nur mal neugierig vorbeischauen. Muss wohl doch was dran sein, an diesem „Milonguero der Herzen“-Ding…

Gabi hat sich den Frauentechnik-Workshop von Ines gezielt im Internet ausgesucht, um sich mehr Tanzpraxis anzueignen, denn sie steht noch relativ am Anfang, was den Tango betrifft. Ihr Freund hat sie ermutigt, das Angebot mit den Taxitänzern zu nutzen. Mit ihm tanzt sie zu Hause Standard/Latein, aber an den Tango kommt er irgendwie nicht ran, das ist nicht seine Musik. Einen Übungspartner habe sie, aber der sei verheiratet – mit dem könne sie nicht abends einfach ausgehen, erklärt Gabi. Stundenlang auf der Milonga zu sitzen und nichts passiert, das kenne sie, das wolle sie in Berlin nicht auch noch erleben. In der kleinen Tangoszene ihrer Heimatstadt kämen im Grunde nur Paare auf die Milonga. „Ich bin halt dann mit der Bardame am Tresen gesessen, hab mir das alles interessiert angeguckt und dann bin ich wieder gegangen.“

Allein kann's an der Bar ganz schön einsam werden, wenn kein freier Tänzer in Sicht ist

Allein kann’s an der Bar ganz schön einsam werden, wenn kein freier Tänzer in Sicht ist

Roland Waizenegger, der vor rund zwei Jahren in Berlin die Agentur „Be my Dancer“ gegründet und im vergangenen Jahr auch Tango-Tänzer in seine Kartei aufgenommen hat, kennt das Problem. Von einer Kundin habe er einmal eine super Rückmeldung bekommen, „Die wollte sich das ganze männliche Elend nicht mehr antun – und dann diese Tanz-Blind-Dates, was sie da schon alles gehört hat. Sie wollte einfach nicht die ganze Zeit rumsitzen und womöglich noch jemanden auffordern – ‚und wenn der dann mitkriegt, dass meine Fähigkeiten noch nicht so toll sind, dann werde ich in dessen Augen ja gleich von der Frau zum Neutrum gewandelt‘. Sie bucht jetzt regelmäßig bei mir und sagt sich ‚ich gönn mir das jetzt einfach mal.“

Gemerkt hat er aber auch, dass das Thema ‚Taxitänzer‘ ein regelrechtes Minenfeld darstellt. Das Tanzen ist emotional stark besetzt, vielleicht auch gerade deswegen, weil der Tango so nah geht und diese Nähe eine Vertraulichkeit schafft, die auch Verletzungen bereithalten kann. Das zeigt auch die Diskussion im eingangs erwähnten Blog „Tangoplauderei“, eine Tänzerin schreibt dort in einem Kommentar: „Ich möchte immer eine persönliche Verbindung zwischen mir und meinem Tanzpartner spüren, die sich aus freien Stücken und nicht gegen Bezahlung ergibt. … Ich möchte gefragt werden, damit ich sicher sein kann, dass er diese Runde und diese Tangos wirklich mit MIR tanzen möchte und nicht aus Höflichkeit oder dem Unvermögen, auch mal nein sagen zu können, denn dann habe ich die Hoffnung, dass wir einander das geben können, was ich im Tango suche.“ Andere Frauen wiederum fühlen sich in ihrer Attraktivität bestätigt, wenn sie regelmäßig aufgefordert werden. Der Umkehrschluss des geknickten Selbstbewusstseins nach einem Abend ohne Tänze schwingt darin schon mit, auch wenn das Nicht-Aufgefordertwerden in kaum einem Fall auf die mangelnde Attraktivität einer Tänzerin zurückgeführt werden kann. Frauen und ihr Selbstbewusstsein…

Heute abend: kein Führungskräftemangel dank Eigeninitiative

Selbst ist die Frau: kein Führungskräftemangel – dank Eigeninitiative

„Beim Thema ‚Taxitänzer‘ geraten die Geschlechterrollen ein bisschen durcheinander“, vermutet Roland Waizenegger, „eine Frau will begehrt werden und erwartet einfach, dass sie aufgefordert wird. Jetzt den Männern hinterher zu rennen, also nein, das kriegen ja die anderen mit. Dann gehen sie lieber gar nicht tanzen.“ Aber auch für die Männer sei diese Umkehrung der Verhältnisse nicht immer leicht zu verkraften, ihn habe schon so manche Anfrage eines Tänzers ereilt, ob er sich die Tänzerinnen denn vorher angucken könne. „Nein, sag ich denen dann, die können Sie vorher nicht angucken. Die Frauen gucken SIE an, aber nicht andersrum. Viele können sich das gar nicht vorstellen, zu jeder Frau charmant zu sein, das sozusagen als Dienstleistung zu begreifen.“ Die Frauen, die die Dienste seiner Agentur in Anspruch nehmen – anders als in Buenos Aires nicht überwiegend Berlin-Besucherinnen, sondern durchaus auch Einheimische – sind seiner Erfahrung nach im übrigen gerade nicht die Mauerblümchen vom Dienst, sondern selbstbewusste, gutverdienende und alleinstehende Geschäftsfrauen ab 40, die sehr wohl begriffen haben, dass ihnen sein Service nicht nur schöne Erlebnisse, sondern auch Zeitersparnis bringt: kein lästiges stundenlanges Herumsitzen mehr, Tanzgenuss pur, Streicheleinheiten für die Seele in der Hetze des Alltags, der oft schon grau genug ist – was soll man sich auch noch auf der Milonga frustrieren lassen. Ran an den Mann, kann ich da nur sagen… Taxi gefällig, meine Damen?

Die Agentur „Be my Dancer“ in Berlin sucht laufend interessierte Taxitänzer für ihre Kartei in den Bereichen Tango Argentino und Standard/Latein. Bedingung: Gepflegtes Auftreten und Spaß daran, anderen Menschen einen schönen Abend zu bereiten. Bewerbungsformular und Kontaktdaten… Auf der Website finden sich für interessierte Kundinnen die Profile der derzeit buchbaren Taxitänzer. Die Bezahlung der Tänzer erfolgt ganz im Sinne einer Dienstleistung per Rechnungslegung über die Agentur – Peinlichkeiten bei der Geldübergabe (ganz anders als auf den Fotos zu diesem Artikel…) sind mithin ausgeschlossen.

Ines Moussavi von „La BerlINESa“ hat nach wie vor das „Ladies Easter“ im Programm, die Buchung von Miettänzern bietet sie allerdings nicht mehr an. (28.03.-01.04.2013)

Dank an Sabrina Schicke, die das Fotoshooting während ihrer Milonga im Pavillon am Friedrichshain (Berlin) möglich machte (die Milonga existiert nicht mehr). Ganz großen Millegrazie-Dank an die willigen Models Anja Brietzke und Manfred Lohe. Das war ein tolles Shooting! Sorry, Mädels, diesen Mann könnt ihr leider nicht mieten…

Weiterführende Links zum Thema:
Tänzer mieten in Buenos Aires mit „Tango Chérie
Oder den „Tango Taxi Dancers“
Oder den „Bailarines des Tango“
Ein überraschend gut recherchierter Artikel zum Thema in der Brigitte…
Dokumentarfilm aus dem Jahr 2010 von Carmen Eckhard, „Taxi Tänzer – Vom Tango umarmt“

Erstveröffentlichung: Tangodanza No. 3-2010, S. 26–28

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Reportageblase

Randnotizen zur TV-Reportage „In der Welt des Tangos“ von Julia Leiendecker

Auf EinsFestival läuft derzeit eine Reportagereihe mit dem Titel „Musikmilieus“. Das mutet bewusst soziologisch an, verspricht jedoch vor allem in Bezug auf den Beitrag zum Tango leider viel zu viel. Wie so oft bei Nullachtfuffzehn-TV-Reportageformaten fehlt der nötige Tiefgang, um die vollmundige Head inhaltlich auszufüllen. Aber gerade weil der Beitrag derart an der Oberfläche vor sich hindümpelt und bis zum Erbrechen wiederholt bemühte Klischees abbildet, ist Frau Leiendecker natürlich ein Fall für’s Tangolazarett.

Warum ich mir überhaupt die Mühe mache, drüber zu schreiben? Als Journalistin ärgert mich das. Oberflächlichkeit ist ein Begriff, der sich für mich mit dem Tango schlecht verbindet. Sämtliche Mythen, die im Verlauf der Geschichte um ihn herumgewoben wurden, propagieren Tiefgang, Sinnlichkeit, Innerlichkeit, Emotion. Drama, Baby, Drama. Und Jahr um Jahr poppt wieder irgendwo in der Tiefe des unterbeschäftigten deutschen JournalistInnensumpfs ein Menschlein auf, das meint, das Rad nochmal neu erfinden und sämtliche Klischees zum Tango wieder aus dem Keller herholen zu müssen, in dem der berühmte Mensch an der Bartmaschine steht. Erotik – check! Pensionierte Deutschlehrerinnen – check! Das will das RTL-II-verwöhnte Fernsehpublikum über die Mattscheibe flimmern sehen!

Worum geht es? Im Prinzip ist die Ausgangsidee nicht ohne Reiz: Leiendecker spannt eine Art tanzgeografisches Dreieck zwischen Saarbrücken, Seinajöki und Buenos Aires.

Silvina und Guillermo Böttcher, AG Tango Saarbrücken

Silvina und Guillermo Böttcher, AG Tango Saarbrücken

Sie startet bei Silvina und Guillermo Böttcher in Saarbrücken.
Das TanzlehrerInnenpaar hat sich ohne Zweifel mit ihrer Academia de Tango und der AG Libertango deutschlandweit sehr um den Tanz verdient gemacht und ist schon lange im Geschäft. So sind sie auch bemüht, dem Sistema Dinzel, das sie unterrichten, hierzulande Popularität zu verschaffen. Saarbrücken als Ausgangspunkt für die Reportage, so klein Stadt und Szene auch sein mögen (verglichen mit den Metropolen), ist nicht ohne Reiz: die Grenze ist nah und viele Tänzerinnen und Tänzer aus Frankreich und Luxemburg tummeln sich hier auf den Tanzflächen. Die Milongas weisen sicherlich ein wesentlich bunteres Kulturgemisch auf als dies in vergleichbar großen Szenen irgendwo in der Provinz der Fall sein mag.

Hier treffen wir z. B. Christiane Jortie, eine pensionierte Schulleiterin aus Frankreich. Und ein Pärchen, deren Namen ich schon wieder vergessen habe, nennen wir sie Charly und Franziska. Auch im Rentenalter. Denen folgen wir nach Hause, damit wir wissen, wie die so leben, und dann nach Buenos Aires. Aufregung – ein Traum wird wahr: Tango tanzen in Buenos Aires! Dann gibt es noch Silvina und Guillermo, die beiden gebürtigen Argentinier, die das Schicksal nach Deutschland verschlagen hat und die in Seinajöki in Finnland einfach mal das weltgrößte Tangofestival angucken wollen. Das hat in den Augen von Tango-Argentino-Fans ohnehin etwas Obskures, denn der Finntango wird ganz anders getanzt, Schritte, Körperhaltung und Rythmen sind ganz verschieden. Irgendwie volkstümlicher. So erleben die beiden denn auch das Festival. Seinajöki: robust, volkstümlich. Hier findet der Tango in Holzpantinen auf Heuböden alter Bauernhöfe statt. In Argentinien: ah – Eleganz, der eingestaubte Glanz leicht heruntergekommener Jahrhundertwendesalons und Erotik! Check!

Punchtango, Jahrhundertwende

Foto: wikimedia commons

Jahrhundertwende ist dabei das Stichwort: was wir im Film durchgängig zu sehen bekommen, ist offenkundig ein RentnerInnensport. Alle Beteiligten sind im fortgeschrittenen Alter, auch Silvina und Guillermo sind nicht mehr ganz taufrisch. Damit wir uns nicht falsch verstehen: das ist beileibe kein Vorwurf, denn die reifen Tänzerinnen und Tänzer mit langer Tanzerfahrung gelten im Tango schließlich als sowas wie gut gelagerter Wein oder luftgetrockneter Schinken: vollmundiger, versierter, vertrauenerweckender. Und die Intention der MacherInnen wird deutlich: den Alltag ganz normaler Menschen porträtieren, so ganz schick filmemacherinnenmäßig. Bloß, so ein paar junge wilde Tänzerinnen und Tänzer hätten ja vielleicht nicht geschadet. Die haben schließlich auch einen Alltag. Denn so kontrastreich fallen die Biografien von Charly und Franziska und Christiane nicht aus, ehrlich gesagt.

Während wir Christiane zu Hause besuchen, fällt ein ziemlich harter Satz im Off, beinahe im Vorbeigehen. So im Sinne von „Die Nähe und Emotion, die Christiane zu Hause von ihrem Mann nicht mehr bekommt, holt sie sich halt beim Tango. Die beiden leben zwar unter einem Dach, aber haben sich nichts mehr zu sagen.“ (Paraphrasiert, ich hab nicht mitgeschrieben.) Dann sieht man die beiden stumm in einem gigantischen, geschmackvoll und teuer eingerichteten Esszimmer ihre Suppe löffeln. Und schwupps – Schnitt, schon sind bei einem ganz anderen Thema, bloß nicht in die Tiefe gehen. Schade, denn hier tat sich der Riss in der glänzenden Tangohülle auf, den zu verfolgen in der Reportage sich gelohnt hätte. Der Riss ist die Souture, diese Schwelle in die Parallelwelt – die guter Dokumentarfilme – aber auch in den Subtext, der auf der Milonga zwischen den Zeilen bzw. Noten der vielzitierten Tangopoetik mitläuft: Er zeigt die Brüchigkeit dieser schönen Glitzerwelt, die ganz und gar auf Ersatzbefriedigung hinausläuft. Und seien wir ehrlich: wir alle kennen dieses Gefühl.

Symptomatisch dafür – und damit wird das Urthema des Tangolazaretts verhandelt – ist die Ereignislosigkeit der Beziehung zwischen Christiane und ihrem Mann. Christiane holt sich ihr Drama, den Glanz und die Erotik woanders – in der Tangoszene. Wie so viele andere neben ihr… Die Anonymität und Unverbindlichkeit des Kontaktes im Tanz ist so schön leicht und schnell herzustellen. Nichts muss man dafür leisten, zehn Minuten Nähe, Schweben, fern vom Alltag und – schwupps – schon kann man sich wieder entziehen, bevor’s brenzlig werden könnte. Emotionen im Dutzend billiger. Hier ist jede Frau ein Vamp mit Schlitz im Kleid und jeder Mann ein weltgewandter väterlicher Dandy, der die Frauen versteht und nonchalant übers Parkett schiebt. Wie trügerisch das ist, wird einem spätestens dann klar, wenn man morgens aufwacht und feststellt – „Wie, der Tango, das ist gar nicht das richtige Leben?“ und sich allein im Bett rumdreht, um nochmal die Katze unter der Bettdecke zu knuddeln.

Auch hier gibt es Ausnahmen: nicht wenigen Paaren ist es gelungen, über die gemeinsame Freizeitbeschäftigung ihre Beziehung zueinander zu vertiefen, die Nähe, die sie im Alltag miteinander verbindet, sinnlich auch im Tanz zu leben. Und natürlich gibt es immer wieder Paare, die sich in der Szene kennen- und liebengelernt haben. Und deren Beziehung auch jenseits der Milonga funktioniert… Silvina und Guillermo sind sicherlich ein gutes Beispiel dafür, mein Lieblingspaar sind natürlich Susanne und Torsten. Beide Paare jedoch beschäftigen sich beruflich mit dem Tango, leben davon, zumindest zum Teil. Für sie ist die Szene mithin auch durchaus professionelle Realität und nicht nur Projektion.

Doch hüpfen wir mit Frau Leiendecker lieber schnell über diese Kluft, die sich da vorhin geöffnet hat und in das gelobte Land, nach Argentinien, die Heimat dieser ganzen schwarzhaarigen Schönheiten und heißblütiger Milongueros. Das sind die, die den Tanz wirklich verstehen. Die haben den ja schon mit der Muttermilch eingesogen. Das ist authentisch. Das ist ganz anders als hier hin Deutschland. Viel volkstümlicher. Moment. Klingt da etwa eine Paralle zum Finntango auf? Na sowas! Geht die Filmemacherin etwa drauf ein. Nein! Soviel zum hochtrabenden Reihentitel des Reportageformats. Nicht überall, wo Soziologie draufsteht, ist auch welche drin….

Foto: Elke Koepping, El Caminito, Touristenviertel La Boca in Buenos Aires

Foto: Elke Koepping – El Caminito, Touristenviertel La Boca in Buenos Aires

Christiane blüht auf in Buenos Aires. Sie bringt die entscheidenden Vorteile all jener TangotouristInnen mit, die dort seit einigen Jahren die Milongas verstopfen und sich ausschließlich dem Tanz widmen können. 1. Sie ist Rentnerin, das heißt, sie hat unendlich viel Zeit. 2. Sie war Schulleiterin und hat Geld wie Heu. Also bleibt sie flugs ein paar Wochen länger, natürlich ohne ihren Mann, und vertanzt ganze lange Nächte und Wagenladungen an Schuhen, einfach weil sie es kann. Tagsüber geht sie shoppen – die Tangoschuh- und -modeindustrie blüht vor Ort. Schlussletztlich überlegt sie, sich vor Ort eine Wohnung zu kaufen. Is ja alles so billig da. Hören wir etwa kritische Untertöne über diese Art imperialistisch-europäischer Konsumhaltung in Bezug auf das staatsbankrotte Entwicklungsland Argentinien? Nein, die hören wir nicht! Setzen, Frau Laiendecker, 6!

Parallel ist da noch die Geschichte von Charly und Franziska (wie auch immer sie wirklich heißen mögen). Die reisen derweil nämlich auch in die Stadt am Río de la Plata. Und auf die Frage, ob der Charly nicht eifersüchtig ist, wenn die Franziska da in den Armen eines anderen über die Tanzfläche schwebt, antwortet Charly sinngemäß sowas wie, nee, das findet er ja ganz toll, dass die Franziska da so eine Erfahrung machen kann, weil die Tänzer in Argentinien, die wissen ja Bescheid. Die können das ja richtig, mit dem Tanz. Und so eine Erfahrung, das gefällt ihm doch gut für sein kleines Frauchen. Erst wollte sie ja nicht mit, näch, aber langsam erwärmt sie sich dann doch für diese ganze Fremdheit und Exotik da. Puuuhhh. Die Kolonialzeit lässt grüßen. Der „reiche“, „weiße“ Europäer kauft ein kleines bisschen 10-Minuten-Glück für seine Frau, damit die auch mal was erlebt. Beinahe so, als würd’ er ihr den Gigolo finanzieren und dann gönnerhaft auf der Bettkante sitzen und zusehen, wie sie’s treiben. Na, wer’s mag…

Und dann schwiemelt die Off-Sprecherin gleich noch was über Latinos rum, Heißblütigkeit und so. Wo sich den Argentiniern vermutlich die Scham-Haare kräuselten, wenn sie wüßten, was die da redet und wären sie’s nicht eh schon, gekräuselt, mein ich. Schließlich bilden die sich was ein auf ihre europäische Abstammung und die ganze kulturelle Tradition des alten Kontinents.

Langer Rede kurzer Sinn: Es ist nicht so, als könnte man sich die Doku nicht ansehen. So schlecht ist sie nicht. Aber sie ist ganz einfach kalter Kaffee. Und hüpft irgendwann derart wild zwischen Seinajöki und Buenos Aires hin- und her, dass man völlig die Orientierung verliert. Klaro, 45 Minuten sind verdammt wenig Zeit. Dann ist das an der Länge des Films gemessen vielleicht auch einfach ein bisschen zuviel Holz: all diese Locations und unterschiedlichen Szenen und Städte. Ganz abgesehen davon, dass sich Autorin und Regisseurin weder in das Thema eingearbeitet noch tiefer darauf eingelassen haben. So ganz in RTL-II-Manier – „Lasst uns mal eben in den Puff fahren und die Kamera draufhalten, sowas will das Publikum sehen.“ Das ist einfach schlechtes Handwerk. Und dafür zahl ich am End‘ auch noch Gebühren…

Für die, die’s interessiert: Samstag, 16.02.2013, 11.10 Uhr, „In der Welt des Tangos“ auf EinsFestival.

Wer keinen Fernseher hat, kann übrigens über zattoo auch live im Internet gucken, das als Tip am Rande.

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